Infrastruktur Wo in Europa entsteht Ladebedarf für E-Lkw?

Von Thomas Günnel 3 min Lesedauer

Bis zum Jahr 20245 benötigen elektrisch angetriebene Lkw in Europa deutlich mehr Energie zum Laden. Der pauschale Ausbau der Infrastruktur reicht laut einer Analyse aber nicht aus.

Im VESUVIO-Modell stellen Forscher den Energiebedarf von elektrisch angetriebenen Lkw dar.(Bild:  MAN Truck & Bus)
Im VESUVIO-Modell stellen Forscher den Energiebedarf von elektrisch angetriebenen Lkw dar.
(Bild: MAN Truck & Bus)

Auf europäischen Straßen sind mehr elektrifizierte schwere Lkw unterwegs, mit steigender Tendenz. Der Bericht „Spatiotemporal Analysis of Electric Truck Charging Demand in Europe“ liefert detaillierte Analysen zur räumlichen Verteilung des Ladebedarfs batterieelektrischer Lkw in den 27 EU-Mitgliedstaaten, in Großbritannien, Norwegen und in der Schweiz.

Erstellt haben ihn das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI und der International Council on Clean Transportation, ICCT. Die Autoren berücksichtigen dabei Depot-Laden und öffentliches Laden. Den Bedarf haben sie im „VESUVIO“-Modell dargestellt. Es basiert auf einem Raster mit einer räumlichen Auflösung von rund 17 mal 20 Kilometern und in 15-Minuten-Intervallen über den Zeitraum von einer Woche.

Erheblicher Bedarf an Energie

In allen untersuchten Szenarien steigt der Ladebedarf batterieelektrischer Lkw erheblich. In einem Szenario mit günstigen politischen Rahmenbedingungen zur Verbreitung batterieelektrischer Lkw erreicht der jährliche Ladebedarf in Europa bis 2035 rund 100 Terawattstunden und steigt bis 2045 auf etwa 200 Terawattstunden.

Zum Vergleich: Laut des Statistischen Bundesamtes wurden in Deutschland im Jahr 2025 rund 438 Terawattstunden Energie erzeugt und ins Stromnetz eingespeist. Den höchsten Bedarf erwarten die Autoren in großen Güterverkehrsmärkten wie Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien. 

Ladebedarf in Ländern und Regionen

„Unsere Analyse zeigt, dass der Ladebedarf für Elektro-Lkw in Europa nicht gleichmäßig über Länder und Regionen verteilt entstehen wird. Vielmehr konzentriert er sich auf bestimmte Güterverkehrskorridore, Industriestandorte und Logistikzentren“, beschreibt Steffen Link, Wissenschaftler am Fraunhofer ISI und Hauptautor des Berichts.

„Beim Ausbau der Infrastruktur und bei der Netzplanung sollten deshalb jene Gebiete im Mittelpunkt stehen, in denen der Bedarf besonders sicher und hoch ist. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die dafür notwendige Netzinfrastruktur mit dem raschen Umstieg auf batterieelektrische Lkw nicht Schritt hält.“

Depotladen dominiert, öffentliches Laden bleibt wichtig

Ein wichtiges Ergebnis des Berichts: Depot-Laden dominiert in allen Ländern und Szenarien. In den meisten Fällen liegt der Anteil bei mehr als 70 bis 80 Prozent des gesamten Ladebedarfs. Zugleich bleibt das öffentliche Laden unterwegs für den Fernverkehr wichtig und kann in einigen kleineren Transitländern 30 bis 50 Prozent des gesamten Ladebedarfs ausmachen.

Die Studie zeigt zudem, dass sich der Ladebedarf in Europa regional stark unterscheidet. Und: Der Ladebedarf ist stark auf wenige Gebiete konzentriert. Nur ein Prozent der Standorte steht in vielen Ländern für rund ein Viertel bis ein Drittel des gesamten Ladestrombedarfs. Die obersten zehn Prozent vereinen zwischen 60 und 90 Prozent des nationalen Ladebedarfs auf sich.

Der Ladebedarf von Elektro-Lkw konzentriert sich somit auf eine vergleichsweise kleine Zahl von Standorten – insbesondere entlang wichtiger Güterverkehrskorridore, an Autobahnkreuzen, in Ballungsräumen und Industriezentren.

„Pauschale Infrastruktur reicht nicht aus“

„Für den Übergang hin zu emissionsfreien Lkw reichen pauschale Infrastrukturziele nicht aus. Politik und Infrastrukturbetreiber benötigen ein wesentlich genaueres Verständnis davon, wo Ladebedarf entsteht und wie er sich im Zeitverlauf verändert“, erklärt Hussein Basma, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim ICCT und Mitautor des Berichts. 

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Lademöglichkeiten an lediglich den wichtigsten zehn Prozent der Standorte bis zu 90 Prozent des gesamten Ladebedarfs elektrischer Lkw in Europa abdecken könnten. Die Identifikation dieser prioritären Standorte ermöglicht eine vorausschauende und wirksame Netzplanung.“

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Erhebliche lokale Spitzenlasten

Die Studie weist außerdem auf erhebliche lokale Spitzenlasten hin. In größeren Ländern mit hohem Güterverkehrsaufkommen erreichen die am stärksten belasteten Gebiete häufig Spitzenwerte zwischen 20 und 50 Megawatt. Dies betrifft vor allem Regionen mit einer hohen Dichte an Logistikzentren. Die Autoren schließen daraus, dass künftige Herausforderungen für die Stromnetze an einzelnen Hotspots auftreten dürften – und nicht gleichmäßig über die nationalen Stromsysteme verteilt.

Die Autoren schlussfolgern, dass sich der Infrastrukturausbau auf prioritäre Standorte, flexible und vorausschauende Netzausbaupläne und passgenaue nationale Strategien konzentrieren sollte. Insbesondere empfehlen die Autoren, das Laden in Depots als Rückgrat der Ladeinfrastruktur für batterieelektrische Lkw zu fördern und zugleich in Transitregionen eine gezielte öffentliche Ladeabdeckung sicherzustellen.