Fahrbericht Alfa Romeo Junior Veloce: Hart, aber herzlich

Von Hanno Boblenz/sp-x 4 min Lesedauer

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Alfa Romeo bietet sein erstes Elektromodell auch in einer verschärften Sportversion an. Nach dem weich gespülten Tonale findet die Marke mit dem Junior Veloce wieder zu ihren Wurzeln zurück.

Alfa Romeo legt sein erstes Elektromodell auch in der verschärften Sportversion Veloce auf.(Bild:  Alfa Romeo_Stellantis)
Alfa Romeo legt sein erstes Elektromodell auch in der verschärften Sportversion Veloce auf.
(Bild: Alfa Romeo_Stellantis)

Wie bekommt man Neuwagenkäufer dazu, auf ein E-Auto umzusteigen? Diese Frage treibt alle Hersteller um, und sie antworten mit den verschiedensten Konzepten. Tesla und die chinesischen Marken reizen die technischen Möglichkeiten der kompakten E-Antriebe aus und stellen Autos mit cleanen Innenräumen, großen Bildschirmen und Touchbedienung auf die Räder. BMW, Mercedes und etliche andere europäische Marken gehen es gemäßigter an. Sie wollen vor allem ältere Kunden nicht mit radikal neuen Entwürfen vor den Kopf stoßen.

Mit einem Innenraum, der so auch jedem Verbrenner gut stehen würde, reiht sich Alfa Romeo in die Riege der Traditionalisten ein. Als nur 4,17 Meter langes SUV stößt der Junior in ein boomendes Segment. Kleine, bezahlbare E-Autos als Gegenpol zu den vielen großen, schweren und teuren Elektro-SUV sind beliebt. Mit einem Einstiegspreis von 39.500 Euro bleibt der Alfa unter der für viele Käufer magischen 40.000-Euro-Schwelle.

Sportliche DNA kommt zurück

Dass die Italiener ausgerechnet mit einem kleinen SUV und nicht mit einer sportlichen Limousine im Format der Giulia in die E-Mobilität starten, erscheint logisch. Allzu lange hatte Alfa Romeo ein trauriges Nischendasein gefristet, stand sogar auf der Kippe. Erst mit dem vor zwei Jahren eingeführten Kompakt-SUV Tonale ging es langsam wieder bergauf. Doch echte Alfisti vermissen beim Tonale die sportliche DNA der Marke. Genau die wollen die Italiener nun ihrem ersten E-Auto mit auf den Weg geben. Sie wollen die vielen Fans zurückgewinnen, die mangels neuer Modelle bei BMW, Audi oder Cupra gelandet sind.

Der Junior nutzt die gleiche elektrische Basis wie die Konzernmodelle Jeep Avenger oder Fiat 600e. Dazu gehört die relativ kleine Batterie mit 54 kWh, die hier für etwa 400 Kilometer Reichweite gut sein soll. Der 115 kW/156 PS starke Stellantis-Standardmotor findet sich ebenfalls unter dem ansehnlich gefalteten Blech.

Für eine erste Testfahrt stellten die Italiener jedoch ihr Sahnestück zur Verfügung, den 200 km/h schnellen und 48.500 Euro teuren Junior Veloce. Dessen 207 kW/280 PS starker Synchronmotor wurde inhouse entwickelt und zudem erstmals in einem Elektroauto mit einem mechanischen Torsen-Sperrdifferenzial kombiniert. Dazu gibt’s verstärkte Stabilisatoren und ein um 2,5 Zentimeter tiefergelegtes Sportfahrwerk. Außerdem wiegt der Veloce nur 1.585 Kilo, gut 200 Kilo weniger als die meisten E-Autos in diesem Segment. Das lässt auf Kurvenspaß hoffen, zumal uns Alfa auf den hauseigenen Rundkurs schickt, auf dem alle Fahrzeuge getestet und abgestimmt werden.

Hochwertiger Innenraum

Also einsteigen, die straffen, körperbetont geschnittenen Schalensitze in Position bringen, anschnallen. Sitze und Sportlenkrad sind mit schwarz-rotem Velours bezogen. Der ganze Innenraum wirkt hochwertiger als bei den Konzernbrüdern. Man findet sich sofort zurecht. Die Spiegel lassen sich wie gewohnt über einen Schalter in der Armlehne einstellen – und nicht wie beispielsweise im neuen Volvo EX30 über den Zentralbildschirm und Lenkradtasten. Ein übersichtliches digitales Infodisplay hinterm Lenkrad ahmt Rundinstrumente nach und zeigt die Geschwindigkeit direkt im Blickfeld. Eine breite Mittelkonsole trennt den kokonartigen Arbeitsplatz des Fahrers vom Beifahrer. Das mit 10,25 Zoll vernünftig dimensionierte Display samt den darunter platzierten Tasten wendet sich leicht dem Fahrer zu. Alles wie gehabt. Man muss schon wissen, dass man hier im E-Auto und nicht in einem sportlichen Benziner oder Diesel sitzt.

Selbst in Fahrt lässt der Junior kurz vergessen, dass ein E-Motor anschiebt. Der nur im Innenraum hörbare künstliche Motorsound klingt kernig, aber nicht aufdringlich. Wir stellen den Fahrstufenregler auf Dynamic, um E-Motor, Lenkung und Pedale scharf und die Rekuperation abzustellen. Übermütig stürzt sich der Alfa in die ersten Kurven des 20 Kilometer langen Kurses. Der Junior liegt satt auf der Straße, reizt die Grenzen der Physik weit oben aus. Das fast brettharte Fahrwerk unterdrückt jegliche Seitenneigung. Die direkte Lenkung lässt den Wagen mit kleinen Bewegungen am Volant zackig ums Eck eilen.

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Auch bei hohem Tempo stabil

Vor allem das Differenzial scheint zu wirken. Sobald ein Rad durchzudrehen droht, wird das überschüssige Antriebsmoment zum gegenüberliegenden Rad geleitet. So zieht sich der Junior förmlich in die Kurve und bleibt auch bei hohem Tempo stabil. Außerdem bringt der Alfa seine 280 PS gut auf die Straße.

Die Technik hat auch abseits der Rennstrecke ihre Berechtigung, denn sie macht das Fahren in allen Situationen sicherer und den Wagen für wenig geübte Piloten beherrschbar. Keine Frage: Alfa kann Fahrwerk und die Übertragung dieser Kompetenz ins Elektrozeitalter ist den italienischen Ingenieuren bestens gelungen. So dynamisch fährt sich kein anderes kleines E-Auto. Allerdings empfiehlt sich vor dem Kauf eine ausgiebige Proberunde, ob das relativ harte Fahrwerk auch im Alltag passt.

Nach zwei schnellen Runden lassen wir die hinter den 20 Zoll großen Rädern montierten, rot lackierten Vierkolbenbremsen abkühlen. Noch ein kurzer Gang ums Auto, bevor es an die Ladesäule andockt, um mit maximal 100 kW Strom zu nuckeln.

Angemessener Stauraum

Ein Blick ins Heckabteil: 400 Liter Stauraum sind mehr als bei der Konkurrenz. Ein variabler Boden lässt sich in zwei Stufen einsetzen, um das Beladen zu erleichtern. Für den großen Ikea-Einkauf taugt der Junior trotzdem nicht, denn bei geklappten Rücklehnen steigt der Ladeboden steil nach vorne an.

Der Rest ist schnell erzählt: Wie alle neuen E-Autos lässt sich die Software des Junior over the Air aktualisieren. Eine vernünftige Routenplanung sucht passende Stromspender aus und berechnet die nötigen Ladezeiten, die LED-Scheinwerfer lassen sich auf Wunsch um eine Matrix-Funktion erweitern. Wer allerdings alle Nettigkeiten genießen will, muss die beiden optionalen Pakete bestellen und landet dann bei knapp 54.000 Euro. Toppen lässt sich das Ganze mit der für Ende 2024 angekündigten Allradversion.

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Wer nach der Probefahrt noch immer an der E-Mobilität zweifelt, könnte im Junior Ibrida eine Alternative finden. Der Hybrid mit 48-Volt-Technik und 21 kW starkem E-Motor kostet 29.500 Euro. Er muss aber ebenso wie der schwächere E-Motor auf die sportlichen Attribute und das Sperrdifferenzial verzichten. Wie viel Alfa-DNA dann noch übrig bleibt, muss ein Test zeigen.

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