Motorsport Walter Röhrl: „Den anderen, die quer gefahren sind, ist nichts passiert“

Von Thomas Günnel 6 min Lesedauer

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Walter Röhrl war Test- und Entwicklungsfahrer, heute ist er Markenbotschafter bei Porsche. Ein Gespräch über Allradantrieb, Driften – und wieso er nie eine Rallye Paris-Dakar gefahren ist.

Walter Röhrl, zweifacher Rallye-Weltmeister, im Jahr 2019 in einem Porsche Cayman GT4 Rallye.(Bild:  Right Light Media)
Walter Röhrl, zweifacher Rallye-Weltmeister, im Jahr 2019 in einem Porsche Cayman GT4 Rallye.
(Bild: Right Light Media)

Herr Röhrl, wichtige Eigenschaften des Porsche 911 sind der Heckmotor und Hinterradantrieb. Heute werden viele Elfer mit Allradantrieb verkauft. Passt das für Sie?

Ja. Weil durch den Einzug der Turbomotoren ganz andere Leistungen möglich geworden sind. Und da gibt es dem normalen Autofahrer einen Sicherheitsvorteil, wenn er Allrad fährt. Beim rein heckgetriebenen Elfer musste man früher aufpassen, dass man keine zu gute Lenkfähigkeit konstruiert, sonst wäre der wegen des Grips an der Vorderachse hinten sofort weggegangen. Denn wenn beim Fahren irgendetwas schiefgeht, will der Schwerpunkt der Fliehkraft hinterher, da gibt es keine Diskussionen. Darum hat man früher den Elfer eher untersteuernd abgestimmt. Das muss man beim Allrad nicht und kann an die physikalische Grenze gehen, da ist die Gefahr viel geringer, dass das Heck kommt. Ich finde das gut.

Ich glaube auch, dass ich da einen Anteil habe. Als der 993 Turbo entwickelt wurde, sollte der erst nur mit Heckantrieb kommen. Ich sagte: Leute, ihr seid verrückt. Das Auto muss Allrad kriegen. Wenn man ein Auto macht für einen normalen Menschen, dann muss das gutmütig sein. Und bei der Leistung, die ein Porsche Turbo hat, muss Allradantrieb einfach sein.

Ein GT3 hat auch viel Leistung.

Stimmt. Aber die GT-Fahrzeuge sind für Sportfahrer, die auch auf die Rundstrecke gehen. Die wissen, was sie wollen, da ist das mit dem Heckantrieb schon in Ordnung. Aber ein Auto, das jeden Tag gefahren wird, sollte bei starker Motorisierung immer einen Allradantrieb haben.

Sie haben einen WM-Lauf auch mit dem Elfer absolviert, damals noch ohne Allrad.

Das war 1981 bei der Rallye San Remo – mit dem letzten Elfer, der richtig für Weltmeisterschaftsläufe gebaut wurde. Da habe ich noch die Hoffnung gehegt, dass ich Porsche überzeugen kann, die Rallye-WM komplett zu fahren.

Obwohl Audi schon den Quattro gebracht hatte?

Ja, 1981 war zwar das erste Jahr, in dem Audi mit dem Allrad kam, aber trotzdem hatte der Heckmotor ja gegen alle anderen im Rallyesport verwendeten Autos den großen Vorteil der besseren Traktion. So war’s auch bei der San Remo, die abwechselnd auf Asphalt und Schotter gefahren wurde. Am ersten Tag auf Asphalt habe ich alles gewonnen, dann sind wir auf Schotter um gut zwei Minuten gegenüber Audi zurückgefallen. Aber das hätten wir in der letzten Nacht auf Asphalt locker wieder gutgemacht.

Wieso ist es nicht gelungen?

Die Antriebswelle ist abgerissen. Vier-, fünfmal ist mir das in meiner Laufbahn passiert, dass ich im Porsche mit gerissener Antriebswelle ausgefallen bin. Das war auch ein bisschen meinem Fahrstil geschuldet.

Können Sie das erklären?

Durch die sehr gute Traktion ist die Belastung für die Antriebswelle sehr hoch. Gerade wenn ich so fahre, dass das Auto möglichst immer Grip hat und hinten nicht wegrutscht. Die Antriebswelle muss dann gleichzeitig viel Seitenkraft und viel Antriebskraft aufnehmen. Das macht das Auto schnell, birgt aber auch das Ausfallrisiko. Den anderen, die überall quer gefahren sind, ist nichts passiert.

Der Allradantrieb kam 1984 zum ersten Mal in den Elfer, und gleich siegte er bei der Rallye Paris-Dakar. Wieso sind Sie als einer der größten Rallyefahrer aller Zeiten bei dieser großen Rallye nie mitgefahren?

Weil ich das eher als Abenteuer sehe mit großem Unsicherheitsfaktor – das ist nichts für mich.

Aber auch dort sind Profis am Start.

Ja. Aber sie fahren doch die Düne hoch, kommen auf den Kamm und wissen nicht, geht es dahinter 30 Zentimeter runter oder acht Meter. Ich hätte das nie in meinem Leben gemacht. In den 1990er-Jahren hatte ich mal ein Angebot, da hätte ich für eine Paris-Dakar so viel Geld bekommen wie für eine komplette WM-Saison. Ich habe gesagt, da könnt ihr das Zehnfache zahlen, da fahre ich nicht.

Zu Ihrer Zeit gab es eine andere Rallye, die der Paris-Dakar etwas ähnelte.

Die East African Safari in Kenia. Professor Bott, Porsche-Entwicklungsvorstand damals, wollte mich immer überzeugen, dass ich die Safarirallye mit dem Elfer mache. Ich war zwar schon damals ein großer Porsche-Fan, aber den Wunsch konnte ich ihm nicht erfüllen.

Weil die Rallye mit 5.000 Kilometern so lang war?

Und weil sie wie die Dakar solche Unwägbarkeiten hatte wie Schlammloch- oder Flussdurchfahrten. Das ist nichts für mich.

Sie fahren lieber Sonderprüfungen, die Sie vorher mit Ihrem Beifahrer studieren können?

Genau, natürlich so schnell es geht, aber nicht mit Vollgas durch große Löcher. Das kann ich nicht. Wenn ein Loch kommt, nehme ich Gas weg, hebe den Hintern im Sitz und sage: armes Auto.

Dafür gibt es seit diesem Jahr den 911 Dakar, einen hochgelegten Elfer mit Offroadfähigkeiten. War das im ersten Moment für Sie eine verrückte Entscheidung der Entwickler?

Ja, neben dem Cayenne (lacht). Den ersten Prototyp bin ich schon vor mindestens acht Jahren gefahren, in Weissach auf dem Geländekurs. Als Rallyefahrer war ich begeistert, denn das war natürlich ein Porsche-Sportwagen, den man auch auf losem Untergrund richtig bewegen konnte.

Kann jemand wie Sie mit dem Fahrmodus „Rallye“ im Dakar etwas anfangen?

Im Prinzip schon. Denn erst mal wird der Allradantrieb im „Rallye“-Modus hecklastiger. So bekomme ich kein Untersteuern, sondern kann das Auto in einem leichten Drift halten. Und zweitens: Wenn man Gas wegnimmt, entsteht an der Hinterachse eine verhältnismäßig starke Motorbremswirkung. Damit dreht das Auto schon leicht in die Kurve ein, was dem ungeübten Fahrer eine große Hilfe ist, wenn der auch mal quer fahren will. Mit diesem System ist das spielend einfach und macht richtig Spaß. Besonders auf losem Untergrund.

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Ein schöne Äußerung von Ihnen ist: „Ich fahre lieber vorwärts als seitwärts.“ Worauf geht sie zurück?

Wenn Sie auf losem Untergrund darauf zählen, dass die Reifen Seitenkraft aufbauen und Sie damit schnell ums Eck fahren können, unterliegen Sie einem Irrtum. Darum ist es bei der Rallye auf Schotter, Schnee oder Sand gut, dass ich das Auto am Kurveneingang schon ein bisschen quer habe. Dass die Schnauze dorthin schaut, wo ich hinwill. Dann kann ich nach dem Scheitelpunkt die volle Kraft nutzen und die Fliehkraft, durch die das Auto normalerweise seitwärts wegrutschen würde, in Vorwärtsbewegung umsetzen.

Aber grundsätzlich ist es besser, nicht zu driften?

Ich habe im Auto immer darum gekämpft, dass die Kraft nicht seitwärts verpufft, denn es muss doch nach vorne gehen. Wenn es nur ein Geheimnis beim Autofahren gibt, dann ist es, so wenig wie möglich zu lenken. Es geht um Linien, und man muss begreifen, wann man zu Lenken beginnen muss – eher früh als spät. Es ist ein großer Teil meines Erfolgs gewesen, dass ich das Gefühl hatte, man kommt mit wenig Lenken auch zurecht.

Sogar bei einer Rallye?

Schieben Sie mal ein Auto und drehen dann das Lenkrad nur zehn Zentimeter in eine Richtung: Sofort bringen Sie das Auto nicht mehr voran. Der Fahrwiderstand steigt, wenn man lenkt. Das erhöht den Reifenverschleiß, den Benzinverbrauch – schon aus ökonomischen Gründen darf man also nicht so viel lenken. Und schneller wirst du auch nicht, wenn du viel lenkst, das weiß man ja von der Skifahrerei: Der Ski, der seitwärts rutscht, den kannst du vergessen. Der Ski muss vorneweg fahren, der muss ziehen.

Lernen die Ingenieure heute noch von Ihnen?

Vor zwei Jahren habe ich das regelmäßige Testen aufgegeben, bin also nicht mehr bei jedem Auto dabei. Die haben bei Porsche genug gute junge Leute, die das machen können. Neben dem Projekt 911 Dakar bin ich nur noch bei den GT-Fahrzeugen involviert. Aber ganz ehrlich: Die Autos sind in einem so perfekten Zustand, da kann ich nur noch bestätigen, dass das gut ist, was sie gemacht haben. Und in der Baustufe, in der ich jetzt ins Auto komme, hat man sicher alle Fehler schon beseitigt.

Sehen wir demnächst die Rallye-Legende Walter Röhrl in einem privaten 911 Dakar?

Meine Frau hat schon ganz am Anfang gesagt: Kauf so ein Auto, die sind doch viel angenehmer zum Aus- und Einsteigen. Meine Frau ist 74, ich 76, da ist die größere Höhe schon ein wichtiger Faktor. Aber wenn es nach mir geht, werde ich auch mit 80 noch rauskraxeln aus einem Porsche. Hauptsache, ich kann fahren damit.

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