Die 125-Jahr-Feier von Opel in Rüsselsheim war Anlass für ein Fest und eine Reise in die Vergangenheit – Olaf Scholz kommentierte aber auch die gegenwärtige Lage.
Kanzler am Band: Olaf Scholz montiert unter Anleitung ein Hochvoltkabel.
(Bild: Opel)
Gerd F. zeigt auf den nahen Backsteinbau, der die anderen historischen Gebäude und auch die Neubauten auf dem Werksgelände von Opel in Rüsselsheim überragt. „Dort gab es immer Schulungen“, berichtet er. Jetzt steht der 72-jährige Rentner vor der modernen Zentrale seines ehemaligen Arbeitgebers und sieht vielen Ex-Kollegen zu, die sich am gläsernen Haupteingang stauen. „Ist der Kanzler schon da?“, fragt er. Ja, aber Gerd F. wird Olaf Scholz nicht zu Gesicht bekommen, denn er darf nicht hinein in den geschmückten und mit riesigen Bildschirmen bestückten Innenraum, wo gleich das Fest zum 125. Geburtstag von Opel beginnt.
Der Rentner versteht das gut: „Der Platz reicht nun mal nicht für alle.“ Er wendet sich in Richtung des großen Parkplatzes, wo zahlreiche Tische und Stühle auf die Festgäste ohne Sonderausweis und ihre Familien warten. Vor den Buden mit Bier oder Cola, hessischen Leckereien, Kuchen und Kaffee hatten sich am Samstag (8.6.) schon Schlangen gebildet.
Fairer Wettbewerb gegen China?
Drinnen im Adam-Opel-Haus rief Olaf Scholz den versammelten Opelanern zu: „Sie werden in einem fairen Wettbewerb bestehen – auch gegen neue Konkurrenten zum Beispiel aus China.“ Er warnte vor einer Abschottung der europäischen Märkte gegen Konkurrenz aus dem Ausland. „Wir verschließen unsere Märkte nicht vor ausländischen Unternehmen. Denn das wollen wir umgekehrt für unsere Unternehmen ja auch nicht“, sagte der SPD-Politiker.
Protektionismus und regelwidrige Zollschranken machten „letztlich alles nur teurer und uns alle ärmer“. Scholz betonte: „Ich habe keinen Zweifel: Wir werden auch in diesem Jahrhundert mit unserer Automobilindustrie ganz vorne dabei sein, wenn wir auf Fortschritt und Erneuerung setzen.“ Dafür brauche man aber auch „einen fairen und freien Welthandel“.
Am Tag vor der Europawahl bekannte sich der Kanzler zudem zum klimafreundlichen Umbau der Wirtschaft – auch im Verkehrssektor: „Wir stehen zum Ausbau der Elektromobilität. Wer das jetzt zurückdrehen will, gefährdet nicht nur alles bisher Erreichte, der gefährdet auch unseren Wohlstand und unsere Zukunft als Industrienation.“
Rüsselsheim feiert im Jubiläumsjahr den „Patentwagen“, der als erster Opel im Frühjahr 1899 erschien. Der erste von inzwischen mehr als 75 Millionen. Auch wenn es eigentlich kein echter Opel ist. Firmengründer Adam Opel setzt seit 1862 zuerst auf Nähmaschinen und dann auf Fahrräder und hat mit neumodischen motorisierten Kutschen nichts am Hut.
Dann stirbt der Vater an Typhus und seine Söhne Fritz und Wilhelm stellen die Weichen in Richtung Automobil. Da es keine entsprechenden Pläne in den Rüsselsheimer Schubladen gibt, kaufen sie für exakt 116.887 Mark (heute etwa 600.000 Euro) die kleine Firma des Hofschlossermeisters Friedrich Lutzmann aus Dessau. Der produziert und verkauft schon seit fünf Jahren Motorwagen. Der Fachmann ist also gefunden, dessen Firma zieht mit allen Mitarbeitern und Maschinen nach Rüsselsheim. Lutzmann wird Betriebsleiter.
Die Leistung des ersten Opel ist selbst nach damaligen Maßstäben bescheiden. Der 1.545-ccm-Einzylinder liefert 3,5 PS, was für gerade mal 20 km/h Spitze reicht. Selbst als später stärkere und schnellere Versionen auf den Markt kommen, ist die Zeit für den immer noch am Kutschenbau orientierten Patentwagen schnell vorbei. Lutzmann ist nicht fähig, ein zeitgemäßes Auto zu konstruieren und muss gehen.
Hilfe kommt aus Frankreich, wo sich Alexandre Darracq als Autopionier bereits einen Namen gemacht hat. Die Opel-Brüder vereinbaren mit ihm eine Kooperation. Die ersten Fahrgestelle aus dem Nachbarland kommen 1901 über den Rhein, ein Jahr später präsentiert Opel mit dem Modell 10/12 PS seine erste Eigenkonstruktion, von der bis 1906 1.000 Stück gebaut werden. Der endgültige Durchbruch gelingt der Rüsselsheimer Autoschmiede 1909 mit dem legendären 4/8 PS „Doktorwagen“. Er kostet mit 3.950 Mark nur halb so viel wie die luxuriöseren Konkurrenzmodelle.
Laubfrösche ab 1924
Nach dem ersten Weltkrieg führt Opel als erster deutscher Hersteller die Großserienproduktion ein. Als erstes Modell kommt 1924 der stets grün lackierte 4/12 PS-„Laubfrosch“. Bereits drei Jahre später ist der Opel P 4 mit einem Grundpreis von nur 2.980 Mark der erste „Volkswagen“. Im März 1929 verkaufen die Opel-Brüder zunächst 80 Prozent des Unternehmens an den US-Konzern General Motors, der 1931 Opel vollständig übernimmt. Hauptgrund sind die Folgen der Weltwirtschaftskrise.
Stand: 08.12.2025
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Nächster Produkt-Meilenstein ist der „Olympia“, das erste deutsche Modell, das über eine selbsttragende Karosserie verfügt. Doch 1935 haben sich längst dunkle Schatten über Deutschland gelegt. Die kurze Blütezeit, in der Opel 1937 zum größten Autobauer in Europa wird, endet mit dem Kriegsausbruch.
Die neuere Geschichte von Opel ist besser bekannt, die Marke wird im Nachkriegs-Deutschland Hauptkonkurrent von Volkswagen. Modelle wie der Opel Rekord, der luxuriöse Kapitän, der Sportwagen GT oder der kultige Manta werden zu begehrten Oldtimern. Einige davon sind in einer Ausstellung zu sehen, die eigens für die Geburtstagsfeier zusammengestellt worden ist. Nachdem Opel ab Mitte der 80er-Jahre in eine Krise mit hohen Verlusten und sinkenden Verkaufszahlen rutscht, bringt erst der Besitzerwechsel von General Motors an den Peugeot-Mutterkonzern (PSA) 2017 den Blitz wieder nach vorne.
Heute ist Opel eine von 14 Marken des großen Stellantis-Konzerns und will die Zeichen der Zeit erkannt haben. „Wir werden als erste deutsche Marke noch in diesem Jahr für jedes Modell eine rein elektrische Variante anbieten. Als deutsche Traditionsmarke geben wir dem Kunden Vertrauen und Zugang zu bezahlbarer Mobilität“, versprach Opel-Chef Florian Hüttl auf der Geburtstagsfeier.