Während in Europa und den USA weiter über Funkstandards und Zertifizierungen gestritten wird, schafft China Fakten – beim Thema V2X (Vehicle-to-everything) und autonomen Fahrzeugen.
Mit dem Format „China Market Insider“ berichtet die »Automobil Industrie« regelmäßig über den chinesischen Automobilmarkt.
(Source: Deposit Photos)
China ist, von der Coronakrise kaum gebremst, auf dem Weg zum globalen Marktführer beim vernetzten Auto. Führende Internetplattformen, heimische Autohersteller und Netzwerkbetreiber haben in den vergangenen Tagen und Wochen neue Allianzen und Produkte angekündigt, die Fahrzeuge in China zunehmend miteinander und mit dem Rest der Welt kommunizieren lassen.
Während in Europa und in den USA weiter über Funkstandards und Zertifizierungen gestritten wird, schaffen die Unternehmen und Regierungsstellen in China beim Thema V2X (Vehicle-to-everything) Fakten.
SAIC Volkswagen schließt Industriepartnerschaft mit JD.com
SAIC Volkswagen etwa gab vergangene Woche eine neue Partnerschaft mit Chinas E-Commerce-Giganten „JD.com“ bekannt. Der in China gebaute Passat und einige andere Modelle des Autoherstellers sollen noch in diesem Jahr in der Lage sein, von der Straße aus Hausgeräte wie Kühlschrank, Klimaanlage oder Deckenlampe zu steuern. Die Neuwagen werden mit dem „Smart Home Service“ von JD Whale ausgerüstet, der von JD.com entwickelten IOT-Plattform. Die Besitzer können dann entweder über einen Sprachassistenten oder über das Berühren eines Touchscreens das Wasser für ihr Bad vorheizen beziehungsweise die Eiswürfel für ihren Scotch produzieren – noch während sie auf dem Nachhauseweg sind.
Die Relevanz dieser Industriepartnerschaften geht jedoch weit über die Implementierung solcher Funktionen hinaus, die ja noch leicht als Marketing-Gimmicks abgetan werden könnten. Denn das Heranreifen von V2X-Anwendungen gilt als ein Schlüsselfaktor für das autonome Fahren. Mit derselben Technologie, mit der Autos nun Klimaanlagen einschalten können, werden sie künftig auch mit anderen Fahrzeugen kommunizieren, um Unfälle zu vermeiden oder Staus zu umfahren.
China: Milliardenschweres Investitionswettrennen der Konzerne
Bis zum Jahr 2026 könnte der globale Markt für vernetzte Autos knapp 200 Milliarden US-Dollar (rund 185 Milliarden Euro) schwer sein, sagt die amerikanische Marktforschungsagentur Reports and Data voraus. Auch wenn dieser Meilenstein wegen Corona nun etwas später erreicht werden wird, ist das „Vernetzte Auto“ eindeutig ein Thema, das über die Zukunftsfähigkeit der Automobilhersteller und vieler Automobilzulieferer entscheiden wird.
China hat angekündigt, dass bis 2025 mindestens 30 Prozent aller dort verkauften Neuwagen „intelligent vernetzte“ Fahrzeuge sein werden. Alle chinesischen Internet- und E-Commerce-Konzerne liefern sich daher aktuell bei dieser Zukunftstechnologie ein milliardenschweres Investitionswettrennen.
Über Baidu Maps ein Apollo Robotaxi rufen
Das vom Internetgiganten Baidu entwickelte V2X steuert auch fahrerlose Taxis, die seit vergangener Woche in Zentralchina Kunden transportieren. Über die Smartphone-App „Baidu Maps“ können sich Kunden ein „Apollo Robotaxi“ rufen, berichtete die Zeitung China Daily in der vergangenen Woche. Die autonom fahrenden Taxis sind bislang zwar nur in einer 130 Quadratkilometer großen Testzone der Stadt unterwegs. Dazu gehören aber immerhin verschiedene Wohngebiete und Industrieparks, also unterschiedliche „städtische Szenarien“.
Die Taxifahrten sind zur Zeit kostenlos, und noch immer sitzt ein Mensch zur Vorsicht mit im Wagen, der im Notfall das Steuer übernehmen kann. Die während der Fahrten gesammelten Daten werden Baidus Ambitionen bei der Entwicklung autonomer Fahrzeuge jedenfalls sehr nützlich sein.
Changsha, die Hauptstadt der zentralchinesischen Provinz Hunan, ist nur eine von mehr als 20 chinesischen Städten und Regionen, in denen zur Zeit Straßentests mit fahrerlosen Autos begonnen haben. Unter anderem flitzen auch in Peking, Shanghai, Wuhan, Guangzhou und Cangzhou bereits autonome Fahrzeuge durch den Stadtverkehr. SAIC Motor, BMW und Didi Chuxing, Chinas Antwort auf Uber, haben schon Autokennzeichen für solche Testfahrten erhalten.
Die Apollo Robotaxis von Baidu zählen jedoch zu den Pionieren, was das Befördern von Fahrgästen ohne den Einsatz von Fahrern betrifft. Baidu hat darüber hinaus angekündigt, seine Apollo-Plattform für autonomes Fahren weiter perfektionieren zu wollen, insbesondere was den Datenaustausch zwischen Autos und intelligenten Verkehrsleitsystemen betrifft. Das berichtet die Wirtschaftszeitschrift Caixin unter Berufung auf interne Baidu-Dokumente.
Chinesische Regierung stellt Infrastruktur für autonomes Fahren
Die chinesische Staats- und Parteiführung fördert die Fortschritte chinesischer Allianzen beim Thema vernetzte Autos, indem sie das öffentliche Straßennetz mit der nötigen Infrastruktur ausstattet. So hat Baidu jüngst den Zuschlag erhalten für den Bau einer neuen Testzone für autonomes Fahren in der westchinesischen Millionenstadt Chongqing. Der Auftrag im Wert von 7,5 Millionen US-Dollar (rund 6,9 Millionen Euro) ist einer von einem Dutzend ähnlicher Kooperationen mit Städten und Kommunen in China. Es gehe ihm bei solchen Projekten sowohl um „operationelle Erfahrungen wie um kommerzielle Wertschöpfung“, erklärte Baidus CEO Robin Li in einer Telefonkonferenz mit Investoren.
Stand: 08.12.2025
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Eigene Strategie zur Entwicklung von „Smart Vehicles“
Das vernetzte Auto der Zukunft hat in China gerade im Februar dieses Jahres, trotz Coronakrise, noch einmal deutlich Aufwind bekommen, als die Planungsbehörde NRDC in Peking ihre neue „Strategie zur Entwicklung von Smart Vehicles“ beschlossen hat. Dank staatlicher Förderung und schnellere Lizenzerteilung sollen V2X-Lösungen bis zum Jahr 2025 in vielen Regionen Chinas auf den Straßen im Einsatz sein, immer mit dem chinesischen Standard C-V2X (Cellular Vehicle-to-everything) und oft bereits über 5G. Dieser Standard für den Datenaustausch in Fahrzeugen konkurriert international mit europäischen und amerikanischen Standards, die auf WLAN setzen.
In China ist der Standard selbstverständlich konkurrenzlos. Mit dieser Industriepolitik und mit Investitionen in die V2X-Infrastruktur ihrer Städte schafft Peking Fakten und avanciert Schritt für Schritt zum globalen Marktführer beim vernetzten Fahren.
Schon bis zum Ende dieses Jahres könnten 60 Millionen Chinesen in Fahrzeugen unterwegs sein, die mit V2X-Technologie ausgerüstet sind, schreibt das Nachrichten-Portal Sohu anlässlich der gerade verkündeten Partnerschaft von SAIC Volkswagen und Baidu. Der Wert des Marktes wird für dieses Jahr auf 200 Milliarden chinesische Yuan geschätzt (rund 26 Milliarden Euro).
Über den Autor
*Henrik Bork ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking. „China Market Insider“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Vogel Communications Group, Würzburg, und der Jigong Vogel Media Advertising in Beijing.