In Immendingen hat Mercedes-Benz den modernsten Lichtkanal Europas eröffnet. Er ist Teil eines riesigen Test- und Prüfzentrums, das den Stuttgartern auf Sicht die technologische Führungsrolle sichern soll.
In Immendingen hat Mercedes-Benz den, nach eigenen Angaben, modernsten Lichtkanal Europas eröffnet.
(Bild: Mercedes-Benz)
Nur eine halbe Stunde vom Bodensee entfernt liegt einer der spannendsten Orte Deutschlands. Vor ziemlich genau zehn Jahren hat Mercedes-Benz nahe dem kleinen Örtchen Immendingen mit dem Bau seines weltweit größten Prüf- und Technologiezentrums begonnen. Auf dem ehemaligen Bundeswehr-Stützpunkt entstand über die Jahre ein 520 Hektar großes Areal der Superlative. Mit einem 86 Kilometer langen Straßennetz, bestehend aus Stadtverkehr, Landstraßen und Autobahnen. Eingebettet in die hügelige Vulkanlandschaft befinden sich mehr als 30 Testmodule auf dem Gelände.
Inklusive serpentinartiger Passstraßen mit bis zu 16 Prozent Gefälle, die sich auf eine Höhe von 820 Meter über dem Meeresspiegel winden. Dazu zig Offroad-Strecken und Straßen, die Beläge, Beschriftungen, Schilder sowie Eigenarten des Verkehrs von den USA über China bis nach Japan abbilden. Das erste private LTE-Netz Deutschlands mit 15 Sendemasten garantiert eine vollständige Mobilfunk-Abdeckung des Geländes bis in den letzten Winkel.
Mercedes investierte 400 Millionen Euro
200 Millionen Euro wurden allein bis zur Eröffnung investiert, weitere 200 Millionen folgten bis heute. Unter anderem für die laut Mercedes-Benz modernste Lichtprüfanlage Europas, die jetzt nach zweijähriger Bauzeit der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Mit einer Länge von 135 Metern, 14 Meter Breite und einer Höhe von acht Metern zählt der 10,5 Millionen Euro teure Lichttunnel zu den größten seiner Art in der Automobilindustrie. Für die Nachbildung einer möglichst realitätsnahen Landstraße haben die Stuttgarter den obersten Fahrbahnbelag mehrfach abfräsen und künstlich altern lassen. Neuer Asphalt hätte zu stark reflektiert. Bis zu fünf Pkw lassen sich parallel testen, inklusive der Simulation von Gegenverkehr und vorausfahrenden Fahrzeugen.
Gerade die optimale Ausleuchtung von Straßen außerhalb der Städte, inklusive des Detektierens von Passanten und Schildern, steht hier im Mittelpunkt. Obwohl in Deutschland nur 20 Prozent der Fahraktivitäten bei Dunkelheit erfolgen, passieren 40 Prozent der schwereren Unfälle nachts – die meisten eben auf Landstraßen. Die Lichttestanlage in Immendingen eröffnet den Ingenieuren ganz neue Möglichkeiten unter reproduzierbaren Bedingungen – unabhängig von Tageszeit oder Wetterbedingungen.
Im Fokus steht die Weiterentwicklung des Digital Lights der 2. Generation, das mit ihrem Ultra+ Fernlicht bis zu 650 Meter weit leuchten und Symbole auf die Fahrbahn werfen kann.
Digitalisierte Teststrecke
Kürzlich hat Mercedes-Benz einen tieferen Einblick in ihre Testarbeit am Standort Immendingen gegeben. Rund 80 Prozent der vormals auf öffentlichen Straßen durchgeführten Testfahrten werden inzwischen hier durchgeführt. Schnell wird klar, dass an diesem für viele noch unbekannten Ort die Leitplanken für die Mercedes-Technik von morgen eingezogen werden. Das komplette Gelände, jeder Quadradzentimeter, ist digitalisiert. Die Voraussetzung, um einen digitalen Zwilling von Immendingen und demnächst auch vom Winter-Testgelände in Arjeplog herzustellen.
Die meisten Entwicklungen und Abstimmungen lassen sich so bereits in Vorabsimulationen durchführen. So sind Modelle bereits mehrere tausend Kilometer digital gefahren, bevor es auf die reale Testpiste geht. Das spart Zeit und jede Menge Geld. Für den neuen CLA zum Beispiel wurden vorab über 400 verschiedene Feder-Dämpfer-Abstimmungen am Computer „getestet“, am Ende reichten dann fünf reale Prototypen für die Endabstimmung.
2.500 Testfahrer für Immendingen
Die erfolgt unter anderem beim voll automatisierten Heide-Dauerlauf, benannt nach den besonders üblen Straßenbelägen der Lüneburger Heide in den 1950er Jahren. Fahrroboter steuern präzise und reproduzierbar rund um die Uhr bis zu zwölf Autos gleichzeitig um eine rund zwei Kilometer lange Schleife, die mit Schlaglöchern und Bodenwellen gespickt ist. Ein Kilometer hier entspricht 150 Kilometer im Alltag. Mit diesem Faktor spult jedes Modell komplett fahrerlos 6.000 Kilometer ab, was in etwa 300.000 Kilometern „draußen“ sind. So kann Mercedes die Erprobungszeit erheblich verkürzen und senkt zudem die Belastung für die ungefähr 2.500 Testfahrer, die hier täglich aufs Gelände kommen.
Der sogenannte Raffungsfaktor spielt bei der Weiterentwicklung und Erprobung von autonomen Fahrsystemen ebenfalls eine entscheidende Rolle. Wissenschaftler haben errechnet, dass Testwagen rund acht Milliarden Kilometer abspulen müssten, um am Ende ebenso sicher autonom unterwegs zu sein wie Fahrzeuge mit einem Menschen am Steuer. Dank der Simulation und den verschiedenen Testmodulen in Immendingen lässt sich die Entwicklungszeit signifikant verkürzen.
Stand: 08.12.2025
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In stürmischen Zeiten, in denen bei Autoherstellern der Ausnahmezustand die Regel ist, scheint der Aufwand, den Mercedes-Benz betreibt, fast schon gefährlich verschwenderisch. Getrieben vom Perfektions- und technologischen Führungsanspruch, bleibt den Stuttgartern aber wohl nicht viel anderes übrig. Wer sich den Leitspruch „Das Beste oder nichts“ auf die Karosserie geschrieben hat, muss diesem auch in Qualität und Innovation gerecht werden.