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Automobilmuseum August-Horch-Museum: Moderne Tradition

| Autor / Redakteur: Benjamin Bessinger/SP-X / Thomas Günnel

Das Auto und die Stadt Zwickau verbindet eine lange Tradition – länger als Wolfsburg, Stuttgart oder Detroit. Das Automobilmuseum August Horch bildet seit Dezember die gesamte Geschichte ab.

113 Jahre Automobilhistorie in Zwickau verpflichten: Das Automobilmuseum August Horch hat angebaut und stellt jetzt die gesamte Geschichte des Standortes dar.
113 Jahre Automobilhistorie in Zwickau verpflichten: Das Automobilmuseum August Horch hat angebaut und stellt jetzt die gesamte Geschichte des Standortes dar.
(Bild: Stefan Warter)

Thomas Stebich sitzt auf einer hölzernen Tribüne und träumt. Vor ihm in der Boxengasse stehen die Silberpfeile der Auto Union, als wollten sie gleich zu einem Grand Prix starten. In der Luft liegt eine merkwürdige Spannung und in wenigen Sekunden entführt ihn eine spektakuläre Multi-Media-Installation in jene Zeit, als Motorsport noch wirklich aufregend war. Nicht dass Stebich diese Show nicht kennen würde. Schließlich ist er als Direktor des August-Horch-Museums in Zwickau hier der Hausherr, hat diese Zeitreise quasi bestellt, bestimmt und bezahlt. Doch genießen konnte er sie bislang nicht.

Denn das Silberpfeil-Szenario ist ein Highlight des großen Erweiterungsbaus, der Stebich in den letzten Jahren reichlich Zeit und Nerven gekostet hat. Statt weiter die Historie der vier Marken Audi, DKW, Horch und Wanderer aufzubereiten, die Zwickau zum heimlichen Nabel der Autowelt und zur Keimzelle der heutigen Audi AG gemacht haben, durfte er in den letzten Jahren viel über die Tragkraft von Zwischendecken, die Literleistung von Sprinkleranagen und die Rauchentlüftung von öffentlichen Gebäuden lernen.

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Vollständige Geschichte

Doch das ist jetzt vorbei und vergessen und zum ersten Mal sitzt Stebich auf der Tribüne und kann sich gefangen nehmen lassen von der geschickt verdichteten Rennatmosphäre im Silberpfeil-Diorama. Denn seit ein paar Tagen ist der Neubau eröffnet und Stebich wird vom Bauleiter wieder zum Museumsdirektor, streift den Polier ab und darf wieder Petrol-Head sein.

Mit dem Neubau wächst die Ausstellungsfläche in Zwickau um weitere 3.500 Quadratmeter und katapultiert den Standort in die Spitzengruppe der deutschen Automuseen. Außerdem spannt Stebich den Bogen jetzt nicht mehr nur bis zum Kriegsausbruch und dem Neuanfang der Audi AG in Ingolstadt, sondern dokumentiert nun auch die Nachkriegsgeschichte, die vor allem von dem in Zwickau entwickelten und produzierten Trabant bestimmt wird.

Doch die Größe, die Länge des Zeitstrahls und die große Spannweite an Marken und Modellen sind es nicht allein, die das Museum zu etwas besonderem machen. Es ist im doppelten Sinne vor allem der Standort. Zum einen, weil das Museum als eines der ganz wenigen in Deutschland tatsächlich in jenem Gebäude untergebracht ist, in dem die ausgestellten Fahrzeuge früher auch produziert wurden. Und zum anderen, weil die Automobiltradition in Zwickau größer ist als man meint: Mit 113 Jahren ununterbrochener Automobilproduktion hat das Auto in Zwickau eine längere Geschichte als fast überall sonst auf der Welt – Schwergewichte wie Wolfsburg, Stuttgart oder Detroit eingeschlossen.

„August Horch“

Bei den Autofans in aller Welt hat sich das bereits herumgesprochen und Stebich ist stolz auf 70.000 Besucher im Jahr. Klar können sie darüber in der BMW-Welt in München, bei Mercedes oder Porsche in Stuttgart nur lachen, räumt der Museumschef neidlos ein. Aber während diese Großstädte mit Millionen von Touristen aufwarten, hat Zwickau nur 90.000 Einwohner und bietet außer dem Museum kaum einen Grund für einen Besuch. „Bei uns schaut man nicht mal eben so vorbei, sondern wir sind für viele der einzige Grund, nach Zwickau zu kommen“, sagt Stebich stolz.

Der Name, mit dem all das verbunden ist, steht auch in großen Lettern am Kontorhaus, um das sich die Hallen scharen: August Horch. Denn es war der Maschinenbauer, der in seinen Wanderjahren in Zwickau hängen geblieben ist, weil ihm reiche Fabrikanten hier seinen Traum finanzieren wollten: den Bau eines eigenen Autos. Damit hat er 1904 in den August-Horch-Werken begonnen. Doch weil Horch ein genialer Konstrukteur aber sicher ein miserabler Kaufmann war, überwarf er sich nur wenige Jahre später mit seinen Partnern, verließ seine eigene Firma und eröffnete auf der anderen Straßenseite ein neues Werk, für dessen Namen er einfach „Horch“ ins Lateinische übersetzte: Audi.

Zusammen mit den DKW-Werken, die für den Schritt vom Motorrad- zum Automobilhersteller ihr enges Tal im benachbarten Zschopau verlassen mussten, und mit den Wanderer-Werken aus Schönau ist das der Kern der 1932 gegründeten Auto Union, die mit staatlichem Geld die Pleite der vier Marken in Zeiten der Weltwirtschaftskrise verhindern wollte und so in und um Zwickau weiter für rauchende Schlote sorgte.

Mehr als ausgestellte Fahrzeuge

Die Entwicklung zum Nabel der automobilen Welt, den Zusammenschluss zur Auto Union, den Erfolg der Zwickauer Silberpfeile im internationalen Motorsport – all das können die Besucher in den Hallen der Horch-Sammlung studieren, genau wie die Lebensumstände der Arbeiter, die Mühen der maschinellen aber noch lange nicht industriellen Produktion oder den Zeitgeist auf den Einkaufsstraßen der Stadt, auf denen es im Museum sogar nach Karbit und Kakao riecht. Und wer mit dem Rundgang fertig ist, der wird nie wieder fragen, für was die vier Ringe eigentlich stehen, die Audi heute im Kühlergrill trägt.

Für den von Audi bezahlten Museumschef Stebich könnte die Geschichte damit erledigt sein. Denn so lange die Auto Union in Zwickau auch auf die Zivilproduktion setzte, mussten sie in den alten Werken von Horch und Audi, Wanderer und DKW später eben doch Rüstungsgüter bauen, und nach dem Krieg ging es für Audi zumindest in Neckarsulm und Ingolstadt weiter. Doch so leicht hat es sich Stebich nicht gemacht, deshalb jetzt auch die zweite Hälfte der Zwickauer Automobilhistorie aufgearbeitet und selbst die düstere Zeit von Krieg und Zwangsarbeit nicht ausgespart.

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Im Haupthaus die liebevolle Dokumentation der vier Gründermarken und im Neubau die spektakulären Silberpfeile, die Geschichte des Trabis und die Zeit nach der Wende, in der VW die Automobiltradition mit der Produktion von Polo und Passat in Zwickau fortgeführt hat – damit ist das August-Horch-Museum wieder auf dem aktuellen Stand und Stebich kann getrost ein paar Minuten auf der Tribüne sitzen und verschnaufen. Doch dem Museumschef schwant nichts Gutes.

Denn seit VW beschlossen hat, dass Zwickau zum Hotspot der Elektrifizierung werden und die Produktion der ID-Modelle übernehmen soll, überlegt Stebich schon, wie er oder seine Nachfolger diesen Teil der Geschichte irgendwann dokumentieren können. Platz wäre auf dem alten Horch-Gelände zwar noch reichlich. Doch graut dem Exil-Schwaben in Sachsen ein wenig vor den Planungen und Bauarbeiten.

Aber wofür ist Stebich schließlich Museumsdirektor? Statt sich Gedanken über die Zukunft zu machen, schaut er deshalb lieber noch einmal zurück in die Vergangenheit und startet gleich noch einmal die Silberpfeil-Simulation. Wer weiß, wie viel Zeit ihm dafür künftig noch bleibt.

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