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Motorsport-Engineering Porsche 911 GT3 RS vs. Cup: „Ziegelstein durch die Fensterscheibe“

| Autor / Redakteur: Wolfgang Sievernich / Wolfgang Sievernich

Porsche nutzt den Technologietransfer aus dem Motorsport intensiv für seine Straßenmodelle. Doch wie viel Transfer steckt in 911 GT3 RS und GT3 Cup wirklich? Wir haben getestet.

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Brüder im Geiste: Wieviel Technologietransfer steckt wirklich in den beiden Porsche 911? Wir vergleichen die Rennversion GT3 Cup mit dem Straßenfahrzeug GT3 RS.
Brüder im Geiste: Wieviel Technologietransfer steckt wirklich in den beiden Porsche 911? Wir vergleichen die Rennversion GT3 Cup mit dem Straßenfahrzeug GT3 RS.
(Jochen Van Cauwenberge)

Wer an Porsche denkt, landet unweigerlich beim 911. Der legendäre Heckmotor-Sportwagen startete seine Karriere im Jahr 1964 und läuft seitdem in der siebten Generation vom Band. Lange Zeit stand das Modell für den Porsche schlechthin und sorgte auch für den Absatz Nummer eins. Mit der Einführung von Limousinen und SUV beim Sportwagenhersteller rutschte der 911 in der Absatzstatistik allerdings etwas weiter nach unten.

Nichtsdestotrotz ist der 911 auf Rennstrecken und Trackdays immer noch einer der gefragtesten Fahrzeuge. Der deutsche Sportwagen gilt als schnell und zuverlässig und ist schon lange keine Heckschleuder mehr – wie seine luftgekühlten Vorfahren vor über 20 Jahren. Wie kaum ein anderer Automobilhersteller nutzt Porsche das Image aus dem Rennsport für seine Straßenmodelle. Doch wie viel ist wirklich dran am Technologietransfer? Wie viel Technik aus dem Rennsport steckt noch im Straßenfahrzeug und wie wirken sich ESP oder Traktionskontrolle im Rennfahrzeug aus? Das alles und noch viel mehr haben wir genauer untersucht und den beiden Kontrahenten näher unter die Haube geschaut. Zur Wahl standen der neue Porsche 911 GT3 RS und der aktuelle 911 GT3 Cup der neuesten Typengeneration 991. Für die »Automobil Industrie« auf der Rennstrecke ans Lenkrad gegriffen hat Markus Gedlich, der lange Jahre als Profirennfahrer im Motorsport aktiv war und heute als Trainer und Instruktor arbeitet.

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Unterschiede beim Motor

Ein paar technische Fakten vorab: Das straßenzugelassene Homologationsmodell für die Rennversion ist der Porsche 911 GT3 RS. Er verfügt über einen 4,0-Liter-6-Zylinder Boxermotor mit 368 kW (500 PS). Mit 460 Newtonmetern Drehmoment bei 8.800 Umdrehungen pro Minute entfaltet der deutsche Sportwagen gehörigen Schub an der Hinterachse. Die „scharf gemachte“ Rennversion ist der Porsche 911 GT3 Cup. Das neueste Modell wird weltweit in Porsche eigenen Rennserien eingesetzt und verfügt über einen 3,8 Liter Sechszylinder-Boxermotor mit 485 PS. „Während das Straßenmodell mit einem ganz neuen Motor mit Hochdrehzahlkonzept ausgestattet ist, werkelt im Heck des Cup-Porsches noch der gute alte Mezger-Motor“, erklärt Markus Gedlich. Zur Erklärung: Hans Mezger war bis in die neunziger Jahre Chef der Motorsportabteilung von Porsche und unter anderem für die Entwicklung der wassergekühlten Porsche GT3 und GT2 der 911-Modellgenerationen 996 und 997 mit Turbo- und Saugmotor verantwortlich.

Ansprechverhalten ähnlich

Kann der Rennmotor beim Ansprechverhalten das Serienaggregat schlagen? „Der Motor des Rennautos ist ein Serienmotor eines Porsche 911 GT3 RS 3,8 der vorletzten Generation 997; lediglich die einlassseitige Nockenwellenverstellung, bei Porsche Variocam genannt, wurde ausgebaut. Der Cup 911er atmet etwas freier und wirkt dadurch bissiger, allerdings dreht der Motor des Serien-GT3 höher und wirkt dadurch noch stärker. Der geht auf der Geraden wie ein Ziegelstein durch die Fensterscheibe – wirklich genial“ so Gedlich. Wieso sich Porsche beim Rennfahrzeug nicht für den neuesten Motor entschieden hat, ist einfach erklärt: „Im Rennfahrzeug steckt ein Motor, der zu 100 Prozent zuverlässig sein muss. Da sich der Mezger-Motor aus dem 997 hundertfach bewährte, hat sich Porsche für dieses Aggregat entschieden“, sagt Gedlich.

PDK in der Serie vs. Klauengetriebe im Cup

Auch bei der Schaltarbeit ging mal getrennte Wege: Während der 911 GT3 RS mit einem serienmäßigen Porsche 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe (PDK) ausgestattet ist, verfügt die Rennversion über ein Motorsport-Sechsgang-Klauengetriebe mit mechanischem Sperrdifferenzial. Das Doppelkupplungsgetriebe ist ein automatisiertes Schaltgetriebe, das einen vollautomatischen Gangwechsel ohne Zugkraftunterbrechung ermöglicht. Geschaltet wird entweder traditionell per Schalthebel oder sportlich mit Schaltwippe am Lenkrad.

Hinterachslenkung still gelegt

Ähnliches beim Fahrwerk. Während das Serienfahrzeug über eine Hinterachslenkung verfügt, die maximale Fahrbarkeit mit optimalem Einlenkverhalten verbinden soll, wurde beim Rennfahrzeug darauf verzichtet. „Manche Innovationen sind für den Motorsport nicht wirklich zielführend oder bedürfen zumindest starker Anpassung. So wurde die Hinterachslenkung beim Rennfahrzeug still gelegt, man löste das durch ein kompromissloses Fahrwerkssetup für die Rennstrecke. Auf der Straße dagegen wäre das nicht machbar, weil die Komforteigenschaften leiden würden“, sagt Gedlich.

(ID:44150891)