Freudenberg Jeder ist für sein Geschäft verantwortlich

Redakteur: Julia Fischer

Claus Möhlenkamp, Chef von Freudenberg Dichtungs- und Schwingungstechnik, skizziert in einem »AI«-Interview die Perspektiven für seine Sparte.

Anbieter zum Thema

»Automobil Industrie«: Nicht nur die Automobilindustrie, alle wichtigen Volkswirtschaften laufen auf Notprogramm. Können die Konjunkturpakete bei uns das Schlimm-ste verhindern?

Claus Möhlenkamp: Ich suche auch immer noch einen, der es weiß. Sicher scheint mir, dass wir die Volumina in unserer Exportindustrie in der bisherigen Höhe künftig nicht mehr sehen werden. In den Hauptabnehmerländern Asien, China, Indien und Russland sind Strukturen entstanden, die das dortige Inlandsprodukt stärker als bisher selbst erzeugen.

»AI«: Trifft das letztlich auch auf die Automobilbranche zu?

Möhlenkamp: Ich denke schon. Jedenfalls werden wir viele Jahre nicht mehr das Produktionsniveau von 2008 erreichen. Ich sehe in diesem Jahr auch keine nennenswerte Erholung. 2010 wird schon aus Gründen des Basiseffekts eine Verbesserung zu verzeichnen sein. In jedem Fall aber wird in Europa ein ungeheurer Strukturwandel einsetzen. Und der Produktmix wird sich erheblich verändern: Die Fahrzeuge müssen runter mit den Emissionen und werden deshalb in der Konsequenz kleiner, zumindest was die Motoren angeht. Das hat natürlich auch für uns als Komponentenlieferanten erhebliche Auswirkungen.

»AI«: Würden Sie diese Krise als den Ausnahmezustand akzeptieren, der punktuell Staatshilfen rechtfertigt?

Möhlenkamp: Ich plädiere für das freie Spiel der Marktkräfte. Der Ausleseprozess ist gerade in unserer Industrie ohnehin nicht zu verhindern. Staatshilfen könnten ihn allenfalls verzögern. Auch wenn es einen mittleren Dominoeffekt geben sollte, wenn ein wichtiger Zulieferer umfällt: Die Strukturbereinigung wird kommen. Danach geht es wieder aufwärts, denn der Weltmarkt braucht die Auto-Mobilität.

»AI«: Haben die OEM nicht auch zuviel Marge aus der Zulieferkette gezogen haben?

Möhlenkamp: Den Herstellern würde ich da keine Schuld zuschreiben. Letztendlich ist jeder für sein Geschäft selbst verantwortlich. Ich muss doch nicht jedes Geschäft akzeptieren – schon gar nicht, wenn es keine oder sogar eine negative Marge abwirft. In solche Operationen aus der Hoffnung auf bessere Geschäfte in der Zukunft einzusteigen, ist fatal.

»AI«: Für viele Zulieferer ist nicht das Geschäftsmodell das Problem, sondern die Refinanzierung. Für Sie auch?

Möhlenkamp: Wir haben da keine Probleme. Moody‘s bewertet uns seit einigen Jahren mit dem Rating A3 und hat diese Einstufung erst im Dezember noch einmal bestätigt. Das ist nicht nur Ausweis unseres über Jahre hinweg sehr soliden Finanzmanagements, sondern auch unserer Portfoliopolitik.

»AI«: Wie navigieren Sie Freudenberg Dichtungs- und Schwingungstechnik durch diesen sich dramatisch verändernden Markt?

Möhlenkamp: Einen ganz wichtigen Hebel habe ich gerade angeführt: Wir fahren seit rund 15 Jahren die Strategie, eine einzelne Branche im Portfolio nicht zu dominant werden zu lassen. Vor gut 30 Jahren betrug der Anteil der Automobilindustrie an unserem Gesamtumsatz noch rund 70 Prozent. Unser Ziel war, diesen Anteil auf 50 Prozent zurückzuführen, und dies natürlich nicht durch Schrumpfen in der Automobilindustrie, sondern durch ein entsprechend stärker wachsendes Geschäft außerhalb dieser Branche. Dieses Ziel haben wir mittlerweile erreicht. Gleichwohl: Die Automobilindustrie ist für uns überhaupt nicht wegzudenken. Sie ist unser Treiber von Innovationen, aus denen wir dann auch Produkte für andere Industriezweige ableiten.

»AI«: Und was unternehmen Sie kurzfristig?

Möhlenkamp: Schon seit Mai 2008 haben wir keine weiteren Ressourcen mehr aufgebaut. Gleichzeitig verfolgen wir schon länger das Ziel, mindestens 15 Prozent der Belegschaft kurzfristig anpassen zu können. Dieses Potenzial an Leasingkräften hat uns denn auch sehr geholfen, die Beschäftigung der seit November brutal einbrechenden Nachfrage anzupassen. Entlassungen bei der Kernbelegschaft wollen wir möglichst vermeiden. Deshalb gehen wir unter anderem massiv an die Sachkosten ran, die wir um bis zu 70 Prozent zurückgefahren haben.

»AI«: Versuchen Sie auch Ihre Einkaufskosten zu senken?

Möhlenkamp: Auf der Lieferantenseite passiert eine ganze Menge. Auch wenn die Verhandlungen über Preissenkungen insbesondere mit den Stahllieferanten zu Beginn eher schleppend verliefen, so realisieren wir mittlerweile substanzielle Materialpreisreduzierungen und machen hier gute Fortschritte. Allerdings schlagen sich die niedrigeren Einkaufskosten noch kaum nieder, weil unsere Lager noch immer gut gefüllt sind. Einen ergebniswirksamen Effekt erwarten wir erst in der zweiten Jahreshälfte.

»AI«: Die Gegenwart ist wenig erbaulich. Wie gefällt Ihnen die Zukunft mit Blick auf einen unverkennbaren Trend zum E-Auto?

Möhlenkamp: Sie meinen, uns als Dichtungshersteller! Da gebe ich Ihnen Recht: Allein auf den E-Antrieb bezogen ergeben sich aus unserem klassischen Produktportfolio heraus wenig Ansätze. Allerdings glauben wir auch nicht, dass das rein batteriegespeiste Elektrofahrzeug in überschaubarer Zukunft größere Verbreitung finden wird. Alle seriösen Studien legen nahe, dass der Anteil bis 2025 deutlich unter zehn Prozent bleiben wird. Der klassische Verbrennungsmotor bleibt uns also in großen Stückzahlen noch lange erhalten. Dennoch spielen wir von Anfang an auch beim Elektroantrieb mit, z. B. in der Batterietechnik, wo wir Separatoren und Vliesstoffprodukte zuliefern, und über unsere Mechatronik-Sparte. Wenn die Technik zum Durchbruch kommt, sind wir jedenfalls dabei!

Zur Person

Claus Möhlenkamp, 44, geb. in Wildeshausen, verheiratet, 3 Kinder;

Dipl.-Ing. (FH) Wirtschaftsingenieur;

1985 - 1989: Bundeswehr/Marine;

1989 - 1993: Phoenix AG;

1994 - 2001: Freudenberg Dichtungs- und Schwingungstechnik, zunächst verantwortlich für das KeyAccount DaimlerChrysler, ab 1996 Leiter Verkauf Automobil Europa;

2001 - 2005: Freudenberg-NOK General Partnership, USA, verantwortlich für Dichtungstechnik (Vice President Chassis Sealing Products, Division Special Sealing Products, President Flexitech);

seit Mai 2005: Vorsitzender der Geschäftsleitung von Freudenberg Dichtungs- und Schwingungstechnik

(ID:298626)