Historische Fahrzeuge Citroën DS: 60 göttliche Jahre

Autor / Redakteur: SP-X / Thomas Günnel

Technisch und kulturell einzigartig war in der Geschichte des Autos nur ein Fahrzeug: die „göttliche“ DS. Vor 60 Jahren feierte die „Déesse“ ihre Weltpremiere auf dem Pariser Automobilsalon.

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Technisch und kulturell einzigartig war in der Geschichte des Autos nur ein Fahrzeug: die „göttliche“ DS. In diesem Jahr wird das Kultautomobil 60 Jahre alt.
Technisch und kulturell einzigartig war in der Geschichte des Autos nur ein Fahrzeug: die „göttliche“ DS. In diesem Jahr wird das Kultautomobil 60 Jahre alt.
(Foto: Citroen/Nicolas Zwickel)

DS: Die beiden Buchstaben verkörpern für frankophile Automobilfans seit 60 Jahren ultimative Avantgarde und Ästhetik, vor allem aber die Vorherrschaft von Citroën im Bereich extravaganter Formen und technischer Innovationen. Die göttliche „Déesse“, das war bis dahin nicht dagewesener Futurismus in Millionenauflage vom legendären ersten Citroën DS 19 aus dem Jahr 1955 bis zur finalen Ausbaustufe Citroën DS 23 aus dem Jahr 1975. Wie kein anderes Fahrzeug haben sich diese revolutionären Limousinen, Landaulets, Kombis und Cabriolets in die Geschichte von Technik, Kunst und Kultur eingeschrieben.

Inbegriff französischen Lifestyles

Gegen die Wirkung der DS waren alle Wettbewerber chancenlos, das Citroën-Flaggschiff wurde ein technisches Wahrzeichen der Grande Nation, so wie später der längste Transatlantikliner aller Zeiten, die „France“ von 1961, der Überschallverkehrsjet „Concorde“ von 1969 oder später der schnelle TGV auf der Schiene. Und in den luxuriösen Prestige- und Pallas-Linien wurde der einst größte Citroën internationaler Inbegriff französischen Lifestyles. Weshalb nicht nur in Deutschland viele passionierte DS-Fahrer ihren Citroën schlicht Pallas nannten. Zumal der Name Pallas ebenfalls göttlichen Bezug hatte. Erinnerte diese DS-Ausstattung doch an Pallas Athena, die griechische Göttin der Weisheit, Künste und Wissenschaften. Geradezu verstörend für alle Connaisseure der automobilen Göttin war deshalb das Revival des Signets DS mit der Bedeutung „Different Spirit“ im Jahr 2010 und das obendrein für Kleinwagen wie den DS3.

12.000 Bestellungen zur Premiere

Allerdings war es nicht allein der Luxus des Prestige- und Pallas-Programms oder der Status präsidialer Staatskarossen, denen die 20 Jahre lang gebauten Spitzenlimousinen der Marke im Zeichen des Doppelwinkels ihren Mythos verdanken. Es war vielmehr eine so noch nie dagewesene Faszination des Fortschritts, die sich in den großen Citroën-Modellen spiegelte. Auf unbekanntem Terrain fuhren die Typen DS und ID (für „Idee“ als Einstiegsversion) in technischer Kühnheit und formschöner Couture, aber auch in Kunst und Kultur. Bereits die Premiere im prachtvollen Grand Palais des Pariser Automobilsalons besaß neuartigen politischen und gesellschaftlichen Glanz mit eigenen Galas für Staatsgäste und einem Rekord für die Ewigkeit: 750 Kaufverträge in den ersten 45 Minuten nach Enthüllung des Autos und 12.000 Bestellungen bis zum Abend dieses Messetages, das hatte es noch nie gegeben.

Ein technisches Gesamtkunstwerk

Was war dieser Citroën für ein Automobil? Zunächst einmal eine dramatisch lang gestreckte Stromlinien-Limousine von fast 4,90 Meter, deren Silhouette manche Betrachter an Raumschiffe aus Science-Fiction-Romanen erinnerte. Futuristisch wirkten auch die hydropneumatische Federung inklusive Niveauregulierung sowie die Leichtbau-Karosserie mit Teilen aus glasfaserverstärktem Kunststoff und Aluminium. Exzeptionell waren überdies die Zweikreisbremsanlage mit Hochdruckservounterstützung und vorderen Scheibenbremsen, das halbautomatische Getriebe, das aufprallsichere Einspeichen-Lenkrad, die Gürtelreifen und ab 1967 mitlenkende Scheinwerfer. Kurz: Die DS war ein technisches Gesamtkunstwerk, für das zwei kongeniale Konstrukteure verantwortlich zeichneten, die noch Unternehmensgründer André Citroën persönlich eingestellt hatte: Flaminio Bertoni (Design) und André Lefèvre (Technik).

60 Jahre Citroen DS: Hommage an ein Jahrhundertauto
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In Deutschland ab 12.350 Mark

Woran es der DS allerdings zeitlebens fehlte, war standesgemäße Schubkraft. Eher schwächliche Triebwerke von anfangs gerade einmal 46 kW/63 PS und auch am Ende nur 93 kW/126 PS ließen die Göttin nie wirklich abheben gegenüber der Konkurrenz. Anders als beim Vorgänger Traction Avant gab es keinen Sechszylinder, sondern nur allmähliche Hubraumvergrößerungen von 1,9- auf 2,3-Liter für die Vierzylinder. Ein klarer Nachteil insbesondere im Export, wo die Göttin auch preislich über den Wolken schwebte. In Deutschland etwa startete die DS-19-Preisliste vor 60 Jahren bei 12.350 Mark, so dass die Französin gegen Repräsentationsfahrzeuge antreten musste wie Borgwards Pullman-Limousine Hansa 2400 oder den V8-BMW 501. Nicht viel vorteilhafter für die DS war die Situation am Ende ihrer Laufzeit, denn 1975 war ein Pallas Injection Automatik kostspieliger als Sechszylinder wie Mercedes 280, BMW 2500 oder Opel Admiral. Passioniert im Sinne von leidensfähig musste mancher Pallas-Käufer zudem hinsichtlich der Zuverlässigkeit und Verarbeitungsqualität sein.

Dieses Thema beschäftigte Citroën während der ganzen Bauzeit der Göttin, konnte den Erfolg der fast 1,5 Millionen Mal verkauften kapriziösen Französin aber nicht schmälern. Dafür sorgten preiswerte Einstiegsversionen, konkurrenzlose Riesen-Kombis mit 3,13 Meter Radstand und eine tiefe gesellschaftliche Verankerung dieses revolutionären Jahrhundertautos.

Wahrhaft göttlich

Schon Weltpremiere und Werbung der schönen Gallierin wurden konsequent künstlerisch inszeniert. Während die damals berühmtesten Grafiker und Fotografen (darunter Robert Doisneau, Helmut Newton und Milton Glaser) die DS verführerisch ins Bild setzten, startete die Göttin im internationalen Filmgeschäft eine unvergleichbar glamouröse Karriere. Sei es an der Seite von Marcello Mastroianni, Gérard Depardieu, Jane Birkin, Leonardo Di Caprio, Alain Delon oder Cathérine Deneuve, die DS besetzte in rund 1.500 Filmen die automobile Hauptrolle. Weltrekord!

Kein Kinobesucher und TV-Zuschauer konnte diesem Citroën entgehen, zumal schwarz gekleidete Göttinnen bei allen französischen Staatsakten beeindruckende Kolonnen bildeten und über Jahrzehnte die TV-News beherrschten. Bisweilen sogar mit an Dramatik kaum zu übertreffenden Stuntszenen. So rettete eine DS-Repräsentationslimousine womöglich 1962 sogar dem französischen Präsidenten Charles de Gaulle das Leben. Bei einem missglückten Attentatsversuch auf das Staatsoberhaupt konnte der große Citroën dank Hydropneumatik auf nur drei Rädern entkommen – für Citroën unbezahlbare Werbung.

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Preis für industrielle Kunst

Doch damit nicht genug. Die Mailänder Triennale von 1957 ehrte die DS als erstes Automobil mit dem Preis für industrielle Kunst. Der Auftakt für eine einzigartige Karriere dieses Fahrzeugs als Kunstobjekt in den großen Museen der Welt, denn die DS inspirierte zahlreiche Bildhauer zur Schaffung kreativer Skulpturen. Derweil zelebrierten Literaten wie der französische Kulturphilosoph Roland Barthes den Citroën als mystisches Objekt, das vom Himmel gefallen sei. Eindeutig irdischer Natur waren dagegen ihre sportlichen Siege bei allen wichtigen Rallyes und Langstreckenrennen. Sei es bei der Rallye Monte Carlo (1959 und 1966), der Fernfahrt Lüttich-Sofia-Lüttich (1961) oder der Rallye Marokko (1969). Zum 60. Geburtstag der großen Citroën-DS-Familie soll nun die frisch gegründete Marke DS ein neues Kapitel französischer Avantgarde schreiben. Ambitionen, die von der für alle Fans unsterblichen und unvergänglichen Déesse aus dem Oldtimer-Olymp wahrscheinlich eher amüsiert beobachtet werden.

Die Chronik des Citroën DS: 1938 bis 1966

  • 1938-1950: Der Designer Flaminio Bertoni präsentiert Entwürfe für das Projekt VGD (voiture de grande diffusion – „Fahrzeug mit großer Verbreitung“)
  • 1955: Am 5. Oktober feiert die DS Weltpremiere auf dem Pariser Autosalon. Produktion von 69 Vorserieneinheiten.
  • 1956: Start der Großserienfertigung mit den ersten 10.000 Einheiten. Vom Vorgänger 11 CV werden immer noch knapp 40.000 Einheiten produziert. In Deutschland treffen die ersten DS in den Schauräumen ein.
  • 1957: Im Mai wird die Modellreihe ID eingeführt, gleichzeitig wird die Produktion des ID/DS-Vorgängers Traction Avant 11 CV eingestellt, die Version 15 Six lief bereits 1955 aus.
  • 1958: Beim Karossier Chapron geht der DS Prestige in Kleinserie mit Trennscheibe und Funktelefon für Chauffeurbetrieb. Im Oktober wird der ID-Kombi vorgestellt.
  • 1959: Sieg bei der Rallye Monte Carlo
  • 1960: Der Modelljahrgang 1960 ist erkennbar an Entlüftungsgittern in den Kotflügeln. Insgesamt werden 78.915 ID und DS produziert sowie 4.290 Break und ein Vorserien-Cabriolet.
  • 1961: Im Februar wird das DS Cabriolet vorgestellt, die Produktion erfolgte beim Karossier Henri Chapron. Im ersten vollen Jahr werden 162 Cabriolet hergestellt. Im März wird der „DA-Motor“ eingeführt mit höherer Verdichtung, Schwingungsdämpfern etc. – ab September mit neu gestalteter Armaturentafel.
  • 1962: Im September Vorstellung des Modelljahrgangs 1963 mit modifizierter Front und 10 km/h höherer Endgeschwindigkeit. Am 22. August überlebt Präsident General Charles in seiner DS ein Attentat, da der Wagen trotz zerschossenen Hinterreifens weiterfahren konnte.
  • 1964: Die Luxusversion Pallas wird im August eingeführt, populäres Kennzeichen sind die auffälligen Zusatzscheinwerfer.
  • 1965: Neue Motorengeneration DY (DS 19) und DX (DS 21) sowie neue Getriebe
  • 1966: Sieg bei der Rallye Monte Carlo

Die Chronik des Citroën DS: 1967 bis 2015

  • 1967: Im September neue Frontgestaltung mit Doppelscheinwerfern hinter Glas. Optional mitlenkbare Fernscheinwerfer, serienmäßig für nach Deutschland gelieferte DS (ab September 1968).
  • 1968: Neue DY2- und DX2-Motoren. Der DS 19 wird durch den DS 20 ersetzt.
  • 1969: Die ID-Baureihe wird ersetzt durch D Special und D Super. Im Herbst erhält die Instrumententafel zeitgeistige Rundinstrumente. Triumph bei der Rallye Marokko. Am 7. Oktober fährt die einmillionste DS von den Bändern des Werks am Quai de Javel.
  • 1970: Qualitätsprobleme durch Rost
  • 1971: Produktionseinstellung für die Modelle DS 20 Prestige und DS Cabriolet. Ab Herbst Vollautomatikversion von Borg Warner lieferbar
  • 1972 : Die Version DS 23 ersetzt ab September den DS 21.
  • 1973: Verlagerung der Produktion ins Werk Aulnay-sous-Bois, weiterhin Qualitätsprobleme. Die DS erreicht ein neues Produktionshoch von 92.483 Einheiten
  • 1974: Im August wird der Citroen CX als Nachfolger der DS präsentiert. Gegenüber 11.800 CX werden noch 40.039 Citroen DS ausgeliefert
  • 1975: Offizielle Produktionseinstellung für die DS am 24. April im Werk Aulnay-sur-Bois, allerdings werden noch bis September einzelne Fahrzeuge aus Teilen gefertigt.
  • 1976 : Produktionsende für die DS Ambulance
  • 2005: Anlässlich des 50. Geburtstags der DS treffen sich in Paris Enthusiasten mit insgesamt 1.600 Citroen DS und ID.
  • 2010: DS wird als Modellbezeichnung eingeführt (DS3, später DS4 und DS5).
  • 2014: Der PSA Konzern Peugeot Citroen lanciert DS als eigenständige Premiummarke.
  • 2015: Citroen feiert das ganze Jahr über mit diversen Aktionen den 60. Geburtstag der DS

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