Noch ist das junge Unternehmen Aehra der Untermieter eines Mercedes-Händlers in Mailand. Doch schon bald will es die Oberklasse der Automobilindustrie aus den Angeln heben.
Das E-Auto-Start-up Aehra arbeitet auf dem Gelände eines Mercedes-Händlers in Mailand an elektrischen Premium-Autos. Das elektrische Luxus-Modell des Unternehmens soll 2025 auf den Markt kommen.
(Bild: Aehra)
Es gibt für Automobilhersteller bessere Adressen als die Via Gottlieb Daimler – zumindest, wenn sie nicht zum Mercedes-Imperium gehören. Etwas repräsentativer als die halbe Etage im Verwaltungsgebäude eines Mercedes-Händlers dürfte die Zentrale eines Unternehmens auch sein, das in zwei Jahren mit zwei elektrischen Oberklasse-Modellen die Premium-Welt aus den Angeln heben will.
Und vor allem kann man in den drei nüchtern eingerichteten Großraumbüros kaum erkennen, womit Aehra in Mailand eigentlich sein Geld verdient. Ja, auf den Schreibtischen stehen ein paar Modellautos und an den Trennwänden kleben Fotos von Sportwagen – doch könnten hier genauso gut Versicherungen verkauft oder Aktienpakete verwaltet werden. Zumindest, bis Designchef Filippo Perini dem Besucher seine VR-Brille über das Gesicht stülpt und das Ganze plötzlich einen Sinn bekommt.
VR-Brille zeigt künftige Modelle
Denn während die Brille die aktuelle Wirklichkeit ausblendet, lenkt sie den Blick in die Zukunft und schickt den Gast ins Jahr 2025: Wie aus dem Nichts materialisiert sich dreidimensional drehbar jenes elektrische Luxus-SUV, das einen BMW iX genauso alt aussehen lassen will wie ein Tesla Model S oder einen Nio EL7. Und wenn Perini ein paar Tasten an seinem Rechner drückt, taucht gleich auch noch die entsprechende Limousine auf, die ihre Weltpremiere als Designmodell erst im Sommer feiern wird.
Mit zwei Controllern in der Hand klickt man sich um einen Koloss von 5,10 Metern, der sich für ein SUV ungewöhnlich flach in den Wind duckt. Schon bei geschlossenen Türen erinnert der auf massige Räder gestellte Fünfsitzer mit seiner spitzen Front ein bisschen an Lamborghini, selbst wenn er mit der von riesigen Nüstern durchbrochenen Fronthaube vorne noch mehr Schau macht als hinten.
Und spätestens, wenn alle vier Türen seitlich nach oben schwingen wie beim Hurracan und Aventador, wird das SUV zum elektrischen Urus, den Lamborghini (noch) nicht bauen durfte. Nur dass der Aehra keine riesigen Spoiler braucht, sondern vor allem unterhalb der Gürtellinie auf aktive, von LED-Leisten spektakulär inszenierte Aero-Elemente setzt, die ihn zusammen mit dem fließenden Dachbogen zum cW-Champion in diesem Segment machen sollen.
Beeindruckender Innenraum
Nur innen geht Perini einen ganz anderen Weg – nutzt den durch den großen Radstand gewaltig gewachsenen Raum für eine edle Lounge und installiert ein spektakuläres Infotainment-System, gegen das der Hyperscreen bei Mercedes zum Mäusekino wird. Über die gesamte Breite spannt sich im Aehra der Bildschirm und fährt auf doppelte Höhe aus, wenn der Stromer an der Steckdose hängt, die Insassen relaxen wollen oder jemand zum Video-Call bittet.
Erfahrenes Personal auf Führungsebene
Perini weiß, was er tut. Denn er ist Urgestein der italienischen Designszene, hat für Alfa Romeo und Lamborghini gearbeitet und will die Oberklasse jetzt noch einmal neu erfinden. Dabei macht es ihm der Elektroantrieb mit der platten Bodengruppe und dem großen Radstand genauso leicht wie die neue Marke, die keinen historischen Ballast mit sich herumschleppen möchte. Es ist einmal mehr die Arbeit auf dem weißen Blatt Papier, die Perini reizt, selbst wenn das Meiste am Ende doch am Bildschirm passiert.
Dieses Schicksal teilt der Designchef mit seinem technischen Counterpart, dem jüngst zum Entwicklungschef berufenen Franco Cimatti. Genau wie Perini hat er die 60 längst hinter sich und ist damit ungewöhnlich alt für ein Start-up. Auch er hat schon viele Stationen durch, will sich jetzt aber endlich noch einmal verwirklichen. Denn während er als Entwicklungschef bei Ferrari zu sehr in der Tradition gefangen war, kann auch er mit einem weißen Blatt beginnen und neben dem Auto gleich auch noch den Entwicklungsprozess neu definieren.
Flexible Architektur „ohne Kompromisse“
Ausgesprochen schlank soll der werden. Schnell und flexibel skizziert Cimatti seine Vision, für die er nur eine Handvoll Leute braucht und keine Labors oder Prüfstände – sondern ein paar Schreibtische und Computer in der Via Gottlieb Daimler. Und obwohl die meiste Arbeit am Ende die Zulieferer machen werden, will er nicht nur die Verpackung definieren, in die dann standardisierte Komponenten aus den Regalen von Bosch & Co. gesteckt werden.
Stand: 08.12.2025
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Es geht ihm vor allem um ein möglichst smartes Konzept, das die zu Partnern geadelten Zulieferer dann nach seinen Vorgaben umsetzen sollen. Das beginnt bei der Flexibilität der Architektur, die in seiner Vorstellung mehr hergeben muss als die zwei jetzt angekündigten Modelle. „Und zwar ohne Kompromisse.“
Das soll bei der Batterie enden, mit der Cimatti neue Maßstäbe setzen will. Und zwar nicht hinsichtlich Reichweite und Ladegeschwindigkeit, selbst wenn 800 Kilometer heute noch eindrucksvoll klingen – sondern mit ihrer Wartungsfreundlichkeit. „Das ist für uns ein Schlüssel zum nachhaltigen Auto“, sagt der Chefingenieur und schimpft darüber, dass die Konkurrenten Batterien behandelten wie Wegwerfprodukte.
Aehra dagegen will die Pakete so packen, dass etwa das Kühlsystem genau wie einzelne Zellen repariert oder ausgetauscht werden können, bevor der gesamte Akku ausgedient hat. „Und selbst wenn die Batterien dann irgendwann doch mal am Ende sind, lassen sie sich so viel besser recyceln“, verspricht der Start-up-Senior.
Noch keine Prototypen vorhanden
Wenn Cimatti über die beiden bislang namenlosen Autos spricht, sprudeln die Ideen nur so aus ihm heraus und wahrscheinlich würde er seinen Gast am liebsten gleich mit auf Testfahrt nehmen. Und bei jedem anderen Autohersteller stünde jetzt wahrscheinlich irgendwo hinter dicken Stahltüren ein abenteuerlich beklebter Prototyp. Doch in der Via Gottlieb Daimler gibt es nur neue Mercedes´ und ein paar fremde Gebrauchte und die Zukunft muss noch warten.
Denn zum Anfassen gibt es für Cimatti noch nichts. Während sein Kollege Perini immerhin schon ein ganz reales Designmodell des SUV hat aufbauen lassen, jongliert der Entwicklungschef weiter mit Daten und Simulationen und hofft, dass er sein Projekt spätestens Ende des Jahres immerhin mal „begreifen“ kann – selbst wenn dann von Fahren noch keine Rede sein wird.
Dabei drängt die Zeit. Nicht nur, weil die Konkurrenz nicht schläft und sich links und rechts der etablierten Premium-Anbieter vor allem aus China alle paar Monate eine neue Marke mit einer ganz ähnlichen Mission meldet. Sondern auch, weil Perini und Cimatti ihr ambitionierter Chef Hazim Nada im Nacken sitzt. Reich geworden mit Investment-Banking und Rohstoffhandel, ist er über die Gründung eines eigenen Windkanals zum Auto gekommen und will jetzt auch die PS-Welt im Sturm erobern.
Spätestens Ende 2025 soll das SUV und kurz darauf die Limousine starten – und dann gleich in die Vollen gehen. Denn anders als etwa Pininfarina mit dem Battista oder der elektrische Newcomer Piech aus der Schweiz will Aehra Masse machen und zu Preisen zwischen 150.000 und 200.000 Euro pro Baureihe gleich 25.000 Autos im Jahr verkaufen.
Das Aehra-Team soll größer werden
Zwar wird Cimatti sein Team bis dahin noch ein wenig aufstocken, selbst wenn er mit einem Bruchteil der 600 Leute auskommen möchte, die ihm damals bei Ferrari unterstellt waren. Doch weil nicht nur die Entwicklung größtenteils mit Partnern erfolgt, sondern auch die Produktion an einen bestenfalls europäischen Auftragsfertiger vergeben wird, kommt Aehra mit dem Hinterhaus des Mercedes-Händlers noch eine Weile hin.
Zumindest, solange der seine Gastfreundschaft nicht irgendwann bereut und aufkündigt. Denn wenn Nada, Perini und Cimatti Wort halten, dann wird aus dem Start-up bald ein echter Konkurrent und aus dem Untermieter eine Art Feind im Mercedes-Bett. Und wer das nicht glaubt, muss nur in Signore Perinis Brille schauen.