Lange stand der Fahrersitz im Mittelpunkt der Entwicklung. Heute wird der Fahrzeuginnenraum immer mehr als Lebensraum betrachtet. Der Sitz übernimmt neue Funktionen. Doch wie sieht er aus, der Fahrzeugsitz der Zukunft?
Brose und Brose Sitech haben gemeinsam den SlimSeat entwickelt und realisieren damit die Konzeptstudien vieler Automobilhersteller.
(Bild: Brose SE)
Nahezu alle Fahrzeughersteller teilen in ihren Konzeptstudien eine Vision: Der Fahrzeugsitz der Zukunft hat eine schlanke Silhouette, klare Linien und ein futuristisches Design. Die Ingenieure des Automobilzulieferers Brose haben in einem Vorentwicklungsprojekt untersucht, ob sich in einem solchen Sitzmodell die Ansprüche an immer neue Komfortfunktionen und zugleich höchste Sicherheitsanforderungen vereinen lassen. Entscheidend in diesem Projekt war die enge Zusammenarbeit mit Brose Sitech, dem 2022 gegründeten Gemeinschaftsunternehmen von Brose und Volkswagen.
Der Anbieter für Sitzsysteme und Innenraumlösungen bringt ein tiefgreifendes Verständnis für die Entwicklung kompletter Fahrzeugsitze ein und ergänzt das jahrzehntelange Know-how von Brose in der Sitz-Verstelltechnik. Das erste Ergebnis der gemeinsamen Zusammenarbeit in der Sitzentwicklung ist der SlimSeat – eine Innovation, die Design und Funktion perfekt vereint.
Der SlimSeat verkörpert die Philosophie einer schlanken, klaren und futuristischen Gestaltung und bietet dennoch höchsten Komfort und maximale Sicherheit. Dabei setzt Brose auf einen weiterentwickelten Gurtintegralsitz, bei dem der Gurt direkt am Sitz befestigt ist. Dies ermöglicht eine Verstellung bis in die Liegeposition, ohne Kompromisse bei der Sicherheit einzugehen und unterstützt die flexible Gestaltung von Fahrzeuginnenräumen.
Zum Einsatz kommen bewährte Serienkomponenten wie Lehnenbeschläge, Höhenversteller und die Lordosenstütze mit Vibrationsmassage, die vitalisierend wirkt und Müdigkeit vorbeugt. Zusätzlich kann sie für ein innovatives Hörerlebnis und Gaming im Fahrzeug genutzt werden. Eigens entwickelte Algorithmen wandeln das Signal der Soundanlage in eine rhythmische Massage um und steigern den Musikgenuss. Zusätzlich warnen Vibrationselemente im Sitz den Fahrer – sei es beim Sekundenschlaf oder zur Unterstützung des Spurhalteassistenten.
Doch nicht nur bestehende Technik wurde intelligent in die Sitzstruktur integriert. „Einzelne Funktionen haben wir ganz neu interpretiert und mit dem Sitzdesign in Einklang gebracht“, erklärt Sandra Kieser-Neumeyer, Leiterin Konzeptentwicklung Sitz Brose Gruppe. So wurde die Verstelleinheit für den Lehnenkopf neu konzipiert, wodurch sich ein sehr schlankes Design realisieren lässt. Die integrierte Kopf- und Nackenstütze lässt sich zudem individuell einstellen. Ein weiteres Highlight ist die Fußstütze – sie ist flexibel positionierbar und verwandelt sich durch ihre integrierte Höhenverstellung auf Knopfdruck in eine Beinauflage.
„Das Design muss auf den ersten Blick Wertigkeit, Komfort und Sicherheit vermitteln.“ , meint Thorsten Esser, Entwicklungsleiter und technischer Geschäftsführer von Brose Sitech
Die durchdachte Anordnung der Versteller in der Metallstruktur ermöglicht viele Freiheiten im Sitzdesign. Im nächsten Schritt galt es, mit dem Schaumstoff und Bezügen nicht zu viel „Speck auf die Rippen“ der schlanken Sitzstruktur zu bringen. „Es war herausfordernd, die richtige Balance zwischen einer filigranen und einer robusten Anmutung des Sitzes zu erreichen. Das Design muss auf den ersten Blick Wertigkeit, Komfort und Sicherheit vermitteln“, betont Thorsten Esser, Entwicklungsleiter und technischer Geschäftsführer Brose Sitech GmbH. Die Ingenieure griffen auf ihre Erfahrung aus der Entwicklung von Sportsitzen zurück und schafften Erstaunliches.
Der SlimSeat bietet den Fahrzeugherstellern viele Freiheiten, auch bei Nähten und Befestigung der Bezüge, den sogenannten unsichtbaren Abheftungen – ein wichtiges ästhetisches Unterscheidungsmerkmal. Zudem ist der Sitzbezug durch die „textile Schraube“ sortenrein recycelbar – ein bedeutender Schritt in Richtung Nachhaltigkeit.
Brose und Brose Sitech haben mit dem SlimSeat eindrucksvoll gezeigt, wie nahtlos sich ihre Kompetenzen ergänzen und welche Synergien bei der Entwicklung von Struktur, Schaum und Bezügen entstehen. Nun steht die nächste Herausforderung bevor: die Integration von Gurtaufroller und Airbags – ohne dass der Sitz wieder „dick“ wird. Um dieses Ziel zu erreichen, haben die beiden Unternehmen Ende 2024 eine enge Zusammenarbeit mit Joyson Safety Systems gestartet, einem weltweit führenden Experten für Fahrzeugsicherheit. Noch in diesem Jahr erhält der SlimSeat sein Sicherheitsupgrade, die Validierungstests in der Entwicklung beginnen, und aus einer anfänglichen Idee entsteht Schritt für Schritt ein marktreifes Produkt. „Wenn wir Technik und Design von Anfang an gemeinsam betrachten, können wir Schnittstellen künftig noch stärker standardisieren“, blickt Kieser-Neumeyer bereits in die Zukunft. Auch in puncto Nachhaltigkeit von Bezügen, Sichtblenden und Schaumstoff gibt es noch Potenzial. Der SlimSeat ist erst der Anfang einer neuen Generation von Fahrzeugsitzen.
Mehr als ein Sitz: das variable Innenraumkonzept der Zukunft
Flexibler Innenraum: Per Knopfdruck wird die Rückbank zu zwei Einzelsitzen, die sich in eine komfortable Liegeposition bewegen.
(Bild: Brose SE)
Beim Sitz der Zukunft kommt es nicht nur auf Design und Funktionalität an, sondern es geht vielmehr um die Frage, wie dieser Teil des variablen Innenraumkonzepts wird. Fahrer entscheiden künftig individuell, ob sie ihr Fahrzeug für konzentriertes Arbeiten, zum Relaxen oder aktivem Fahren nutzen. Dafür nehmen elektronisch geregelte Sitze, Displays und Ablagen automatisch die perfekt abgestimmte Position ein, während sich der Luftstrom der Klimaanlage automatisch anpasst. Die Rückbank verwandelt sich in zwei einzelne Liegesitze für mehr Komfort oder lässt sich platzsparend verschieben, um eine größere Ladefläche zu schaffen. In die Sitzschienen integrierte Cargo-Module ermöglichen die sichere Befestigung von Transportboxen oder das Anschließen von E-Scootern. Gleichzeitig bieten die Module Daten- und Stromschnittstellen für zusätzliche Services wie das Laden von Akkus.
Um dieses Mobilitätserlebnis zu realisieren, kombiniert Brose sein mechatronisches Know-how mit Sensorik. Das Produktportfolio reicht von der manuellen Verstellung bis zum kompletten, elektrisch verstellbaren Sitz mit Komfort- und Entertainmentfunktionen. Ein neuartiges Schienensystem erlaubt eine unabhängige Bewegung von Innenraumelementen, sodass sich das Fahrzeug noch vielseitiger nutzen lässt.
Mit dem Fortschritt hin zu autonomen Fahrfunktionen steigen auch die Sicherheitsanforderungen. Die schnelle Rückkehr in die aufrechte Sitzposition wird essenziell, damit der Fahrer bei Warnhinweisen sofort reagieren und die Kontrolle übernehmen kann. Brose hat seine langjährige Erfahrung im Antriebsbereich auf elektronisch kommutierte Motoren für die Sitzverstellung übertragen. Diese arbeiten mit höherer Geschwindigkeit und leiser als herkömmliche Varianten. Im Falle eines drohenden Zusammenstoßes richten diese Antriebe die Fahrzeugsitze in Sekundenbruchteilen auf.
„Die Individualisierung von Fahrzeugsitzen wird in den kommenden Jahren weiter voranschreiten – von ergonomischen Anpassungen bis zu flexiblen Sitzkonfigurationen für unterschiedliche Nutzungsszenarien. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der ausgewogenen Verbindung von Komfort, Sicherheit und Nachhaltigkeit“, erklärt Kieser-Neumeyer.
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Stand: 08.12.2025
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