Fahrbericht Smart #5: SUV statt City-Flitzer

Von Benjamin Bessinger/SP-X 4 min Lesedauer

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Gestern David, heute Goliath – mit 4,70 Metern wird der #5 zum größten Smart aller Zeiten. Aber ist das SUV ein großer Wurf? 

Smart fährt groß auf.(SP-X/Benjamin Bessinger)
Smart fährt groß auf.
(SP-X/Benjamin Bessinger)

Smart schwingt sich zu neuer Größe auf. Wenn die von Geely adoptierte Mercedes-Tochter in diesem Sommer zu Preisen ab 46.000 Euro den #5 in den Handel bringt, lässt sie die Welt der Kleinwagen endgültig hinter sich und tritt am oberen Ende der Kompaktklasse gegen elektrische SUV wie den VW ID 4, den Renault Scénic, den Ford Explorer oder den Mercedes EQB an. 

Und auch aus den Mauern der Stadt wollen die Chinesen damit gleich ausbrechen. Vorbei die Zeit, als Smart noch City-Coupés gebaut hat und jede Fahrt in den Nachbarort zur Nervenzerreißprobe wurde. Schließlich ist der #5 mit Batterien von bis zu 100 kWh für 590 Norm-Kilometer und imposanten Ladeleistungen von bestenfalls 480 kW in China oder 400 kW bei uns nicht nur absolut langstreckentauglich. Weil er auch Allrad hat und obendrein mit rustikalen Plastikplanken vorfährt, macht er sogar ein bisschen Lust auf Abenteuer. 

Überzeugend im Großstadtverkehr

Hier und heute allerdings ist das Abenteuer nicht die Pampa, sondern der Stadtverkehr von Peking, der den Smart auf seine erste Probe stellt. Schließlich wird er „daheim“ in China schon seit ein paar Wochen verkauft. Auch im Gewühl mit den sieben Millionen anderen Autos, die täglich durch die chinesische Hauptstadt wuseln, macht der #5 seine Sache gut – selbst, wenn sein Radstand größer ist als der selige Fortwo von Stoßfänger zu Stoßfänger.

Aber schließlich sind die Straßen hier breit, die Spuren zahlreich und das Parken überlässt man dem Personal – oder einem Heer von Assistenzsystemen, das in China mehr kann oder darf als fast überall sonst im Rest der Welt. Immer wieder surren hier Autos führerlos in die engsten Lücken.

Hoher Sitzkomfort – wie eine lange E-Klasse

Stattdessen genießt man mehr als in #1 und #3 Platz ohne Ende: Im Gegensatz zu vielen klassischen SUV kommt beim Smart die Größe auch innen an: Auf einer Skateboard-Plattform mit 2,90 Metern Radstand aufgebaut, bietet er nicht nur in der ersten Reihe erstklassigen Sitzkomfort, sondern sticht in der zweiten Reihe eine chinesische E-Klasse mit langem Radstand aus. Aus gutem Grund bauen sie deshalb hinten rechts einen Schalter ein, mit dem man den Sitz des Sozius nach vorne fahren kann wie in einer Chauffeurlimousine. Dann reicht der Fußraum im Fond sogar für ein kleines Tänzchen mit sittlicher Distanz.

Endlich muss man sich auch beim Einkaufen nicht mehr beschränken: Allein der Kofferraum fasst 610 Liter und lässt sich auf 1.530 Liter erweitern. Einen mit bis 72 Litern erfreulich vollwertigen Frunk gibt es obendrein. 

Beschleunigung wie in Sportwagen

Solange die Straßen frei sind, ist der Smart eine ewige Versuchung, die ihn in China auch bei der Polizei zum TV-Star macht. Wo man früher dankbar war für jeden Stau, weil endlich ein anderer den Bremser geben durfte, genießt man jetzt eine Beschleunigung wie in Sportwagen – und fährt mit entsprechend hohem Risiko. 

Denn wenn schon das Basismodell 340 PS leistet und in 6,9 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 kommt, schnappt eigentlich immer und überall eine der allgegenwärtigen Radarfallen zu. Zumal es danach flott aufwärts geht: Alternativ bietet Smart den #5 auch mit 363 oder 588 PS an und Brabus packt nochmal einen drauf: Dann stehen 646 PS und 710 Nm im Fahrzeugschein, und Schluss ist mit der Raserei erst bei 210 km/h. Oder wäre es zumindest, wenn in China das Limit nicht bei 120 km/h läge und wenn nur das Fahrwerk etwas mitteilsamer wäre, die Bremsen mehr Biss hätten und die Lenkung mehr Präzision. Aber so mag es der Chinese offenbar und ein paar Ingenieure haben sie in Europa noch, die den #5 auf Kurs bringen sollten. 

Vorzüge im Innenraum

Wenn sich der Verkehr innerhalb der dritten Ringroad zu verdichten beginnt, rücken andere Vorzüge des #5 in den Vordergrund. Sein Infotainment zum Beispiel, das erwachsener wirkt als bei Mini und nicht so übertrieben modern sein will wie bei Mercedes. In der Kombination aus Head-Up-Display, kleinem Bildschirm hinter dem Lenkrad, großem Touchscreen über der Mittelkonsole und einem eigenen Schirm für den Sozius ist es einfach stimmig. Das Soundsystem macht mit beleuchteten Lautsprechern in den Türen und einer zentralen Box, die beim Anschalten wie ein Pilz aus dem Armaturenbrett sprießt, so viel her wie in der S-Klasse. Und wem das alles zu viel ist, der schaut einfach durchs große Glasdach nach der Skyline, die nach Sonnenuntergang im Neonlicht erstrahlt.

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Kommt der Fortwo im Sog des Smart #5?

Zwar wissen sie bei Smart selbst, dass sie zumindest die Stammkunden mit dem #5 buchstäblich auf eine große Probe stellen. Doch nachdem die Zahl der Stammkunden nie für eine gesunde Gewinnbasis gereicht hat, hält sich die Rücksichtnahme in engen Grenzen. Allen andern bieten sie mit dem #5 ein elektrisches SUV, das nicht nur günstiger ist als viele Konkurrenten und vor allem die Modelle der mittlerweile entfernten Schwester aus Stuttgart, sondern auch noch besser – und das deshalb tatsächlich zu einem großen Wurf werden könnte. 

Außerdem haben sie nicht vergessen, wo sie herkommen – sondern rechnen tapfer weiter an einem Nachfolger des Fortwo herum. Und je besser sich der Große verkauft, desto größer dürften die Chancen für den Kleinen werden.

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