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Fahrbericht

Mercedes-Benz GLC 350e: Zuviel ist nicht genug

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Enttäuschender Antriebskomfort

Abgesehen davon verliert das lautlose Fahren im E-Modus übrigens schnell seinen Reiz, weil auch der Vierzylinder-Ottomotor im Stadtverkehr kaum hörbar ist. Das so andersartige, angeblich geradezu süchtig machende Fahrerlebnis in einem Elektroauto wird schnell zur Normalität. Die Entwöhnung beim Umstieg in ein konventionell angetriebenes Auto fällt allerdings mindestens ebenso leicht, zumal das Zusammenspiel der Antriebsformen im GLC 350e keineswegs perfekt ist. Das Getriebe nimmt sich reichlich Zeit, um aus der Neutralstellung in den Vorwärts- oder Rückwärtsgang zu schalten; die Schaltmanöver sind teils alarmierend ruppig. Da ist es zu begrüßen, dass die Hybrid-Version der einzige GLC mit sieben Gängen ist und sich die Zahl der Schaltvorgänge damit etwas reduziert – Alle anderen GLC-Modelle sind mit einer Neungang-Automatik ausgerüstet.

Von den 320 PS ist übrigens nicht viel zu spüren. Auf dem Papier steht der Spurt von 0 auf 100 km/h in 5,9 Sekunden (die US-Version ist mit 6,2 Sekunden für 0 auf 96 km/h angegeben), die Spitze soll bei 235 km/h liegen. Doch dafür braucht das Auto großen Anlauf. Auf der Straße wirkt der GLC 350e wenig agil. Für den überraschend schwerfälligen Eindruck dürfte das hohe Gewicht verantwortlich sein: Mit 2.025 Kilogramm Leergewicht übertrifft der Hybrid alle anderen GLC-Versionen – sogar die AMG-Spitzenmodelle mit ihrem V8-Biturbo-Motor.

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Auch auf kurvigen Straßen bereitet dieser Hybrid wenig Freude: Die Lenkung agiert gefühllos und verhärtet bisweilen unvermittelt, das Bremsgefühl ist gummiartig und liefert zu wenig Rückmeldung. Ein Offroad-Künstler ist er auch nicht: Auf losem Untergrund ist die Traktion lediglich durchschnittlich. Das Fahrerlebnis ist besonders enttäuschend, weil die konventionell angetriebenen GLC-Modelle zu den am besten abgestimmten und fahraktivsten Modellen in ihrem Segment gehören. Übrigens kann der Hybrid trotz seines drehmomentstarken Antriebs nur 2.000 Kilogramm Anhängelast ziehen. Weniger als jeder andere GLC.

Reichweitenangst – mit dem Verbrenner!

Und noch in einem weiteren Punkt gewährt der GLC 350e Einblick in eine möglicherweise bevorstehende elektrischen Zukunft: Er liefert einen Vorgeschmack auf das Phänomen der „Range Anxiety“, auf die Sorge, es ohne Nachladen nicht mehr zum Ziel zu schaffen. Wir haben selten eine derart geringe Reichweite erlebt wie bei diesem Hybrid, der über einen Tankinhalt von nur 50 Litern verfügt. Nach Abschluss der Testfahrten haben wir einen Verbrauch von exakt zehn Litern pro 100 Kilometer ermittelt. Das ist ein exorbitant hoher Wert in Anbetracht der langen Etappen, die – bedingt durch strikte Tempolimits – mit relativ niedrigen Geschwindigkeiten absolviert wurden.

Ein derartiger Appetit würde auch in den nicht hybridisierten Varianten des GLC als Ärgernis gewertet, und man kann nur erahnen, welchen Konsum man sich mit diesem Plug-In-Hybrid auf deutschen Autobahnen eingehandelt hätte, wo jede Lücke für Zwischenspurts genutzt wird und der Verkehr auf der linken Spur häufig mit 160 bis 180 km/h und mehr fließt. Immerhin kann der Wagen an der Tankstelle rasch wieder aufgetankt werden, wenngleich es laut Betriebsanleitung bis zu 15 enervierende Minuten dauern kann, bis wegen des erforderlichen Druckausgleichs die Tankklappe geöffnet werden kann. Bei uns dauerte es rund eine Minute – lange genug.

Doch das ist immer noch schneller als das Laden per Steckdose. Es dauerte mehrere Stunden, bis am letzten Testtag am Hotel auf Hayden Island die Batterien wieder vollgeladen waren. Es hätte gerade einmal bis zum 15 Kilometer entfernten Flughafen gereicht.

Und so kann nach einer Woche mit dem Plug-In-Hybrid nur eine zweifelhafte Bilanz gezogen werden. Empfehlen kann man diesen teuren SUV eigentlich nur für den ausgesprochenen Kurzstreckeneinsatz, und zwar dann, wenn er regelmäßig ans Stromnetz angeschlossen wird. Auf längeren Etappen verwandelt sich der Hybrid-Bonus hingegen in einen gravierenden Malus. Mit den konventionellen Otto- und Dieselmotoren gilt hingegen weiterhin: Der schöne, sportliche und sauber verarbeitete GLC ist das vielleicht beste Angebot in seiner Klasse.

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