Volkswagen Cavallo verteidigt Tarifabschluss – Erster Blick auf Billig-Stromer

Quelle: dpa/sp-x 4 min Lesedauer

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Vor der Belegschaft äußern sich Betriebsrat und Management von VW zum kürzlich erreichten Tarifkompromiss. Und geben erste Ausblicke in die elektrische Zukunft.

Wolfsburg hat eine Skizze des künftigen ID 1 veröffentlicht.(Bild:  Volkswagen AG)
Wolfsburg hat eine Skizze des künftigen ID 1 veröffentlicht.
(Bild: Volkswagen AG)

Weniger Applaus für die VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo, aber auch keine Pfiffe oder Buhrufe fürs Management: Auf der ersten Betriebsversammlung bei VW nach dem Tarifabschluss vom Dezember war die Stimmung wie ausgewechselt. Anders als bei den vorherigen Betriebsversammlungen, als Cavallo vor allem Widerstand gegen die Sparpläne des Konzerns mobilisiert hatte, bemühten sich beide Seiten dieses Mal, ein Zukunftsbild für die Marke zu zeichnen – und das Kriegsbeil zu begraben.

In ihrer Rede vor Tausenden Mitarbeitern verteidigte Cavallo den kurz vor Weihnachten erzielten Abschluss. Mitten in der Krise der gesamten Branche habe man ein Ergebnis erreicht, „um das uns ganz viele Belegschaften hierzulande beneiden“, sagte sie laut Redemanuskript. Damit habe Volkswagen nun eine gute Ausgangslage für die Zukunft.

Erste Designskizze für 20.000-Euro-Stromer

Markenchef Thomas Schäfer sprach vom „größten Zukunftsplan in der Geschichte von Volkswagen“, den man mit dem Verhandlungsergebnis im Dezember auf den Weg gebracht habe. Auf den Tarifstreit, der VW im vergangenen Jahr monatelang gelähmt hatte, ging er in seiner Rede ansonsten kaum ein, war von Teilnehmern zu hören. Anders als bei den vorigen Versammlungen im September und Dezember, als das Management vor allem die hohen Personalkosten kritisierte, bemühte sich Schäfer, ein positives Zukunftsbild für die Marke zu zeichnen.

Es gehe jetzt um „Aufholen, Angreifen, Anführen“, sagte der Markenchef. Und kündigte eine große Offensive mit neun neuen Modellen in Europa an – „inklusive bezahlbarer E-Autos im Einstiegsbereich“. Schäfer kündigte für Anfang März die Präsentation eines Showcars an, das einen Ausblick auf ein elektrisches Einstiegsmodell im A-Segment geben soll. Es soll 2027 zu einem Basispreis von rund 20.000 Euro auf den Markt kommen. Im Rahmen der Betriebsversammlung konnten Mitarbeiter einen ersten Blick auf das Design des kommenden Modells werfen, das sehr wahrscheinlich den Modellnamen ID 1 erhalten wird.

Das derzeit günstigste Elektromodell der Wolfsburger ist der ID 3, der aktuell zu Preisen ab rund 30.000 Euro angeboten wird. 2026 will VW auch im B-Segment ein E-Modell zu Preisen ab 25.000 Euro anbieten. Mit dem Showcar ID 2 all hat VW bereits einen Ausblick auf den Kleinwagen gegeben, der auf einer neuen Evolutionsstufe des Modularen Elektrobaukastens MEB basieren wird.

Auf der SSP-Plattform werden hingegen Volumenmodelle wie ein elektrischer Nachfolger des Golf und ein elektrischer T-Roc aufsetzen. VW plant, jährlich mehr als 500.000 Exemplare dieser Baureihen im Werk Wolfsburg zu produzieren. Mit der Scalable Systems Platform (SSP) entsteht die nächste Generation einer rein elektrischen, volldigitalen und hochskalierbaren Mechatronik-Plattform, die zudem eine einheitliche Software-Architektur nutzt.

Applaus statt Buhrufe

Am Ende erhielt Schäfer von den Mitarbeitern sogar höflichen Applaus, berichteten Teilnehmer. Konzernchef Oliver Blume war ebenfalls dabei, trat selbst aber nicht ans Rednerpult. Bei der vorigen Betriebsversammlung im Dezember hatte Blume mitten in der heißen Warnstreikphase noch selbst gesprochen – und war von den Mitarbeitern zeitweise ausgebuht worden.

Dieses Mal sei die Stimmung deutlich weniger kämpferisch gewesen, hieß es. Protest gab es nicht. Auch kritische Nachfragen zum Tarifabschluss blieben in der Aussprache aus. Zudem war der Zuspruch zur Versammlung deutlich geringer als zuletzt: Anders als im September und Dezember habe die Halle nicht wegen Überfüllung geschlossen werden müssen.

Tarifeinigung mit Einschnitten

Unternehmen und Gewerkschaft hatten sich am 20. Dezember nach langem Ringen und mehreren Warnstreiks auf ein Sanierungsprogramm geeinigt, das den Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen in Deutschland bis 2030 vorsieht. Im Gegenzug verzichtet VW auf Werkschließungen und betriebsbedingte Kündigungen.

Um die Personalkosten zu senken, werden Urlaubsgeld, diverse Bonuszahlungen und Zulagen gekürzt. Lohnerhöhungen liegen vorerst auf Eis. Und von 2027 an soll die Struktur des Haustarifs an den niedrigen Branchentarif angenähert werden.

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„Wir als Arbeitnehmerseite haben geliefert und müssen uns nicht mehr anhören, erst noch liefern zu müssen“, sagte Cavallo. Jetzt sei der Vorstand am Zuge. Kritik aus der Belegschaft, mit einem härteren Arbeitskampf wäre womöglich mehr herauszuholen gewesen, hatte die Betriebsratschefin schon in ihrer Rede zurückgewiesen. Das, so Cavallo, hätte die Fronten nur verhärtet und wohl zu noch dramatischeren Einschnitten geführt. „Die Folge daraus wiederum wäre ein gelähmter Konzern gewesen, der in endlosen Konflikten versinkt.“

Weiter offene Baustellen

Auch nach den Tarifeinigungen gibt es im Unternehmen genug offene Baustellen. Zwar hatte VW im Dezember angekündigt, 35.000 der bisher rund 130.000 Stellen in Deutschland abzubauen, also fast jede vierte. Offen ist aber, wie das ohne betriebsbedingte Kündigungen gelingen soll. „Die 35.000 Arbeitsplätze, die das Unternehmen bis 2030 abbauen will, werden nicht wie von Zauberhand verschwinden“, sagte Cavallo. Nur mit etwas mehr Altersteilzeit werde das nicht gelingen.

Auch die Diskussion um die Überarbeitung der Tarifstruktur hat gerade erst begonnen. Bis Ende 2025 läuft die Analyse, 2026 soll mit der IG Metall über Änderungen verhandelt werden. Für die bisherigen Mitarbeiter soll es aber eine umfangreiche Besitzstandswahrung geben. „Niemand verliert Geld“, versprach Cavallo. „Niemandem wird etwas Bestehendes weggenommen.“

Dresden und Osnabrück bleiben Sorgenkinder

Selbst beim Thema Standorte gibt es noch Fragezeichen. Zwar stellte Cavallo klar: „Keines unserer Werke wird dicht gemacht. Insbesondere auch Osnabrück und Dresden nicht. „Doch Autos sollen in Dresden von 2026 an nicht mehr gebaut werden. Bis dahin muss ein Alternativkonzept erarbeitet werden. Und auch in Osnabrück ist offen, was dort nach dem Ende der T-Roc-Cabrio-Produktion, die 2027 ausläuft, gebaut werden soll. Berichten zufolge gibt es Überlegungen, den Standort dann zu verkaufen.

Schäfer formulierte aber ein klares Ziel: „Wir sind 2030 der technologisch führende Volumenhersteller. Die Nummer eins in Europa, auch im Elektrozeitalter.“

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