Sportgetriebe Die Getriebenen
Sportliche Fahrer neigen traditionell zum Handschaltgetriebe. Doch in den letzten Jahren haben sich die Spielregeln geändert. Die Wandlergetriebe mit bis zu acht Gängen haben fast
Anbieter zum Thema
Sportliche Fahrer neigen traditionell zum Handschaltgetriebe. Doch in den letzten Jahren haben sich die Spielregeln geändert. Die Wandlergetriebe mit bis zu acht Gängen haben fast Perfektion erreicht. Von der Schaltgetriebeseite kommen die automatisierten Getriebe von Typus des Lamborghini e-Gear oder des SMG von BMW, das jetzt vor dem Aus steht. Dazwischen liegen die Doppelkupplungsgetriebe mit VW und Audi als Pionier und demnächst etlichen Nachahmern.
Mercedes-AMG geht einen anderen Weg. Traditionell baut Mercedes seine Getriebe selbst, und nun gibt es ein neuartiges, besonders sportliches Getriebe auf Basis des hauseigenen 7-Gang-Automaten – zunächst im neuen SL 63 AMG. Das Sportgetriebe AMG Speedshift MCT mit sieben Gängen und vier Fahrprogrammen wurde in Zusammenarbeit mit Sachs entwickelt. Insgesamt 150 Teile seien für das neue Sportgetriebe überarbeitet worden, sagt AMG-Motorenentwickler Dr. Martin Hart und fügt hinzu: „Die nasse Sechsscheiben-Anfahrkupplung ist das neue Herzstück des Getriebes.“ Es kann Zwischengas geben und ermöglicht in einem speziellen Programm einen Rennstart mit optimaler Traktion.
„Wir wählten unser vorhandenes Siebengang-Planetengetriebe als Basis und integrierten anstatt des Drehmomentwandlers eine Hochleistungskupplung“, erläutert Gerd Korherr, der Projektleiter für die Entwicklung des MCT-Gesamtgetriebes. AMG Speedshift MCT (Multi Clutch Technology) entstand in weniger als drei Jahren, „wobei diese kurze Entwicklungszeit nur möglich war, weil wir auf die vorhandene Basis des 7-G-Planetengetriebes zurückgreifen konnten“, sagt Korherr.
In der Vorentwicklung prüften Korherr und seine Mitarbeiter auch das Potenzial jener DKG-Varianten, die der Wettbewerb anbietet. Das Resultat fiel ernüchternd aus: „Wir haben genau gesehen, dass dort die Drehmomentgrenze bei 650 Nm liegen würde. Das war uns zu wenig. Außerdem bauen diese Wettbewerbs-DKG lang und sind vergleichsweise schwer.“ Mit 80 Kilogramm Gewicht kommt die neue MCT-Siebengang-Automatik auf den identischen Wert wie die Fünfgang-Wandlerautomatik im SL 65 AMG. „Damit erreichen wir im Verhältnis zum übertragenen Drehmoment eine Benchmark“, so Korherr.
Gefertigt wird das Getriebe im Werk Esslingen-Hedelfingen im Rahmen des normalen Montageprozesses auf dem Großserienband. MCT ist dennoch teurer als der 7-Gang-Wandlerautomat; inoffiziell ist von 10 bis 15 Prozent Mehrkosten die Rede.
Bei der zu erwartenden Produktionsdauer des AMG Speedshift MCT von acht bis neun Jahren legten die Entwickler besonderen Wert auf eine möglichst weit gespannte Nutzungsmöglichkeit. Mit einem Drehmomentbereich von 600 bis 1 000 Nm (momentan werden beim SL 63 AMG 630 Nm erreicht) kommt die neue Gangwechsel-Technik künftig auch für wesentlich leistungsstärkere Varianten in Frage. Die von Sachs gelieferte „nasse“ Hochleistungs-Anfahrkupplung ist für extreme Motoreingriffe und Drehzahlen bis 7 200/min ausgelegt.
Die bei den hohen Relativdrehzahlen notwendige höhere Kühlleistung erreichten die Daimler-Techniker ohne eine separate Pumpe. Als anspruchsvoll erwies sich die gezielte Führung des Getriebeöls im internen Kühlkreislauf. Das Öl wird um die hochbelasteten Kupplungslamellen zwangsgeführt. AMG achtete neben dem geringen Öl-Speichervolumen auch auf eine kompakte Gesamtauslegung des Kupplungselements. Der relativ kleine Kupplungsdurchmesser führt zu einer um 60 Prozent geringeren Massenträgheit gegenüber dem Wandler-Getriebe.
Wichtig für sportliche Performance und schlupffreies Ansprechverhalten auf Gaspedalbewegungen ist die mit 6.00 weite Spreizung des 7-Gang-Sportgetriebes von AMG. „Wer hier eine zu geringe Spreizung, etwa den Wert 5.00 wählt, wird später erleben, dass das Fahrzeug sehr laut wird“, bemerkt Korherr.
Vier Fahrprogramme stehen zur Wahl, wobei das M-Programm mit nur 100 Millisekunden pro Gangwechsel das Glanzlicht ist. Der Fahrer kann per Kickdown Mehrfachrückschaltungen einleiten, und das lastfreie Zurückschalten, unterstützt von der jeweils angepassten Zwischengas-Dosis, mindert außerdem die Lastwechselreaktionen des Fahrzeugs – in schnellen Kurven bei hohen einwirkenden Seitenkräften ein fahrdynamisch nicht zu unterschätzender Vorteil.
Neben dem SL 63 AMG sind die kommenden SLK- und CLK-Nachfolger heiße Kandidaten für das MCT-Getriebe. Für die Modellreihen C, E und CLS sind die Entscheidungsprozesse diffiziler und intern noch nicht abgeschlossen.
Auszuschließen ist das Vordringen in die S-, CL- und ML-Klasse. S und CL sind komfortbetonter, die Verwendung im ML bleibt MCT wegen des zu aggressiven Anfahrvorgangs im Zugbetrieb verwehrt. Klar bleibt eines: MCT ist grundsätzlich AMG-Typen vorbehalten.
Manfred Jerzembek
(ID:246136)