Zum Jahresende schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt. Die Erwerbstätigkeit ist so hoch wie nie. Japan verliert seinen Status als drittgrößte Volkswirtschaft an Deutschland. Wie passt das zusammen und wie ist die Lage?
Trotz schwieriger Zeiten für die deutsche Wirtschaft gibt es auch positive Meldungen.
(Bild: Rainer Haeckl)
Die deutsche Wirtschaft kommt nicht vom Fleck. Zum Jahresende schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zum Vorquartal um 0,3 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Freitag (23. Februar) bestätigte. Die Bundesregierung erwartet nach einem Rückgang der Wirtschaftsleistung 2023 in diesem Jahr nur noch ein Miniwachstum von 0,2 Prozent. „Dramatisch schlecht“ nannte das Wirtschaftsminister Robert Habeck unlängst. „Wir kommen langsamer aus der Krise als gehofft.“
Die Industrie, die in Deutschland mit etwa 30 Prozent an der Bruttowertschöpfung ein vergleichsweise hohes Gewicht hat, leidet nicht nur unter gestiegenen Energiepreisen, sondern auch unter schwacher Nachfrage, insbesondere aus dem Ausland. Im vergangenen Jahr sanken die Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe um 5,9 Prozent.
Gestiegene Zinsen und Kosten bremsen zudem den Bau aus. „In der Industrie und der Bauwirtschaft sind mittlerweile die dicken Auftragspolster abgeschmolzen, die die Unternehmen noch zu Corona-Zeiten aufgebaut hatten“, erläuterte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser jüngst.
Schwacher Welthandel trifft deutsche Wirtschaft
„Die Jahre, in denen die deutsche Industrie Job- und Wachstumsmotor für die deutsche Wirtschaft war, sind vorerst vorbei“, erwartet Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung. Vor allem der Energiepreisschock nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und die damit verbundene Unsicherheit bei den Energiepreisen wirkten fort.
Zudem trifft die Schwäche des Welthandels die exportorientierte deutsche Wirtschaft: Der Wert der Ausfuhren von Waren „Made in Germany“ sank im vergangenen Jahr. „Der Gegenwind für die deutsche Wirtschaft kommt neben den hohen Energiekosten vor allem von der schwachen globalen Nachfrage, insbesondere nach hochzyklischen Gütern wie Autos, Werkzeugmaschinen und Chemikalien“, analysierten Volkswirte des Kreditversicherers Allianz Trade Deutschland.
Unternehmen suchen Beschäftigte
Dennoch zeigt sich der Arbeitsmarkt in Europas größter Volkswirtschaft bislang robust, auch wegen des Fachkräftemangels. Nach wie vor suchen viele Unternehmen händeringend Personal. Die Bundesbank sieht derzeit keine Anzeichen, „dass sich die Lage am Arbeitsmarkt durch die schwache Konjunktur spürbar verschlechtern wird“.
Die Zahl der erwerbstätigen Menschen erreichte nach vorläufigen Daten des Statistischen Bundesamtes im vergangenen Jahr mit 45,9 Millionen den höchsten Jahresschnitt seit der Wiedervereinigung 1990.
Neun von zehn der zusätzlichen Jobs entstanden dabei im Dienstleistungsbereich, während es im produzierenden Gewerbe und im Baugewerbe geringere Zuwächse gab.
Private Kaufkraft dürfte sich erholen
Der robuste Arbeitsmarkt und die tendenziell sinkende Inflation könnten dem Privatkonsum in diesem Jahr als wichtige Konjunkturstütze Deutschland auf die Sprünge helfen. „Positive Nachrichten für die Konjunktur dringen derzeit nur schwer durch, dennoch gibt es sie: Ein solcher Silberstreif ist die absehbare Erholung der privaten Kaufkraft“, sagte KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib unlängst. Im vergangenen Jahr hatten viele Menschen wegen der Inflation beim Konsum gespart.
Ungeachtet zusammengestrichener Konjunkturprognosen, die Deutschland in diesem Jahr als Schlusslicht im Euro-Raum sehen, eilt der Dax von Rekord zu Rekord. Der Leitindex bildet allerdings nur einen Teil der deutschen Wirtschaft ab, die vor allem mittelständisch geprägt ist.
Vertreten sind im Dax die 40 größten börsennotierten Konzerne. Es sei nicht das heimische Geschäft, was die Unternehmen an der Börse immer wertvoller mache. Ihre Umsätze und Gewinne erzielten sie zu einem Großteil im Ausland, erläutert Analyst Konstantin Oldenburger vom Broker CMC Markets.
Niederlande und Schweden mit ähnlichen Schwierigkeiten
Während Länder wie die Niederlande oder Schweden sich nach EU-Prognosen dieses Jahr mit einem ähnlich mageren Wachstum wie Deutschland begnügen müssen, wird etwa Griechenland oder Spanien deutlich mehr zugetraut. Diese Länder profitieren nach Einschätzung von Ökonomen vor allem vom Tourismusboom nach dem Ende der Pandemie.
Stand: 08.12.2025
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„Was uns also sonst hilft – ein großer Industriesektor, der profitiert, wenn die Weltwirtschaft boomt und die Energiepreise niedrig sind –, das bereitet uns jetzt Probleme“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest „Tagesschau24“.
Deutschland habe allerdings auch strukturelle Probleme. „Die Autoindustrie ist in einem Veränderungsprozess. Wir haben einen demografischen Wandel. Wir laufen auf eine Situation zu mit schrumpfender Erwerbsbevölkerung. Und das macht vielen Investoren Sorgen“, so Fuest.
Verbände fordern verlässliche Rahmenbedingungen
Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, warnt vor Schwarzmalerei.
(Bild: Florian Schuh)
Wirtschaftsverbände kritisieren zudem Überregulierung, marode Infrastruktur, im internationalen Vergleich zu hohe Steuern und politische Unsicherheit angesichts der Auseinandersetzungen der Ampel-Koalition. „Die Unternehmen brauchen dringend verlässliche und bessere Rahmenbedingungen. Das betrifft die Energieversorgung ebenso wie die Fachkräftesicherung und die Infrastruktur“, mahnte jüngst DIHK-Konjunkturexperte Jupp Zenzen.
Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger warnte zum Jahreswechsel: „Aus Enttäuschung und vor allem wegen wirtschaftlicher Nachteile am Wirtschaftsstandort Deutschland fallen jetzt immer mehr Investitionsentscheidungen zugunsten des Auslands.“
Microsoft investiert Milliarden in Deutschland
Der US-Softwareriese Microsoft scheint allerdings mehr Chancen als Risiken zu sehen und wird bis Ende 2025 knapp 3,3 Milliarden Euro investieren, um seine Rechenzentrumskapazitäten für die Künstliche Intelligenz auszubauen. „Wir werden keine Subventionen erhalten und haben auch nicht danach gefragt“, betonte Microsoft-Manager Brad Smith.
Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, warnte in der „Rheinischen Post“ denn auch vor Schwarzmalerei: Das Gerede von Deutschland als „kranker Mann“ Europas sei fehl am Platz. „Die unsägliche Schwarzmalerei von manchen Wirtschaftsbossen und Politikern ist die größte einheimische Bremse für die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr.“ Wirtschaft sei zu 80 Prozent Psychologie.