Südlich von Schanghai baut China für mehr als neun Milliarden Euro seine erste High-Tech-Strecke für autonome Fahrzeuge. Die Zentralplaner verfolgen damit ein klares Kalkül: Sie wollen ihrem Land im weltweiten Rennen um die Mobilität der Zukunft einen der besten Startplätze verschaffen.
Mit dem Format „China Market Insider“ berichtet die »Automobil Industrie« regelmäßig über den chinesischen Automobilmarkt.
(Source: Deposit Photos)
„Staus sind bald Geschichte“, titelte dieser Tage das chinesische Automagazin Qiche Zhijia. Grund für den Jubel ist die Baugenehmigung für Chinas erste „Smarte Super-Autobahn“, die vergangene Woche erteilt worden ist. Es wird die erste Autobahn mit speziellen Fahrbahnen für autonome Fahrzeuge sein.
Die High-Tech-Vorzeigestrecke beginnt in Hangzhou und endet rund 160 Kilometer später in Ningbo, beides Millionenstädte in der reichen chinesischen Küstenprovinz Zhejiang südlich von Schanghai. Das entspricht in etwa der Entfernung von Nürnberg nach München. Schon in etwa zwei Jahren soll die neue Strecke eröffnet werden.
E-Autos während der Fahrt laden
Der Bau der Autobahn markiert einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zur Kommerzialisierung des autonomen Fahrens – nicht nur in China, sondern weltweit. Peking investiert damit erstmals massiv in die Infrastruktur, mit der die Adaption dieser neuen Form der Mobilität überhaupt erst möglich wird.
Zeitgleich veröffentlichte Chinas Transportministerium neue Standards für die dazugehörigen Leitsysteme und Nebenanlagen auf solchen Autobahnen. Beide Schritte sind deutliche Signale für ein zentral geplantes Verkehrskonzept rund um selbstfahrende Autos, dass nun viel schneller als in Europa und den USA umgesetzt werden dürfte.
In den Fahrbahnen, die ausschließlich für selbstfahrende Autos ausgewiesenen sind, werden schon jetzt elektromagnetische Induktionsspulen verbaut. Damit solle künftig – sobald die dazugehörige Technik in den Fahrzeugen zur Verfügung steht – das kabellose Aufladen der Autobatterien während der Fahrt möglich sein, berichten chinesische Medien. Auch Photovoltaik-Platten werden verbaut, die unter einer wasserdichten Abdeckschicht Sonnenlicht in Energie umwandeln. Die neue Autobahn wird 70,7 Milliarden chinesische Yuan (rund 9,2 Milliarden Euro) kosten, also etwa 400 Millionen Yuan (rund 52 Millionen Euro) pro Kilometer.
China will im Rennen um Mobilitätsmarkt vorne mitspielen
Wenn die kommunistische Staats- und Parteiführung in Peking nun beginnt, gewaltige Summen in die landesweite Infrastruktur für autonomes Fahren zu investieren, so folgt das einem klaren Kalkül. Die Zentralplaner sehen gerade hier eine gute Chance für einen großen Sprung auf dem Weg in die Mobilität der Zukunft. So könnten gemäß einer McKinsey-Studie bis zum Jahr 2040 in China bereits 66 Prozent aller Passagierkilometer in autonomen Fahrzeugen zurückgelegt werden. Allein der chinesische Markt für autonomes Fahren könnte dann zwei Billionen US-Dollar (1,8 Milliarden Euro) wert sein.
Im Klartext: Wer die nötige Infrastruktur auf den lokalen Autobahnen bereitstellt, die Massenindustrialisierung von „Technology Stacks“ vorantreibt und rechtzeitig Standards für Leit- und Sicherheitssysteme, Bewegungsplanung und Sensoren sowie für Kommunikationslösungen im Bereich Vehicle-to-X (V2X) in die Welt setzt, der kann heimischen Unternehmen den Aufstieg zu globalen Marktführern erleichtern. Genau damit hat China nun begonnen. Die Standards und Normen für sogenannte Autobahn-Nebeneinrichtungen, die jüngst vom Transportministerium öffentlich ausgeschrieben worden sind, beziehen sich auf Themen wie Kommunikation und Signale, Positionsbestimmung, Verkehrsleit- und Induktionssysteme, HD-Mapping, Objekterkennung, Sensoren und vieles mehr.
China will mehr als nur Staus abschaffen
Es geht dabei um sehr viel mehr als die Abschaffung von Staus auf den Autobahnen. Wenn China in den kommenden Jahren weitere Milliardensummen in High-Tech-Straßen und ihre begleitende Infrastruktur steckt, so hat das gewaltige makro-ökonomische Implikationen, auch für die derzeit noch international gut positionierten Autokonzerne in Deutschland und ihre Zulieferer. Peking setzt erkennbar darauf, dass der Automobilmarkt der Zukunft völlig neu verteilt werden könnte.
Viele Spitzenkader der Kommunistischen Partei sind Technokraten mit einem soliden Hintergrund in Ingenieurwissenschaften. Staats- und Parteichef Xi Jinping etwa hat Chemie-Ingenieurwissenschaften an der renommierten Pekinger Tsinghua-Universität studiert, bevor sein Aufstieg durch die Ränge der Partei begann. Xi und andere Technokraten in seinem Umkreis verstehen die Bedeutung von Standards und Normen sowie des fleißigen Datensammelns auf High-Tech-Autobahnen. Sie sind erkennbar entschlossen, ihrem Land im weltweiten Rennen um die Mobilität der Zukunft einen der besten Startplätze zu verschaffen.
Stand: 08.12.2025
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Über den Autor
*Henrik Bork ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking. „China Market Insider“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Vogel Communications Group, Würzburg, und der Jigong Vogel Media Advertising in Beijing.