Smarte Produktion Studie: Unsichere Zukunft bremst Industrie 4.0

Von Sebastian Human 4 min Lesedauer

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Die Management- und IT-Beratung MHP hat mit der Ludwig-Maximilian-Universität München das „Industrie 4.0 Barometer 2023“ veröffentlicht. Demnach schauen Unternehmen zu stark auf den Return on Investment. Wir fragen nach, wie sich das praktisch auswirkt.

Die Management- und IT-Beratung MHP hat gemeinsam mit der Ludwig-Maximilian-Universität München das „Industrie 4.0 Barometer 2023“ veröffentlicht.(Bild:  AUDI AG)
Die Management- und IT-Beratung MHP hat gemeinsam mit der Ludwig-Maximilian-Universität München das „Industrie 4.0 Barometer 2023“ veröffentlicht.
(Bild: AUDI AG)

Frau Reich, eine der Erkenntnisse des Industriebarometers 2023 ist, dass Unsicherheit beim Return on Investment eine fortschreitende Digitalisierung und Automatisierung bei zwei Dritteln aller Unternehmen verhindert. Ist in so vielen Fällen der ROI tatsächlich nicht sicher, oder mangelt es hier schlicht an entsprechenden (positiven) Beispielen?

Christina Reich: Besonders im Bereich der Digitalisierung ist zwar die Berechnung eines ROI meistens möglich, jedoch werden bei alleiniger Betrachtung des ROI viele indirekte Vorteile – wie beispielsweise eine erhöhte Transparenz – unbeachtet bleiben. Durch die hohen initialen Investitionskosten wirkt eine Einführung von Digitalisierungslösungen oft abschreckend. Dabei reichen die Vorteile von ganzheitlichen Digitalisierungslösungen weit über die direkt messbaren Kennzahlen, wie die Produktionskapazität oder Qualität hinaus.

Ganzheitliche Digitalisierungslösungen sind noch nicht weit verbreitet oder existieren schlichtweg noch nicht. Das bedeutet, dass ebenfalls wenige adaptierbare Beispiele zur Verfügung stehen, welche wertvolle Informationen für langfristige positive Effekte aufzeigen könnten. Besonders die Synergievorteile einer ganzheitlichen Digitalisierungslösungen sind nicht zu vernachlässigen.

Prof. Dr. Christina Reich ist Professorin an der FOM Hochschule für Ökonomie & Management sowie Senior Management Consultant bei MHP, und verantwortet das Projekt "Industrie 4.0 Barometer".(Bild:  MHP)
Prof. Dr. Christina Reich ist Professorin an der FOM Hochschule für Ökonomie & Management sowie Senior Management Consultant bei MHP, und verantwortet das Projekt "Industrie 4.0 Barometer".
(Bild: MHP)

Ist die von Ihnen beobachtete starke Fixierung auf den ROI in der aktuellen Phase der technologischen Entwicklung Ihrer Meinung nach sinnvoll? Wie könnte ein alternatives Vorgehen aussehen?

Christina Reich: Es ist verständlich, dass Unternehmen ein hohes Interesse am ROI haben. Doch um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben, sollte besonders bei Digitalisierungsthemen der Fokus nicht ausschließlich auf monetäre Kennzahlen gelegt werden. Denn das kann zur Folge haben, dass aus Kostengründen häufig nur Insellösungen umgesetzt werden, da ganzheitliche Digitalisierungslösungen auf dem Shopfloor komplexer in der Implementierung und demnach auch kosten- und zeitintensiver sind.

Ein alternatives Vorgehen wäre es, Pilotprojekte zu initiieren, die die Digitalisierung von Teilbereichen der operativen Tätigkeit umsetzen. Hier können Synergien identifiziert und Praxiserfahrung gesammelt werden.

Herr Heibey, gerade im Shopfloor fehlt eine umfassende Vernetzung. Als Begründung erklären Sie, dass „durch den Fokus auf Wirtschaftlichkeit Investitionen in ganzheitliche Automatisierungslösungen vernachlässigt und mehrheitlich nur Insellösungen umgesetzt werden“. Stehen diese Einzellösungen einem Return on Investment entgegen und bedingen sich einige Probleme so also möglicherweise gegenseitig?

Walter Heibey: Selbstverständlich muss sich in erster Linie jede Investition, die ein profitorientiertes Unternehmen tätigt, wirtschaftlich lohnen. In einem Unternehmen gilt in der Regel: Je kürzer der ROI einer Investition, umso schneller wird diese genehmigt. Ganzheitliche Digitalisierungslösungen sind allerdings sehr komplex und dadurch kostenintensiv, denn die dafür notwendigen Investitionskosten übersteigen die reinen Beschaffungskosten einer einzelnen Hardware, wie beispielsweise eine neue Produktionsanlage, deutlich.

Aber wenn man sich auf den einzelnen ROI konzentriert, verliert man den Blick für die ganzheitliche Orchestrierung. Und genau dort liegt die Stärke des Ansatzes: Um das volle Potential auszuschöpfen, darf der einzelne lokale ROI nicht alleinig betrachtet werden. Der nächste Schritt ist dabei weg von einer lokalen, hin zu einer globalen, unternehmensweiten Betrachtung und Optimierung über alle Prozesse hinweg.

Klar ist: Die vollständige Orchestrierung der einzelnen Prozessschritte stellt dabei die Hauptherausforderung dar, dauert insgesamt länger und ist kostenintensiver. Gleichzeitig – und das ist der Punkt – ist sie aber auch der stärkste Hebel, den ein Unternehmen in der Fertigung einsetzen kann. Erst wenn dieses Stadium erreicht ist, kann der volle Mehrwert der Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen skalierbar gemacht werden. Dieser Weitblick ist enorm wichtig um zunächst hoch erscheinende Investitionen in ganzheitliche Automatisierungslösungen rechtfertigen zu können. Nur dadurch wird langfristig eine nachhaltige Skalierbarkeit möglich.

Dr. Walter Heibey ist Partner bei MHP.(Bild:  MHP)
Dr. Walter Heibey ist Partner bei MHP.
(Bild: MHP)

Sie attestieren der DACH-Region neben einem großen Nachholbedarf auch „eine fehlerhafte Selbstwahrnehmung“. Worin besteht diese und welche Folgen könnte sie für die Unternehmen haben?

Walter Heibey: Das beruht auf zwei Fakten: Es schätzen viele Unternehmen aus dem DACH-Raum die eigenen Fähigkeiten in Bezug auf Industrie 4.0 im Vergleich zum Wettbewerb als besser ein, auch wenn überwiegend lediglich Pilotprojekte oder Insellösungen umgesetzt wurden. Jedoch zeigt sich in unserer Studie, dass das allgemeine Niveau von Digitalisierungslösungen im internationalen Vergleich noch sehr großen Nachholbedarf aufweist. Somit kann man durchaus sagen, dass das volle Potenzial der Digitalisierungslösungen noch nicht ausgeschöpft wird, auch wenn die eigenen Kompetenzen besser bewertet werden als die des Wettbewerbs.

Die Folgen sehen wir bereits jetzt schon: Der Kostendruck steigt, Unternehmen kämpfen mit den zunehmenden Kundenanforderungen bezüglich Individualisierung und kennen oftmals nicht die Lösungsmöglichkeiten, die Industrie 4.0-Technologien auch für ihren individuellen Anwendungsfall bieten können. Zudem werden viele Unternehmen dem immer schnelleren Tempo an Innovationen ohne ganzheitliche Digitalisierungslösungen nicht mehr folgen können, wodurch deren Wettbewerbsfähigkeit nachlassen wird.

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Die vollständige Studie „Industrie 4.0 Barometer 2023“ gibt es als PDF zum Download.

Das Interview führte Sebastian Human. (thg)

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