Volkswagen Diess sieht VW „in Topform“ – Cavallo spricht von „schwerer Krise“

Betriebsversammlungen am VW-Stammsitz Wolfsburg waren häufig brisant. Am Mittwoch stand die jüngste Ausgabe an – mit neuen Unstimmigkeiten zwischen Betriebsratschefin Daniela Cavallo und Konzernboss Herbert Diess.

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Sind nicht immer gleicher Meinung und deswegen auch nicht immer bester Laune: Volkswagen-Chef Herbert Diess und die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo.
Sind nicht immer gleicher Meinung und deswegen auch nicht immer bester Laune: Volkswagen-Chef Herbert Diess und die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo.
(Bild: Volkswagen)

Am Mittwoch (16. Februar) stand im VW-Werk Wolfsburg die erste Betriebsversammlung des Jahres auf dem Plan. Nachdem es bei der letzten Ausgabe im November zu einem regelrechten Showdown zwischen der Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Daniela Cavallo und Konzernchef Herbert Diess gekommen war, war die Lage diesmal nicht ganz so angespannt. Auf einer Linie lagen die beiden aber auch am Mittwoch nicht.

Zunächst sprach Cavallo virtuell zu den Mitarbeitern. Und erneut kam die Volkswagen-Spitze dabei nicht gut weg. Zwar freue sich auch der Betriebsrat, dass sich der Autobauer auf Rekordniveau bewege, sagte sie. „Aber andererseits und zur gleichen Zeit sind Volkswagen und unser Stammsitz Wolfsburg in einer schweren Krise. Wir stehen vor einer der größten Herausforderungen seit Jahren“, erklärte Cavallo mit Blick auf die weiter in Massen fehlenden Halbleiter.

Unverständnis über entfallende Nachtschichten

Zuletzt hatte Volkswagen angekündigt, an drei von vier Montagelinien die Nachtschicht im Werk Wolfsburg wegen fehlender Auslastung streichen zu wollen. „Ich sage ganz klar in Richtung unseres Konzernvorstandes: Dass die Schichtfahrweise angepasst werden soll, obwohl die Auftragssituation weiterhin stark ist – dieser Widerspruch ist nur schwer auszuhalten. Sie tragen die Hauptverantwortung für unsere Lage und deswegen lassen wir nicht zu, dass Konsequenzen allein auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden“, so Cavallo.

In Wolfsburg fehlten im vergangen Jahr 330.000 Autos

Vom Management forderte sie eine Kompensation für die Mitarbeiter in Wolfsburg. „Denn Sie, sehr geehrte Konzernvorstände, wissen genau, dass nicht nur die Marke Volkswagen besonders stark vom Halbleiter-Mangel betroffen ist, sondern vor allem auch unser Standort Wolfsburg und damit unsere Beschäftigten hier. Das sind Ihre Entscheidungen gewesen, das ist Ihre Verantwortung. Und deswegen sind Sie den Kolleginnen und Kollegen einen Ausgleich schuldig“, sagte Cavallo.

Ohne die Halbleiter-Misere hätte VW an seinem Stammsitz nach Aussage der Betriebsratschefin im vergangenen Jahr 330.000 Autos mehr bauen können als die insgesamt nur knapp 400.000. Auch mit den Planungen für 2022 zeigte sie sich unzufrieden. „Für dieses Jahr stehen 570.000 Fahrzeuge im Programm. Wir alle wissen, was das bedeutet: Das entspricht weder dem, was wir vereinbart haben, noch dem, was dieses Werk leisten kann.“

Diess: „Wir wollen bei den Elektro-Fahrzeugen Weltmeister werden“

Herbert Diess zeichnete in seiner Rede dann ein anderes Bild. „Die Volkswagen-Gruppe ist in Topform“, frohlockte der Konzernchef. Die E-Mobilitätsstrategie trage Früchte, in Europa sei man dabei schon jetzt die Nummer eins und auch in Amerika und China schlage man sich gut. „Das ist unser Ziel, wir wollen bei den Elektro-Fahrzeugen ja Weltmeister werden“, so der 63-Jährige.

Zweifel und Kritik am China-Geschäft versuchte Diess trotz zuletzt schwacher Zahlen wegzuwischen. „In China haben wir im November und Dezember jeweils 15.000 E-Autos verkauft. Genauso viele wie die chinesischen Startups. Wir sind also auch in China stark bei E-Autos.“

Beim Thema Halbleiter zeigte sich der Manager dann weniger euphorisch. „Mir ist die kritische Situation in Wolfsburg sehr wohl bewusst. Wolfsburg ist besonders hart von der Halbleitersituation betroffen. Deshalb sind Kapazitätsanpassungen erforderlich, auch mittelfristig.“ Halbleiter seien aktuell die einzig große Herausforderung, die auch für Wolfsburg die größte Sorge sei.

Zwar habe man zuletzt Fortschritte gemacht und eine Task Force arbeite rund um die Uhr. „Aber auch in 2022 werden wir nicht alle Autos bauen können, die wir verkaufen könnten“, sagte Diess. Immerhin: Für die zweite Jahreshälfte sehe man Chancen für Produktionssteigerungen.

Diess fordert „Teamarbeit statt Silodenken“

Von den Mitarbeitern in Wolfsburg forderte der Konzernchef „Teamarbeit statt Silodenken“. Das sei nötig, um mit neuen Wettbewerbern aus China und den USA mithalten zu können. „Denn die entwickeln derzeit etwa zwei Mal so schnell wie wir. Wir können das auch“, so Diess.

Eine zentrale Rolle wird dabei eine neue Fabrik spielen, in der 2026 Volkswagens Prestigeprojekt Trinity vom Band laufen soll – ein E-Auto, das Level-4-automatisiert fahren kann und dank neuester Produktionsmethoden deutlich schneller gefertigt werden kann als bisherige Konzernfahrzeuge. Die Suche nach einem Standort für das Werk ist noch nicht endgültig abgeschlossen.

Klar ist, dass es in oder nahe bei Wolfsburg entstehen soll. Letztendlich werde die Wirtschaftlichkeit entscheiden. Daniela Cavallo sprach am Mittwoch eine klare Empfehlung aus: „Wir kämpfen für die Trinity-Produktion direkt hier in Wolfsburg, das heißt entweder auf dem Werksgelände oder in direkter Nähe zum Stammwerk. Weil wir überzeugt sind, dass es die beste Entscheidung für das Unternehmen ist.“

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