Elektronik China will weg von ausländischen Autochips

Von Henrik Bork 4 min Lesedauer

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Chinas Regierung befiehlt den heimischen Autobossen den Einsatz von im eigenen Land produzierten Halbleitern, berichtet das gemeinhin gut informierte Wirtschaftsmagazin Nikkei Asia. Für ausländische Halbleiterunternehmen inklusive Infineon sind das erwartbare, aber leider keine guten Nachrichten.

Siliziumkarbid-Wafer von ST Microelectronics.(Bild:  ZF Friedrichshafen AG)
Siliziumkarbid-Wafer von ST Microelectronics.
(Bild: ZF Friedrichshafen AG)

Chinas Regierung beschleunigt ihre Kampagne für mehr Autarkie in der Halbleiterindustrie. Der erste Schwerpunkt sind Chips für die Automobilindustrie. Am 28. März hat Chinas Industrieministerium MIIT eine Initiative zur Formulierung eigener, chinesischer Standards für Autochips gestartet. Das Ministerium veröffentlichte einen Leitfaden, demzufolge China bis zum Jahr 2025 schon 30 eigene Industriestandards für die automobile Halbleiterindustrie verabschiedet haben soll. Bis zum Jahr 2030 sollen es dann 70 heimische Standards für Autochips sein.

Diese „Guidelines for the Construction of National Automotive Chip Standard System, 2023 Edition“ sind nun als Gesetzesentwurf veröffentlicht worden, für den nun Kommentare aus der Industrie und Öffentlichkeit gesammelt werden.

Neue chinesische Standards für Automotive-Halbleiter

Chinas Ziel ist klar: Es will sich so schnell wie möglich aus seiner Abhängigkeit von US-amerikanischen und anderen ausländischen Herstellern befreien. „Wir müssen mehr heimisch produzierte Chips in unseren Fahrzeugen platzieren“, sagte Feng Xingya, der Geschäftsführer der Guangzhou Automobile Group (GAC) kürzlich in einer Sitzung am Rande des Nationalen Volkskongresses in Peking.

In den neuen Standards werden Auflagen für die Umweltverträglichkeit, die funktionale Sicherheit und Datensicherheit der Chips festgelegt und viele technische Details standardisiert, was dem Aufbau kompletter Lieferketten in der chinesischen Halbleiterindustrie zugutekommt. Es gehe darum, „die Umgebung für unabhängige Innovationen chinesischer Autochips und ihrer Anwendungen zu kultivieren“, zitiert das Halbleiter-Fachportal Bandaoti Hangye Guancha aus dem Entwurf.

Befehl von oben: chinesische Autochips einsetzen!

Informationen der japanischen Wirtschaftszeitung Nikkei Asia zufolge hatte die kommunistische Führung Chinas bereits am 8. November vergangenen Jahres führende Manager chinesischer Autokonzerne zu einem Geheimtreffen nach Shanghai befohlen.

Dort erwartete sie Miao Wei, ein ehemaliger Industrieminister und selbst einst in der Autobranche tätig. Sie sollen komplett auf chinesische Chips umstellen, bekamen die Top-Manager der chinesischen Autoindustrie gesagt, berichtet das Blatt unter Berufung auf eine „gut informierte Quelle”.

Es drohen drastische Auswirkungen auf deutsche Halbleiterunternehmen

Wie schnell und wie weit China in diesem Unterfangen vorankommen wird, ist ein enorm wichtiger Faktor für das Wohl und Wehe auch der deutschen Halbleiterindustrie. Unter anderem wird es wesentlich die Zukunft von Infineon mitentscheiden, des in München ansässigen weltgrößten Herstellers von Chips für die Autoindustrie – aber auch die geschäftliche Zukunft von relativ neuen Zulieferer im Halbleitermarkt wie Bosch oder Continental.

Die sechs global führenden nicht-chinesischen Chiphersteller für Autos – Infineon, NXP, Microchip, Renesas, ST und Texas Instruments – kontrollieren verschiedenen Marktstudien zufolge momentan noch etwa 90 Prozent des Weltmarkes für automobile Chips.

Chinas Selbstversorgungsrate oder „Autarkie“ in diesem Segment wird aktuell von verschiedenen Marktforschern mit Werten zwischen fünf und zehn Prozent angegeben – wobei gleichzeitig alle betonen, wie schnell die Chinesen Fortschritte beim Aufbau ihrer eigenen Autochip-Industrie machen. Besonders stark ist die Importabhängigkeit Chinas noch bei Kontrollchips (Mikrocontroller, MCU), wo die Selbstversorgungsrate je nach Leistungsfähigkeit der Halbleiter teilweise auf bis zu ein Prozent sinkt.

BYD: Hersteller von E-Autos, Batterien und Leistungshalbleitern

Auch aus diesem Grund hat das chinesische Vorzeigeunternehmen BYD, das sowohl E-Autos und Hybride wie auch Halbleiter produziert, im Bereich der IGBT-Module eine Aufholjagd gegenüber der ausländischen Konkurrenz begonnen, die sich im vergangenen Jahr vor dem Hintergrund von globalen Versorgungsengpässen und den geopolitischen Spannungen noch einmal stark beschleunigt hat.

Vom Januar bis Dezember 2022 ist die Anzahl der von „BYD Semiconductor“ produzierten Chips von 8.000 auf 22.000 Stück pro Monat angestiegen. Die Jahreskapazität werde bald 200.000 Stück erreichen, ausreichend für etwa 50.000 Autos, berichtet das chinesische Wirtschaftsportal Lanfu Caijing.

BYD investiert schon seit über zehn Jahren stark in die Forschung & Entwicklung von MCUs, ebenso wie andere aufsteigende Sterne am chinesischen Autochip-Himmel, etwa Fudan Micro. Seit vielen Jahren einer der Marktführer bei industriellen MCUs in China, von denen es bereits mehr als eine halbe Milliarde verkauft hat, arbeitet dieser in Hongkong an der Börse notierte Chiphersteller nun an einem großangelegten Einstieg in das Geschäft mit MCUs für Automobile.

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Chip-Boykotte befeuern Drang nach eigener Halbleiterindustrie

Es ist schon lange der Traum der kommunistischen Führung in Peking, eine eigene Halbleiterindustrie aufzubauen. Durch die Chip-Boykotte aus Washington bleibt dem chinesischen Staats- und Parteichef Xi Jinping nun aber überhaupt keine andere Wahl, als die eigene Industrie noch stärker und schneller zu fördern als bisher.

Die Zeit drängt, denn die Leistungshalbleiter werden nicht nur für E-Autos, sondern auch in so gut wie allen anderen Industrien gebraucht, die China gerade zu modernisieren versucht, angefangen von der Photovoltaik und der Windkraft, über die Digitalisierung und Automatisierung der Fertigungsindustrie bis hin zu 5G-Netzwerken und Cloud-Servern.

Chinesische Hersteller von Leistungselektronik im Automobilsektor, neben den bereits genannten auch Firmen wie Sinowealth, Gigadevice, Chipways, ChipON, AutoChips und Starpower Semiconductor bekommen aus diesen Gründen nun starken politischen Rückenwind aus der Pekinger Zentrale.

Bislang profitieren auch ausländische Hersteller vom E-Auto-Boom in China

Infineon und die anderen globalen Marktführer profitieren momentan ebenfalls noch von dem schnellen Aufschwung der E-Mobilität in China, wo in luxuriösen Limousinen schon einmal 100 MCU gebraucht werden, nicht mehr zehn oder einige Dutzend wie früher. Das Chipgeschäft von Infineon läuft gut und soll Prognosen in Medienberichten zufolge in den kommenden Jahren noch einmal um den Faktor 2,5 expandieren.

Über Nacht werden die Deutschen und überhaupt sämtliche Ausländer nicht aus dem chinesischen Markt für automobile Leistungselektronik verdrängt werden. Langfristig aber besteht Grund zur Sorge, auch für Infineon. China strebt ein „Decoupling“ an, will ausländische Lieferanten langfristig komplett ersetzen und den Markt der E-Mobilität – den größten und am schnellsten wachsenden der Erde – eines Tages am besten nur noch mit selbst produzierten, chinesischen Leistungs-ICs versorgen.

Es braut sich gerade ein perfekter Sturm zusammen für die deutsche Halbleiterindustrie – und der wird sie früher oder später erreichen. (me/sp)

* Henrik Bork, langjähriger China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau, ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking.

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