Nutzfahrzeuge Mercedes eActros 600: E-Truck für den Fernverkehr

Von Thomas Günnel 4 min Lesedauer

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Die Entdecker-Front ist weg – der neue E-Actros kommt trotzdem markant aber mit elektrotypisch cleanem Auftritt. Und mit ordentlicher Reichweite.

Mercedes hat den neuen rein elektrisch angetriebenen Fernverkehrs-Lkw „eActros 600“ vorgestellt.(Bild:  © Daimler Truck AG)
Mercedes hat den neuen rein elektrisch angetriebenen Fernverkehrs-Lkw „eActros 600“ vorgestellt.
(Bild: © Daimler Truck AG)

Mercedes-Benz Trucks hat die Serienversion seines ersten batterieelektrischen Fernverkehrs-Lkw vorgestellt. Die Serienproduktion soll Ende 2024 beginnen. Die technischen Daten: über 600 Kilowattstunden Batteriekapazität, eine elektrische Antriebsachse aus eigener Entwicklung, die elektrische Reichweite liegt bei 500 Kilometern.

Die E-Achse ist auf 800 Volt ausgelegt. Zwei Elektromotoren sind an ein Vier-Gang-Getriebe gekoppelt. Die Motoren haben eine Dauerleistung von 400 Kilowatt, in der Spitze 600 Kilowatt. Bekannt aus dem Pkw lässt sich der elektrische Actros im One-Pedal-Modus fahren: Also beinahe ohne die mechanische Bremse zu nutzen.

Der „eActros“ 600 beherrscht ab Marktstart in diesem Jahr CCS-Laden mit bis zu 400 Kilowatt. Später soll Megawattladen (MCS) möglich sein. Zum Verkaufsstart gibt es eine Vorrüstung, der Standard soll nachrüstbar sein, „sobald die MCS-Technik verfügbar und herstellerübergreifend standardisiert ist“, teilt Mercedes mit.

Megawatt-Laden bedeutet in Zahlen: Die Akkus des Trucks können an einer entsprechenden Ladesäule mit etwa einem Megawatt Leistung in rund 30 Minuten von 20 auf 80 Prozent geladen werden.

Drei Batteriepakete und 22 Tonnen Nutzlast

Die Energie speichert der Truck in drei Batteriepaketen mit jeweils 207 Kilowattstunden Kapazität. Insgesamt möglich sind im Lkw 621 kWh. Die Akkus basieren auf der Lithium-Eisenphosphat-Zelltechnik, LFP. Nach bis zu 1,2 Millionen Kilometern Laufleistung in zehn Betriebsjahren soll der Batteriezustand laut Mercedes noch über 80 Prozent betragen.

Der Lkw ist laut Hersteller auf ein kombiniertes Gesamtzuggewicht von bis zu 44 Tonnen ausgelegt. Mit einem Standardauflieger hat der E-Actros 600 in der EU eine Nutzlast von etwa 22 Tonnen. Das Modell ist ab Start als Sattelzug- und Pritschenfahrgestell-Variante erhältlich. Aktuell baut Mercedes eine Flotte von rund fünfzig Prototypen. Einige davon sollen erste Kunden praktisch erproben können.

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Assistenzsysteme im E-Actros

Assistenzsysteme bringt der elektrische Actros einige mit: aktiver Bremsassistent, Frontguard Assist, Active Sideguard Assist 2 und Active Drive Assist 3. Sie basieren auf sechs verbauten Sensoren: vier Kurzstreckenradare, ein Langstreckenradar und eine Multifunktionskamera in der Windschutzscheibe. Alle zusammen decken auf einer neuen Elektronikplattform und mittels Sensorfusion einen Winkel von 270 Grad um das Fahrzeug ab.

  • Der Bremsassistent kann im Gefahrenfall bis zu einer Geschwindigkeit von 60 km/h automatisch bremsen: auf sich bewegende Personen und Radfahrer in der Spur, kreuzend oder entgegenkommend und auf stehende Fußgänger. Mittels verbesserter Software und Mehrspurüberwachung kann der Assistent laut Mercedes schneller reagieren: zum Beispiel beim Spurwechsel und bei stehenden Stauenden in autobahntypischen Kurven.
  • Der Frontguard Assist ist neu. Er warnt den Fahrer etwa beim Anfahren oder an Kreuzungen optisch und akustisch vor ungeschützten Verkehrsteilnehmern direkt vor dem Lkw. Der Sideguard Assist überwacht in der zweiten Generation die gesamte Länge des Trucks, plus sieben Meter nach vorn, 30 Meter nach hinten – außerdem bis zu 4,25 Meter rechts neben dem Fahrzeug. Zusätzlich überwacht das System eine Zone auf der Fahrerseite.
  • Der Drive Assist beherrscht in der dritten Generation teilautomatisiertes Fahren nach Level 2. Das System kann den Lkw bei Kollisionsgefahr automatisch in seine Spur zurückführen – wenn etwa der Fahrer zum Überholen nach links angesetzt hat, dabei aber ein sich von hinten näherndes Fahrzeug übersehen hat.

Preis und Umwelt

Der E-Actros 600 wird laut Mercedes circa zwei- bis zweieinhalb Mal mehr kosten als ein Diesel-Äquivalent. Mit dem aktuellen europäischen Strommix spart der E-Actros verglichen mit einem Diesel-Modell laut Hersteller rund 40 Prozent CO2-Emissionen – über den gesamten Produktlebenszyklus von zehn Jahren ab der Rohstoffgewinnung. Wird ausschließlich erneuerbarer Strom geladen sind es mehr als 80 Prozent.

Laut Mercedes lässt sich so der batteriebedingt ab Werk größere CO2-Fußabdruck innerhalb der ersten beiden Betriebsjahre im Fernverkehrseinsatz ausgleichen.

Aerodynamisch optimierte Kabine

Die Front des Trucks ist acht Zentimeter länger und wie die Kabine vor allem aerodynamisch ausgelegt. Deren cw-Wert ist laut Mercedes neun Prozent geringer als bei aktuellen Serienkabinen – ohne konkrete Zahlen zu nennen. Die Vorbauklappe ist komplett geschlossen und abgerundet, Stoßfänger und Unterbodenverkleidung sind auf wenig Luftwiderstand hin designt, den Einstieg haben die Entwickler aerodynamisch verbessert, die Endkantenklappen legten sie im Segeldesign aus.

Hinzu kommen Luftleitelemente an den A-Säulen, ein zusätzlicher Vor-Spoiler auf dem Dach und ein abgedichteter Motorraum. Für Sicht in der Nacht gibt es Matrix-LED-Scheinwerfer. Die vorausschauende Tempomat- und Getriebesteuerung „Predictive Powertrain Control“ hat der elektrische Actros ebenfalls an Bord. Topografie, Straßenverlauf und Verkehrszeichen fließen in die Regelstrategie des Antriebs ein.

Nebenabtriebe für Ausrüstung oder Kühlauflieger

Nebenabtriebe gibt es zwei in der Leistungsspanne zwischen 22 bis 90 Kilowatt. Der elektrisch-mechanische Abtrieb kann hydraulische oder mechanische Arbeitsausrüstungen betreiben: etwa Kippsattel-, Schubboden- oder Siloauflieger. Der elektrische Gleich- oder Wechselstrom-Nebenabtrieb liefert Strom für Kühlkoffer oder Kühlauflieger.

Services für Flottenmanager

Für Flottenmanager bringt der E-Actros 600 einige Services mit. Zum Beispiel die vollautomatische Telediagnose, die den Status vieler Fahrzeugsysteme im Lkw prüft. Zwei weitere Dienste drehen sich um das Wartungsmanagement und Echtzeit-Verkehrsdaten. das „Fleetboard Portal“ umfasst zum Beispiel ein individuelles Lademenagament, außerdem ein Logbuch mit detaillierten Angaben zu Fahr-, Stand- und Ladezeiten.

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Außerdem zeigt eine Karte in Echtzeit, wo sich ein Fahrzeug befindet, ob es fährt, steht oder lädt und den Ladezustand der Batterie.

Produktion in Wörth am Rhein

Mercedes baut den E-Actros 600 auf der bestehenden Montagelinie im Werk in Wörth am Rhein. Hier statten die Beschäftigten den elektrischen Truck mit den Antriebskomponenten aus den Werken Mannheim, Gaggenau und Kassel aus. Konkret: unter anderem die E-Achse, die Hochvoltbatterie und die Frontbox. Letztere ist ein Modul mit mehreren Steuergeräten, Hochvolt-Komponenten und elektrischem Luftpresser handelt. Parallel dazu rollen in Wörth am Rhein Diesel-Lkw von der Linie.

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