Die chinesischen Medien feiern den Einfluss ihres Landes auf die internationale Normierung des autonomen Fahrens. Die EU und die USA sehen den Einfluss allerdings kritisch.
Bei der ISO-Norm für das autonome Fahren hat China einen entscheidenden Einfluss genommen. Das wird nicht von allen unkritisch gesehen.
(Bild: Mercedes-Benz AG)
In China ist man stolz darauf, aktiv am neuen ISO-Standard für Tests beim Autonomen Fahren mitgearbeitet zu haben. „ISO 34501“ ist im Oktober von der Internationalen Organisation for Normung (ISO) in Genf veröffentlicht worden. Die neue Industrienorm regelt das Vokabular, das zur Beschreibung von Test-Szenarien zum Einsatz kommt, wenn „automatisierte Fahrsysteme“ erprobt werden.
ISO 34501 ist also so eine Art internationales Wörterbuch für alle, die an der Entwicklung des fahrerlosen Fahrens arbeiten oder auch an deren Vorläufern, den Fahrassistenz-Systemen (ADAS). Enthalten sind darin zum Beispiel genau Definitionen für Begriffe wie das “Einschnüren links“ (left cut in) beim Überholen, die bei der Entwicklung von Test-Fahrten benutzt werden.
Experten aus mehr als 20 Ländern haben an der Entwicklung des neuen internationalen Standards mitgearbeitet, neben denen aus der Volksrepublik China auch solche aus Deutschland, Japan und den USA. Derartige Industriestandards sollen dafür sorgen, dass Ingenieure überall auf der Erde dieselbe Sprache sprechen.
Chinesische Führung
Die Entwicklung sei jedoch „unter chinesischer Führung“ zustande gekommen, schreibt das chinesische Industrieministerium MIIT stolz auf seiner Webseite. Man sei endlich nicht nur ein „First Mover“ bei der Entwicklung dieser neuen Technik, sondern habe auch „chinesisches Wissen“ zur Ausarbeitung der ISO-Norm bereit gestellt.
Das ist insoweit korrekt, da China der „Straßenfahrzeugs-Kommission“ der ISO im April 2018 die Ausarbeitung eines solchen internationalen Standards für das autonome Fahren vorgeschlagen hatte. Der Antrag war bewilligt worden und in der Folge hatten chinesische Experten aktiv an der Entwicklung der „ISO 34501: 2022 Road Vehicles-Test Scenarios for Automated Driving Systems – Vocabulary“, wie der vollständige Name lautet, teilgenommen.
Der Grund dafür, dass China „bei der Vollendung dieser wichtigen Aufgabe die Führungsrolle übernehmen konnte“, wie es die chinesische Autozeitung Zhongguo Qiche Bao etwas überbewertend formuliert, liege, so führt das Blatt weiter aus, in der globalen Technologie-Führerschaft, die sich das Land im Bereich des autonomen Fahrens inzwischen erarbeitet habe. ISO 34501 „markiert den Wandel vom Mitläufer zum Mitgestalter“, schreibt die Autozeitung weiter.
Auch diese Lesart ist nicht völlig von der Hand zu weisen, denn in der Tat gibt es in kaum einem anderen Land so viele Pilotprojekte zur Erprobung des autonomen Fahrens wie in China. In mehr als zehn verschiedenen Städten, darunter in Peking, Shanghai, Shenzhen und Guangzhou, sind bereits selbstfahrende „Robotaxis“ oder Busse ohne Busfahrer unterwegs.
Autonom im chinesischen Straßenbild
China hat, wie das Wirtschaftsmedium Yicai resümiert, „in den vergangenen Jahren die Kommerzialisierung von Technologien des autonomen Fahrens beschleunigt.“ Viele Beobachter halten es inzwischen für möglich, dass China das erste Land sein wird, in dem man regelmäßig Fahrzeuge ohne Fahrer auf den Straßen sieht.
Die Pekinger Zentralplaner sehen hier, wie auch bei anderen Zukunftstechnologien, den „emerging technologies“, eine willkommene Chance, dem aus ihrer Sicht arroganten Westen, allen voran den USA, endlich das Zepter der technologischen Weltführerschaft zu entreißen.
„Wem der Standard gehört, dem gehört der Markt.“ So oder ähnlich soll es der große deutsche Industrielle Werner von Siemens (1816 bis 1892) gesagt haben. China, so schreibt die Parteipresse des Landes jetzt angesichts der aktiven Mitarbeit an ISO 34501 für das Testen autonomer Fahrassistenz, habe diese wichtige industriepolitische Instrument zu lange einer kleinen Zahl „führender Industrienationen“ überlassen.
Der chinesische Staat hat sich des Themas angenommen und geht mit gewohnten Gründlichkeit und Hartnäckigkeit ans Werk. Die Zahl der chinesisch besetzten Sekretariate in der Internationalen Organisation für Normung sei von nur sechs im Jahr 2000 auf 79 im Jahr 2019 gewachsen, schreibt das Handelsblatt.
Besonders konzentriere sich Peking bei der Formulierung von Standards auf „strategische Sektoren und neue Technologien“, schreibt die EU-Handelskammer in Peking – zum Beispiel in den Bereichen Software, Künstliche Intelligenz oder 5G. Die ISO-Normen seien zu einem neuen „Kriegsschauplatz“ zwischen China und dem Westen geworden.
Stand: 08.12.2025
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Chinesische Mitgestaltung fördern
Neutral betrachtet muten beide Positionen, sowohl Chinas nationalistisch gefärbte Normierungs-Kampagne auf Staatsebene (von einem „state-centric approach“ spricht die EU-Kammer in China), als auch die Reaktionen auf Chinas neu gefundes ISO-Interesse im Westen, wie etwa das Wort vom „Kriegsschauplatz“ verdeutlicht, etwas albern an.
Denn es ist ja gerade das Wesen der internationalen Standardisierung, universell gültige Sprachregelungen und anerkannte Spielregeln bei der Entwicklung von neuen Technologien zu finden, die einen globalen Markt überhaupt erst ermöglichen - und wie soll das denn bitte möglich sein, ohne dass weltweit gemeinsam daran gearbeitet wird?
Dass sich Peking gerade ein wenig auf die Schulter klopft ist jedenfalls weniger bedrohlich für die europäische, US-amerikanische und japanische Industrie, als eine andere, durchaus ebenso denkbare Alternative: Anstatt bei der ISO in Genf mitzuarbeiten, könnte Peking ja auch völlig eigene, rein chinesische Industrie-Normen erlassen.
Sowohl die USA wie auch die EU-Kommission in Brüssel wollen eigenen Ankündigungen zufolge den Einfluss Chinas auf internationale Industrienormen zurückdrängen. Dies ist ein bedenklicher Ansatz, denn dieser unnötige Antagonismus „könnte China dazu verleiten, das Schaffen paralleler Alternativen auszuloten“, zitiert die Financial Times in diesem Kontext einen amerikanischen Experten.
* Henrik Bork, langjähriger China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau, ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking.