Bei Siemens arbeiten aktuell mehrere zehntausend Beschäftigte mobil; und das soll so bleiben. Wieso der Konzern diesen Weg geht und wie es funktioniert, erklärt HR-Leiter Jochen Wallisch.
Jochen Wallisch ist Executive Vice President Human Ressources, Industrial Relations & Employment Conditions bei Siemens.
(Bild: Siemens)
Herr Wallisch, vor knapp einem Jahr hat Siemens angekündigt, mobiles Arbeiten als Standard zu etablieren. Wie läuft es?
Aktuell befinden wir uns noch im Pandemie-Modus. Das „New Normal Working Model“ gilt für die Zeit nach Corona. Ziel unseres „neuen“ Arbeitsmodells ist, die bestehenden Regelungen des mobilen Arbeitens weiterzuentwickeln. Wir haben auf lokaler Ebene viele Projekte und Initiativen gestartet, die wir global begleiten und unterstützen: durch zentrale Themen wie Workspace Transformation, IT-Tools, Well-being oder auch rund um die Herausforderungen an virtuelle Führung. Anfang März haben wir bereits eine verbindliche Betriebsvereinbarung für die deutschen Standorte getroffen; anschließend folgten im Juni flächendeckende und inhaltlich umfassende Trainings für unsere Führungskräfte und Mitarbeitende.
Welches Feedback erhalten Sie von Ihren Beschäftigten?
Mobiles Arbeiten gibt es schon länger bei Siemens und wir haben gute Erfahrungen damit gemacht. Während der Pandemie ist uns das sehr zugute gekommen. Unsere Mitarbeitenden schätzen eine höhere Flexibilität beim Arbeiten, das haben auch interne Umfragen gezeigt. Es gibt aber kaum Mitarbeitende, die ausschließlich mobil oder nur im Büro arbeiten wollen. Wir haben uns im Rahmen des New Normal-Konzepts für durchschnittlich zwei bis drei Tage mobiles Arbeiten entschieden.
Wie kamen Sie auf diese Werte?
Das Konzept ist aus einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der Unternehmens- und Führungskultur entstanden. Mit flacheren Hierarchien orientiert sich diese künftig an Ergebnissen und nicht an der Präsenz im Büro. Wichtig ist, dass mobiles Arbeiten nicht auf das Homeoffice beschränkt ist – die Mitarbeitenden sollen den Arbeitsort wählen, an dem sie am produktivsten sind, zum Beispiel zuhause, im Büro, beim Kunden vor Ort, im Coworking space etc. .
Unsere Beschäftigten erzielen die besten Ergebnisse, wenn sie ihre Arbeit selbst gestalten können.
Siemens war eines der ersten Unternehmen, das diesen Schritt gegangen ist. Wieso so schnell?
Die Art zu arbeiten hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Die Covid-19-Pandemie hat diese Entwicklung zusätzlich verstärkt. Uns war schnell klar, dass es nicht möglich sein wird, so weiter zu arbeiten wie davor. Aber auch schon vor dem Ausbruch der Pandemie haben wir uns mit der Frage beschäftigt, wie wir in Zukunft (zusammen-)arbeiten werden. Seit 2018 untersuchen wir im Rahmen unserer #FutureOfWork-Initiative neue, zukunftsweisende Arbeitsmodelle und analysieren, wie Digitalisierung und Automatisierung unsere Tätigkeiten und Kompetenzen verändern werden. Begriffe wie agiles und mobiles Arbeiten oder Coworking charakterisieren unseren Arbeitstag. Das wird auch nach der Pandemie so bleiben. Unser New Normal Working Model bündelt beides: Unsere lange positive Erfahrung mit mobilem Arbeiten und die Erfahrungen aus der Pandemie. Es war uns immer wichtig, unseren Beschäftigten ein mobiles, flexibles und selbstbestimmtes Arbeitsumfeld bieten zu können. New Normal ist daher der logische nächste Schritt.
Welche Argumente gab es dafür und dagegen?
Natürlich birgt so eine Veränderung des Arbeitsalltags und der Unternehmenskultur auch Risiken. Technische Voraussetzungen und Abläufe müssen neu gedacht, angepasst oder vielleicht völlig neu entwickelt werden. Im vergangenen Jahr haben wir jedoch die Erfahrung gemacht, dass all diese vermeintlichen Problemfelder sehr gut zu meistern sind. Die Technik funktionierte und selbst große Inbetriebnahmen unserer Kunden ließen sich virtuell abstimmen.
Auch deshalb stellen Sie es den Beschäftigten frei, wo sie arbeiten?
Grundsätzlich verfolgen wir den Ansatz, unseren Mitarbeitenden eine Arbeitsumgebung zu bieten, in der sie sich bestmöglich entfalten können. Die Erfahrung zeigt, dass unsere Beschäftigten die besten Ergebnisse erzielen, wenn sie ihre Arbeit selbst gestalten können. Flexibilität spielt hierbei eine ausschlaggebende Rolle. Unsere Mitarbeitenden sind dann am produktivsten, wenn sie wählen können, wie sie arbeiten möchten. Gerade der gewählte Arbeitsplatz spielt dabei eine große Rolle. Natürlich dürfen unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auch weiterhin an fünf Tagen in der Woche ins Büro kommen, sofern sie dies wünschen. Die neue Arbeitsform ist ein Angebot an die Mitarbeitenden, das auf Freiwilligkeit basiert, es ist kein Zwang.
Welches Fazit ziehen Sie mit Blick auf die Motivation und Produktivität Ihrer Mitarbeiter, die mobil arbeiten?
Stand heute arbeiten bereits bis zu 80.000 Mitarbeitende teilweise mobil und flexibel. Da wir in einigen Ländern noch im Lockdown sind, beträgt unsere Bürobelegungsquote weltweit nur 5 bis 15 Prozent, ist also sehr gering. Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, wenn Beschäftigte teilweise von zuhause arbeiten. Zudem haben wir über die letzten Jahre und über die Zeit der Pandemie gesehen, dass unsere Mitarbeitenden in der Lage sind, ihre Arbeit effektiv selbst zu gestalten und dabei bestmögliche Ergebnisse zu erzielen. Motivation und Produktivität haben keinesfalls darunter gelitten. Im Gegenteil: Die Flexibilität bietet neue Möglichkeiten der Entfaltung und diese wollen wir auch in Zukunft weiter fördern.
Was raten Sie Unternehmen, die beim Thema „mobiles Arbeiten“ noch zurückhaltend sind?
Die Entscheidung kann nur von jedem Unternehmen selbst getroffen werden, unser Konzept ist keine Blaupause für jeden Betrieb. Generell befinden wir uns jedoch in einer Zeit des Wandels mit völlig neuen Anforderungen an unsere Arbeitsumgebung. Ich denke, in Zukunft werden wir nicht darum herumkommen, neue Wege der mobilen Arbeit und der virtuellen Zusammenarbeit zu gehen. Deshalb halte ich es für unabdingbar, sich mit dem Konzept auseinanderzusetzen und die Potenziale zu identifizieren, die diese neue Arbeitswelt für die Unternehmen und für die Mitarbeitenden mit sich bringt. Wir als Unternehmen müssen Orientierung geben und Rahmenbedingungen schaffen, damit sich unsere Mitarbeitenden am Arbeitsort ihrer Wahl voll entfalten können.
Stand: 08.12.2025
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Wer ist Jochen Wallisch?
Dr. Jochen Wallisch ist seit 1. November 2016 Executive Vice President HR, Industrial Relations & Employment Conditions bei der Siemens AG in München. Er war zuvor unter anderem Geschäftsführer der Lufthansa-Tochter Eurowings in Düsseldorf. Sein Aufgabenbereich bei Siemens umfasst unter anderem die Bereiche Industrial Relations (Tarifpolitik / Personalpolitik / Mitbestimmung), Compensation & Benefits Management, Employment Conditions und Arbeitsrecht. Außerdem ist er verantwortlich für die HR-Organisation Deutschland und damit rund 90.000 Mitarbeitende. Jochen Wallisch berichtet direkt an Personalvorständin und Arbeitsdirektorin Judith Wiese. Wallisch ist zudem Vizepräsident des Verbandes der Bayerischen Metallarbeitgeber (VBM) und Mitglied des erweiterten Vorstands des Verbands der Metallindustrie Baden-Württemberg (Südwestmetall).