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Porsche 911 GT3 RS vs. Cup: „Ziegelstein durch die Fensterscheibe“

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ABS und ESP nur in der Serie

Weniger ist halt oftmals mehr: auch bei den Sicherheitsfunktionen unterscheiden sich Serie und Rennstrecke voneinander. Mit ABS und ESP ist der 911 GT3 RS auf der technischen Höhe der Zeit, die sich auch durchaus für die flotte Gangart eignet. „Man fährt auf der Rennstrecke mit ESP und fühlt sich dadurch kein bisschen behindert, sondern eher unterstützt. Anders im Rennfahrzeug, bei dem beide Systeme fehlen und der Fahrer auf sich selbst gestellt ist“, sagt der Profirennfahrer. Dafür besitzt der Pilot des Rennwagens eine rote Lampe in seinem Dashboard. Bleibt ein Rad in der Kurve stehen leuchtet sie auf. „Klingt banal, bringt aber viel: man merkt oftmals gar nicht, wenn es passiert.“

Auf der Bremse ist das Verhalten ähnlich. Statt Bremskraftverstärker wie im sportlichen Straßenmodell agiert der 911 GT3 Cup mit einer Waagebalkenbremse. Die Bremse beim Rennfahrzeug dient nicht nur zum Verzögern, sondern auch zum Steuern. Aus diesem Grund wünscht sich der Fahrer meist eine „starre“ Bremsaufteilung vorne-hinten, die er bei einer Rennbremsanlage, etwa in Waagebalkenausführung individuell einstellen kann. „Die 60 bis 80 Bar Bremsdruck auf dem Pedal des Cup-Porsches bringt der Fahrer sehr gut auf. Damit kommt man bis an die Blockiergrenze, die beim Straßenfahrzeug durch das ABS ausgeschlossen wurde“, so Gedlich zum Bremsverhalten. „Bei beiden Fahrzeugen ist das Pedalgefühl für den Fahrer perfekt.“

Bei den Reifen bleibt die Zeit liegen

Und die Reifen? In den Cup-Rennserien verwendet Porsche spezielle Michelin-Trockenreifen (Slicks), die sich robust und belastbar zeigen. „Die auf dem Testwagen verwendeten Reifen besitzen im Neuzustand einen ausgeprägten Peak, was zwei Sekunden Zeitvorteil bringt“, meint der Profi. Aber auch die straßenzugelassenen Michelin Semi-Slicks (Trockenreifen) des 911 GT3 RS erfreuen den Fahrer: „Sie passen perfekt zum Auto, besitzen einen sehr guten Grip und agieren bei jeder Temperatur unkompliziert – und mittlerweile auch im Nassen sehr gut.“ Dennoch hängt der Cup-Porsche auf der Rennstrecke das Serienfahrzeug ab: „Das liegt an den Slicks und der kompromisslosen Fahrwerksabstimmung. Das Rennfahrzeug fährt wie auf Schienen und ist jederzeit berechenbar. Für den Profi ein Genuss“, erklärt Gedlich weiter. Hier zeigen sich beim Straßenfahrzeug der Kompromiss aus Komfort und sportlichen Eigenschaften. „Für meinen Geschmack dürfte der GT3 RS noch kompromissloser ausgerichtet sein.“

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Bei der passiven Sicherheit besitzen beide Fahrzeuge verbaute Sicherheitszellen. Doch während sie beim 911 GT3 RS im Innenraum verschraubt wurde, besitzt die Rennversion eine geschweißte Sicherheitszelle. Neben der erhöhten Sicherheit im Falle eines Unfalls macht sie auch die Karosserie im Fahrverhalten steifer. „Die geschraubte Zelle des GT3 RS bringt da wenig“, meint Gedlich.

Handling und Fazit

Nachdem wir die technischen Unterschiede eingehend erläutert haben, kommen wir zum Handling. Für den Amateur ist das Rennfahrzeug einfach zu handhaben. „Der Wagen ist perfekt ausbalanciert und man merkt kaum dass der Motor hinten sitzt“, zeigt sich Gedlich erfreut. „Auch der GT3 RS ist über jeden Zweifel erhaben, bringt aber im Testbetrieb auf der Rennstrecke etwas mehr Kippeln über die Diagonale mit. Dank der Regelsysteme ist er aber für jeden Neuling gut zu beherrschen.“

Der 911 GT3 Cup ist im Handling die Vorstufe zum noch stärkeren 911 GT3 R für die FIA GT3-Rennserien. „Für den Profi bietet der Cup-911er die ultimative Performance. Das Auto ist beinahe so schnell wie ein Fahrzeug aus der GT3-Klasse und das trotz der relativen Nähe zur Serie. Es bleiben keine Wünsche offen“ charakterisiert Markus Gedlich.

Im Gesamteindruck zeigt sich, dass beide Fahrzeuge trotz der Unterschiede in der Technik dennoch in der Performance nahe beieinander liegen. Der vielzitierte Technologietransfer ist weniger in Details als mehr in Gesamtfahrzeugentwicklung nachvollziehbar. „Die Verwandtschaft ist unverkennbar, beide machen eine Menge Spaß.“ Wer den Kompromiss aus Straße und gelegentlichen Trackday Besuchen sucht, der kann mit dem 911 GT3 RS glücklich werden. Für den Rennfahrer empfiehlt sich dagegen der 911 GT3 Cup, der für die Rennstrecke entwickelt wurde.

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