Lightweighting Summit „Leichtbau gewinnt wieder an Fahrt“

Von Christine Koblmiller 7 min Lesedauer

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Unter den 250 Teilnehmern des 6. Lightweighting Summit herrschte am Ende Konsens: Leichtbau ist ein wichtiger Enabler für die nationale und internationale Wettbewerbsfähigkeit, ein Schlüssel zur Technologieführerschaft von Deutschland und Europa.

BMW-Leichtbauexperte Herbert Negele erklärte den 250 Teilnehmern des 6. Lightweighting Summit warum der Leichtbau im Automobilbau wieder an Fahrt gewinnt.(Bild:  bundesfoto/Bernd Lammel)
BMW-Leichtbauexperte Herbert Negele erklärte den 250 Teilnehmern des 6. Lightweighting Summit warum der Leichtbau im Automobilbau wieder an Fahrt gewinnt.
(Bild: bundesfoto/Bernd Lammel)

Fast 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erlebten vor Ort und im Live-Stream einen 6. Lightweighting Summit des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) auf der Hannover Messe, der die Bandbreite, Relevanz, aber auch die Herausforderungen des Leichtbaus sehr gut abbildete. Das Event stand unter dem Motto „Leichtbau als Treiber für Innovationen und Wettbewerbsfähigkeit“.

In übergreifenden Keynotes, einem Pitch-Format für Forschungsprojekte und einer vielseitig besetzten Paneldiskussion näherten sich die Akteurinnen und Akteure der Veranstaltung dem Thema aus unterschiedlichen Richtungen und boten so jede Menge politische und technologische Impulse.

Das protektionistische Agieren der USA, der Krieg in der Ukraine und eine chinesische Wirtschaft in schwierigem Fahrwasser bildeten den geopolitischen Rahmen der diesjährigen Hannover Messe. In seiner Keynote zum 6. Lightweighting Summit betonte Jochen Köckler, CEO der Deutsche Messe AG, die daraus erwachsenden Herausforderungen, äußerte sich aber gleichzeitig zufrieden über 60 Prozent Ausstelleranteil aus dem Ausland. Als essenziell für nachhaltigen Fortschritt im doppelten Wortsinn stufte er innovative Technik und damit den Leichtbau ein. Digitale und analoge Welt müssten dazu sinnvoll kombiniert werden, um die Frage nach der Technik von morgen richtig zu beantworten.

Habeck zeigte Leichtigkeit

In der Keynote des geschäftsführenden Vizekanzlers und noch amtierenden Bundesministers für Wirtschaft und Klimaschutz Robert Habeck spürte man eine gewisse Leichtigkeit der nun zeitlich begrenzten Verantwortung. Die Zukunft jedoch sei alles andere als leicht eröffnete er seine Begrüßung. „Abschottung ist nur vorübergehend erfolgreich“, so seine Botschaft, mit der er Hoffnung zu vermitteln suchte. Und damit gleichzeitig die Leichtbau-Community zum Handeln aufforderte: „Offenheit bei Kooperationen und Technologie sind die Gebote der Stunde“. Dann könne die Zukunft sehr wohl leicht und sogar ein internationales Spielfeld werden. Denn der Leichtbau bringe wesentliche Voraussetzungen dafür mit: einen geringeren Materialbedarf und damit weniger Energieverbrauch – auch im Bausektor – als derzeit wichtigen ökologischen Aspekt. In der aktuellen Wahrnehmung mindestens gleichwertig aber sei das Thema Sicherheit: Leichtbau vermindere durch den geringeren Materialeinsatz und die verbesserte Energieeffizienz die Abhängigkeit von Ressourcen. Sein Vorschlag an die Adresse der neuen Bundesregierung sei daher eine Neuauflage des Technologietransferprogramms Leichtbau (TTP-LB).

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Diesen Ball nahm Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie, gerne auf. Er betonte jedoch auch, dass es gerade im Bauwesen gelte, weitere Herausforderungen für mehr Leichtbau zu lösen. Dazu zählte er notwendige schnellere Zulassungen und Normen für Verfahren und Baustoffe ebenso wie verbessere Rahmenbedingungen für die Forschung. Wesentlich dabei seien eine schnellere Skalierung von Forschungsprojekten, eine Forschungseinrichtung für den Bau sowie Technologietransfer und schnellere Marktdurchdringung für neue Werkstoffe, wie etwa Carbonbeton.

Tunnelbau, Schienenfahrzeuge und Batteriegehäuse

Die anschließend vorgestellten Forschungsprojekte aus dem bis 2027 finanzierten TTP-LB konnten unterschiedlicher nicht sein: Holger Alder, Geschäftsführer von Photon Laser Manufacturing, präsentierte mit dem Projekt MobiXL ein bionisch inspiriertes Versteifungskonzept großer Strukturbauteile (z. B. Seitenwände) für Schienenfahrzeuge. Als Ergebnis nannte er reduzierte Bauteilkosten, geringerer Verzug und eine Gewichtseinsparung von zusätzlichen zehn Prozent gemessen am vorher bereits gewichtsoptimierten Bauteil.

Ein ressourceneffizientes Tunnel-Tragsystem – das Projekt RTTS – stellte Franziska Reich vor, Expert Consultant bei Ed. Züblin. Für Tübbinge und Ringspaltmasse (Tunneltragsystem) werden dabei CO2-reduzierte Ökobetone verwendet und die Bauteile designoptimiert, um möglichst viel Ressourcen zu sparen. Im Sinne geschlossener Stoffkreisläufe sollen auch die Ausbruchsmassen später wiederverwendet werden. Ein Digitaler Zwilling und KI-basierte Simulationen sowie ein automatisierter Fertigungsprozess unterstützen diese Projektziele.

Im Projekt „protECOlight“ wurde unter Beteiligung von Audi eine leichte Unterbodenschutzplatte für Elektroautos entwickelt. Dabei ging es, laut Julius Rausch, technische Entwicklung Leichtbau Kunststoffe/Faserverbundkunststoffe bei Audi, darum, Nachhaltigkeitsstrategien inklusive einer Life Cycle Analysis (LCA) für die beiden Varianten aus Duroplast-Composites und TP-FVK zu entwickeln und funktional sowie experimentell zu bewerten. Im Ergebnis wurde – bezogen auf das GWP (Global Warming Potential) – eine Kunststoff-Sandwich-Bauweise als deutlich günstiger bewertet als dasselbe Bauteil aus Aluminium. Durch den Einsatz nachhaltiger Materialien und grüner Energie könne diese Bewertung sogar noch günstiger ausfallen. Gleichzeitig konnten Funktion und Schadenstoleranz des Bauteils verbessert werden.

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„Leichtbau gewinnt wieder an Fahrt“, so eine Kernaussage des Vortrags von Herbert Negele, Leiter Werkstoffentwicklung und Leichtbau bei BMW. Allerdings stehe der Leichtbau im Wettbewerb zu anderen Anforderungen im Automobil: den Kosten und technischen Regeln. Die Zukunft sieht Negele in einem notwendigen systemischen Ansatz für das Leichtbau-Design im Automobil – verstärkt durch den Einsatz nachhaltiger Werkstoffe, die für die Automobilindustrie zunehmend wichtig werden.

Paneldiskussion: „Alle Karten in der Hand“

Die abschließende Paneldiskussion schlug wieder den Bogen zurück zum Thema des Tages: Ist das Denken in Leichtbau hilfreich im Bestreben um mehr Innovation? Kann der Leichtbau, wenn man ihn als Querschnittsbranche begreift, Arbeitsplätze und Wettbewerbsfähigkeit positiv beeinflussen?

Eindeutig Ja, sagte Anna Kleissner, Geschäftsführerin der Econmove GmbH. Die Leichtbau-Branche erfülle alle Kriterien, um aus einer Krise eine Chance zu machen. Das begründete sie zur Einleitung in einem kurzen Impulsvortrag: Der Leichtbau habe sich nach der Corona-Krise schneller erholt als andere Branchen und ihm komme eine Schlüsselfunktion beim Erreichen internationaler Nachhaltigkeitsziele zu. Allerdings gebe es starke Unterschiede zwischen den einzelnen Wirtschaftsbereichen. Eine mögliche Lösung sah sie darin, dass sich die Unternehmen stärker mit dem Leichtbau identifizieren, ihre diesbezügliche Expertise nicht versteckten und tragfähige nationale und internationale Netzwerke ausbildeten.

An dieser Stelle fühlte sich Isabell Gradert, Vice President Central Research & Technology – R&T Representative Germany von Airbus Operations, direkt abgeholt: Airbus sei eine europäische Erfolgsgeschichte und die unternehmerische Umsetzung dieses Teamgedankens. Leichtbau sei Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit, vor allem da mit der Dekarbonisierung in der Luftfahrt die vierte Revolution anstehe. 50 Prozent der CO2-Passagier-Emissionen konnten bereits reduziert werden, die nächsten Prozentpunkte seien jedoch schwieriger zu erreichen. Weiterhin spiele der Leichtbau eine wichtige Rolle bei der Flottenerneuerung sowie in allen Technologiesektoren bei der Flugzeugherstellung. Allerdings müssten, so betonte sie im Verlauf der Diskussion, auch die Kompetenzen und Strukturen in den Unternehmen geschaffen werden, um innovativen Leichtbauideen Raum geben zu können. Deshalb benötige das „Zusammen sind wir viel stärker“ gezielte Kooperationen und den Austausch der Unternehmen.

Das Deutschland dafür alle Voraussetzungen mitbringt, da war sich Jürgen Kerner, zweiter Vorsitzender der IG Metall, sicher. „Deutschland besitzt ein breites Wissen an Erfahrungen und hohe Fachkenntnis im Leichtbau.“ Wenn man sich auf die Stärken Europas besinne, habe man alle Karten in der Hand, um Leitmärkte und Strukturen für den Technologietransfer zu schaffen. Als wichtigen Aspekt sahen er und mit ihm Michael Heußen, Geschäftsführer der Extrusion HAI Group, dass das Denken in Leichtbau und in geschlossenen Werkstoffkreisläufen von Anfang an bei jeder Entwicklung dazu gehöre.

Industrie soll sich für neue Konzepte öffnen

So argumentierte auch Anna Buling, Geschäftsführerin der ELB – Eloxalwerk Ludwigsburg Helmut Zerrer: Ohne Stärkung und Sensibilisierung für das Thema Leichtbau werden Arbeitsplätze verloren gehen und die zwingend erforderliche Innovation bleibe auf der Strecke. Ihre Forderung an die Politik: Mit gezielten Fördertools für den Leichtbau in Industriezweigen wie dem Maschinenbau, der Luftfahrt und der Mobilität Räume zu schaffen. Die Industrie selbst aber müsse deutlich offener für neue Konzepte und Lösungen werden und darf sich nicht darauf ausruhen, dass traditionelle Werkstoffe ausreichend sind, andernfalls drohe man den Anschluss zu verlieren. Der Blick über den Tellerrand sei für alle am Entwicklungsprozess Beteiligten unabdingbar, um alle Möglichkeiten der Substitution schwerer Werkstoffe in Betracht zu ziehen.

Dem konnte wiederum Johannes Wölper, leitender Entwicklungsingenieur DACH für den Bereich Verbundwerkstoffe bei Otto Bock zustimmen: In der Medizintechnik sei man nicht nur im Leichtbau auf die Weiterentwicklung der Werkstoffe angewiesen, beispielsweise in puncto Biokompatibilität, auch die Weiterentwicklung des Wissens und der Ausbildung müssen vorangetrieben werden. Fachkräfte sollten künftig alle Designmöglichkeiten auch neuer Fertigungstechnologien beherrschen, etwa der additiven Fertigung. Denn aufgrund des hohen Lohnniveaus sei Deutschland eher das Land, in dem Produkte entwickelt werden. Die Fertigung finde, so Wölper, verstärkt im Ausland statt, da es sich um Prozesse handele, für die noch viel Handarbeit benötigt werde.

„Vielleicht gibt es aber auch die Möglichkeit in Deutschland wieder mehr zu produzieren“, warf Michael Heußen ein. Dafür benötige es allerdings Innovationen und anspruchsvolle Produkte. Leichtbau und Leichtbauanwendungen sind seiner Meinung nach eine wirtschaftliche Notwendigkeit in Deutschland – auch um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Dazu könne man die Kreativität und die deutschen Stärken in der Produktionstechnologie nutzen. Dass dafür auch die politischen Rahmenbedingungen – beispielsweise durch geringere Energiekosten – stimmen müssen, verstehe sich von selbst.

Deutschland ein starkter Leichtbau-Standort

In ihrem Schlusswort betonte Maike Frese, Staatsrätin für Wirtschaft bei der Senatorin für Wirtschaft, Häfen und Transformation der Freien Hansestadt Bremen, dass Bremen als Industriestandort den nationalen Leichtbau weiterhin unterstützen werde. Deutschland sei ein starker Standort für den Leichtbau, die Basis für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit sei gelegt.

Leichtbau muss als Branche etabliert werden – von Forschung und Entwicklung über Ausbildung und Dienstleistung bis hin zu den anwendenden Industriezweigen. „Es muss Spaß machen, im Leichtbau zu arbeiten“, brachte Anna Kleissner die Ergebnisse des 6. Lightweighting Summit auf den Punkt.

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