Nutzfahrzeuge

US-Trucks: Faszination und Rechenschieber

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Markenbotschafter und Testfahrer

Mit seiner ebenso sympathischen wie pedantischen Art ist Henry unter den US-Truckern bekannt wie ein bunter Hund. Die einen halten ihn für einen Spinner. Für die anderen ist er ein Idol, weil er ihnen in der Praxis, bei Vorträgen und auf einem eigenen Internetblog zeigt, wie sie ihre Geschäfte besser machen und ihr Einkommen erhöhen können. Selbst die Fahrzeughersteller haben Henry entdeckt: „Wir nutzen ihn als Multiplikator, als Markenbotschafter und bisweilen sogar als eine Art Testfahrer“, sagt Mike McHorse aus dem Freightliner-Marketing. Als die amerikanische Mercedes-Tochter jüngst eine PR-Tour mit dem überarbeiten, für nächstes Jahr geplanten Cascadia quer durch die halbe USA gestartet hat, war es deshalb Henry, der im Führungsfahrzeug saß und den Durchschnittsverbrauch bei dieser Fahrt auf 10,57 Miles per Gallon oder knapp 22 Liter auf 100 Kilometer gedrückt hat – für einen 34 Tonnen schweren Sattelzug mit 100 km/h Durchschnittstempo. „Das sind sieben Prozent weniger als beim Vorgänger“, sagt McHorse und Henry zuckt nur mit den Schultern: „Wenn ihr ein bisschen mehr Zeit gebt, komm ich sogar auf deutlich mehr als elf Meilen pro Gallone. Wetten?“

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„Wir lernen vom Actros“

Freightliner, mit einem Marktanteil von knapp 40 Prozent die Nummer Eins unter den schweren Jungs in Amerika, setzt dabei auch auf das Knowhow der Konzernmutter Daimler. „Wir schauen oft, wie es die Kollegen in Stuttgart machen und lernen viel vom zum Beispiel vom Actros“, sagt McHorse. Aerodynamischer Feinschliff, optimierte Motoren und neue Getriebe seien es deshalb, die den neuen Cascadia jene von Henry herausgefahrenen sieben Prozent sparsamer machen. Und das ist erst der Anfang: Vorausschauende Getriebe, intelligente Tempomaten und eine Reihe von Assistenzsystemen sollen den Verbrauch künftig noch weiter verbessern.

Trucker versus Buchhalter?

Natürlich begegnet man auf den riesigen Raststätten, bei Loewes oder Texaco hunderten von Truckern, die dem Bild vom Helden der Highways fast klischeehaft entsprechen. Sie tragen Cowboystiefel und abgewetzte Lederjacken, haben eine schwere Sprache und machen derbe Scherze. Und wenn sie sich Führerhaus und Arbeitsplatz nicht gerade mit der eigenen Frau teilen, damit sie die überhaupt mal zu Gesicht bekommen, stehen ihre Türen schon mal offen für die „Truckstopp-Lizards“, wie die auffällig blonden, auffällig langbeinigen und auffällig tief ausgeschnittenen Damen genannt werden, die im „Garden of Eden“ so verdächtig lange und einsam am Tresen sitzen.

Henry dagegen wirkt mit Schlips und Kragen wie ein Buchhalter, den man vom Schreibtisch hinter das Lenkrad verbannt hat. Von der Highway-Romantik, die in den sehnsüchtigen Vorstellungen von Touristen und Schreibtischtätern blüht, ist der 49-jährige so weit entfernt wie die nächste Großstadt von diesem gottverlassenen Nest in Idaho, in der Henry jetzt gerade zur Pause rollt. „Kommt mir nicht mit Romantik. Das ist für mich keine Berufung, sondern ein Beruf“. Und wenn Henry nach fünf Tagen auf Achse übers Wochenende heim nach North Carolina kommt, freut er sich nicht nur auf seine Frau. Sondern auch auf seinen 400 PS starken Chevrolet Silverado Z71. „ Seit ich in meiner Jugend Autorennen gefahren bin, kann ich von Leistung einfach nie genug bekommen“, outet sich der eben noch so sparsame Trucker. Und der Verbrauch? „Wen interessiert das schon, jetzt habe ich schließlich Wochenende.“

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