Die Prozess-Manager

Autor / Redakteur: Wilhelm Mißler / Wilhelm Mißler

Zwischen zwei Stühlen sitzen Manager äußerst ungern. Doch an der Nahtstelle von fachlich fundierter Engineeringdienstleistung und klassischer Beratung sieht Rainer Kurek, Geschäftsführer

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Zwischen zwei Stühlen sitzen Manager äußerst ungern. Doch an der Nahtstelle von fachlich fundierter Engineeringdienstleistung und klassischer Beratung sieht Rainer Kurek, Geschäftsführer der MVI Group, sein Unternehmen genau richtig positioniert.

Die Ausrichtung ist alles andere als natürlich gewachsen. Denn die Mutter, IVM Engineering, operierte nach dem Muster traditioneller Ingenieur-Dienstleister. Das Geschäft lief prächtig. Aus dem eigentlichen Grund zur Freude erwuchs allerdings ein massives Problem: Hohe Vorleistungen erforderten Kapital, das weder die Banken noch die Gesellschafterfamilie Kiss aufzubringen bereit waren. Deshalb wurden im Juli 2002 die deutschen Entwicklungsstandorte an Edscha veräußert. Zurück blieben 712 Mitarbeiter an den in- und ausländischen Standorten, die nicht verkauft wurden – und rund 40 Jahre Erfahrung in der Entwicklung von Automobilen.

Daraus ein neues Unternehmen mit vergleichbarem Kompetenzprofil zu formen, lag auf der Hand, und der Zeitpunkt schien günstig. Glaubte man den Auguren und einschlägigen Beratern der Branche, konnte nichts schiefgehen: Autofuture malte für die Entwicklungsdienstleister ein Umsatzwachstum zwischen 2001 und 2011 von mehr als 115 Prozent an die Wand. Die HVB Group und Mercer rechneten den Dienstleistern für 2008 gar ein Marktvolumen von bis zu 15 Mrd. Euro vor.

Doch statt Boom erlebte die Branche Tristesse. Klangvolle Namen wie Mayflower oder Matzner verschwanden vom Markt, selbst Schwergewichte hatten zu kämpfen. Die MVI Group schien sich nahtlos einzureihen: defizitärer Start im Januar 2003 und „ein schwieriger Restrukturierungsprozess in 2004“, wie Rainer Kurek die Ausgangslage in der Rückschau skizziert. Doch knapp fünf Jahre nach dem Neubeginn steht das Unternehmen auf festem Fundament. Läuft alles nach Plan, erzielen die 1 000 Mitarbeiter in diesem Jahr einen Umsatz von etwas mehr als 100 Mio. Euro mit einer Rendite (EBIT) von 12 Prozent. Ein Spitzenwert in der Branche.

Für den 40-jährigen Geschäftsführer der MVI Group – er gehört damit zu den jüngsten, die ein Unternehmen dieser Größenordnung führen – ist der Erfolg weder glücklicher Fügung noch branchenbedingtem Aufschwung geschuldet, sondern der richtigen Interpretation der Marktentwicklung: Die Automobilhersteller sind angesichts noch immer wachsender Modellflut immer weniger in der Lage, bei jedem Nischenmodell die Entwicklung und Produktion vollständig selbst zu koordinieren.

Kurek folgert daraus: „Entwicklungsdienstleister werden künftig nur erfolgreich sein, wenn sie auf ein Gebiet in der Fahrzeugentwicklung spezialisiert sind oder über einen Wettbewerbsvorsprung in spezifischen Technologien verfügen.“

An dieser Überzeugung hat er die MVI Group ausgerichtet – und damit dem tradierten Modell des Engineeringdienstleisters eine Absage erteilt. Das junge Unternehmen tritt mit einem klaren Fokus auf die Fahrzeugkarosserie an – von der Produktentwicklung bis zur Produktionsplanung.

Hinzu kommt die gezielt aufgebaute Stärke in der Projektsteuerung und -koordinierung. Aus dem Zusammenführen von fachlicher und methodischer Kompetenz resultiere eine Position im Markt, auf die nur wenige Wettbewerber im Markt eine passende Antwort hätten, ist sich Rainer Kurek sicher.

Zugpferd der insgesamt sieben Geschäftsfelder der MVI Group (siehe Kasten auf Seite 29) bildet konsequenterweise die Proplant in Wolfsburg. Die 126 Mitarbeiter – überwiegend hochspezialisierte Ingenieure – widmen sich komplexen Produktions- und Logistikaufgaben. Ihre Aufgabe lautet, Produkt und Fertigung zu einem effizienten Produktentstehungsprozess zusammenwachsen zu lassen sowie Fabrik- und Fertigungsplanung aufeinander abzustimmen. „Gerade daran“, sekundiert Proplant-Geschäftsführer Markus Schick, „wird die strategische Positionierung der MVI Group deutlich: Wir verstehen uns als Problemlöser und nicht als Auftragnehmer.“

Die deutschen OEM stellen die Hauptkunden der MVI Group, allen voran der Volkswagen-Konzern. Vor kurzem erst hat das Unternehmen das größte Einzelprojekt in seiner noch jungen Historie an Land gezogen: Im ehemaligen Volkswagen-Werk in Brüssel soll künftig der Audi A1 vom Band laufen. Die Proplant wurde mit der Anlagen- und Betriebsmittelplanung für die bestehende Montagelinie beauftragt. „Die langjährige Erfahrung der Projektmitglieder in der Volkswagenwelt sowie die in vielen Projekten nachgewiesenen Fähigkeiten im Projektmanagement haben den Ausschlag gegeben“, resümiert Schick. Schließlich gelte es, Fachleute in Brüssel, Ingolstadt und nicht zuletzt innerhalb der Proplant zu koordinieren.

Die einschlägigen Referenzen helfen, mit Zulieferern und Unternehmen jenseits der Automobilindustrie ins Geschäft zu kommen. Bei letzteren, konstatiert Schick, werde der Beratungsansatz sogar stärker abgerufen als bei den angestammten Kunden. Kein Wunder, schöpfen doch die vielfach mittelständischen Unternehmen das Know-how aus der Automobilindustrie so am wirkungsvollsten ab. Und die positive Resonanz dort, unkt Kurek, wird früher oder später ihre Wirkung wiederum bei den OEM hinterlassen.

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