Neue Modelle Mercedes VLE: Den Van neu erfunden

Von Hanno Boblenz/SP-X 4 min Lesedauer

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Mit dem VLE löst sich Mercedes vom Nutzfahrzeug-Erbe der V-Klasse. Neue Plattform, 800-Volt-Technik und über 700 Kilometer Reichweite sollen die elektrische Großraumlimousine technisch wie stilistisch neu positionieren.

Mit dem VLE löst sich Mercedes vom Nutzfahrzeug-Erbe der V-Klasse. Neue Plattform, 800-Volt-Technik und über 700 Kilometer Reichweite sollen die elektrische Großraumlimousine technisch wie stilistisch neu positionieren.(Bild:  Mercedes-Benz)
Mit dem VLE löst sich Mercedes vom Nutzfahrzeug-Erbe der V-Klasse. Neue Plattform, 800-Volt-Technik und über 700 Kilometer Reichweite sollen die elektrische Großraumlimousine technisch wie stilistisch neu positionieren.
(Bild: Mercedes-Benz)

Taxiunternehmen und Shuttledienste, kinderreiche Familien, Handelsvertreter mit viel Platzbedarf: Seit dem Jahr 1996 hat sich die Mercedes-Benz V-Klasse weltweit eine treue Kundschaft aufgebaut. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Mercedes den Kleinbus nie wirklich konsequent weiterentwickelt hat. Sicher hat jede der drei Generationen Fahrkomfort und Sicherheit gesteigert. Aber die Scheiben der Schiebetüren lassen sich weiterhin nicht öffnen, sodass es hinten schnell stickig werden kann. Möchte man die schweren Sitze ausbauen, ist Nachbarschaftshilfe gefragt. Und superkomfortable Einzelsitze mit Liegefunktion, wie sie beispielsweise in China gefragt sind, bot Mercedes bislang gar nicht an.

Auch konnte sich der Van nie richtig von den Nutzfahrzeugen absetzen, die auf der gleichen Basis gebaut werden. Wenn der gut verdienende Unternehmer mit seiner 100.000 Euro teuren V-Klasse an der Ampel neben dem Vito-Kastenwagen des Malermeisters steht, unterscheiden sich die Autos von vorn kaum. Prestige sieht anders aus. All das hat zur Folge, dass sich die V-Klasse in lukrativen Märkten wie China oder den USA zwar ordentlich verkauft, aber nie ein echtes Premium-Statement setzt. Höchste Zeit also für den Stern, das Kapitel neu aufzuschlagen.

Erstmals ohne Nutzfahrzeugtechnik

Der Schritt zur vierten Generation ist deshalb größer, als es die nüchterne Modellbezeichnung vermuten lässt. Der VLE steht auf einer gänzlich neuen technischen Basis, die sowohl für rein elektrische Antriebe als auch für Benziner und Diesel taugt. Vor allem aber ist er kein Ableger eines Nutzfahrzeugs mehr, sondern ein eigenständig entwickeltes Pkw-Modell, mit Luftfederung, Hinterachslenkung und dem kompletten Angebot an Assistenzsystemen, die der Mercedes-Baukasten hergibt.

Zum Verkaufsstart Anfang März kommen zunächst die rein elektrischen Modelle. Los geht’s mit gut 88.000 Euro teuren, frontgetriebenen VLE 300. Rahmendaten: 200 kW, 115-kWh-NMC-Batterie auf Nickel-Mangan-Kobalt-Basis, Hinterradlenkung und Luftfederung. Die neue Antriebseinheit arbeitet mit einem sehr hohen Wirkungsgrad von 93 Prozent. Sollte der VLE 300 die versprochenen 700 Kilometer in der Praxis auch nur ansatzweise schaffen, wäre das ein echtes Statement.

Dann wäre der elektrische Van ein echter und schneller Langstrecken-Stromer, denn die 800-Volt-Technik verkürzt Ladestopps am DC-Charger deutlich. In nur 15 Minuten soll der VLE Energie für die nächsten 320 Kilometer ziehen. Eine Kaffeepause genügt. Und im Ausland, wo 800-Volt-Säulen nicht an jeder Ecke stehen, ermöglicht ein optionaler DC-Konverter Schnellladen auch an 400-Volt-Ladepunkten. Zudem ist der VLE serienmäßig für bidirektionales Laden vorbereitet. Damit kann er perspektivisch als Stromspeicher dienen und Energie ins Haus oder ins Netz zurückspeisen.

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Zum Start die Elektromodelle

Im Sommer folgt der 305 kW starke VLE 400 mit Allradantrieb. Kostenpunkt: Voraussichtlich deutlich über 90.000 Euro. Wer auf die günstigen Modelle schielt, muss bis zum Jahresende warten. Dann folgen die front- und allradgetriebenen Versionen mit einem 80 kWh leistenden LFP-Akku. Das Einstiegsmodell soll knapp 68.000 kosten. Mit dem VLE wird die Produktion des EQV eingestellt. Die bisherige V-Klasse läuft aber weiter, bis der VLE auch mit Verbrenner angeboten wird.

Die neue Van-Architektur ist modular, flexibel und klar auf Differenzierung ausgelegt. Für deutliche Unterschiede zu den gewerblichen Modellen sollen die flexibel mit vier bis acht Sitzen eingerichteten Großraum-Limousinen sorgen. Von der Einrichtung, aber auch von der Karosserie. Hier die elegante Silhouette des VLE mit dem hinten leicht abgesetzten Dach, dort der kastige Transporter mit klarem Fokus auf Nutzlast und Stauraum. „Wir beginnen damit eine Ära, in der wir volle Flexibilität auf einer Plattform darstellen“, sagt Vans-Chef Thomas Klein. Die Proportionen unterstreichen das. 5,31 Meter Länge, knapp zwei Meter Breite, 3,34 Meter Radstand. Auch eine 17,5 Zentimeter längere Version ist geplant.

Deutliche Unterschiede zu den Vorgängern

Die Fortschritte gegenüber V-Klasse und EQV fallen sofort auf: Unter dem riesigen optionalen Glasdach trifft man auf eine neue Einrichtung, die auf Variabilität ohne Krafttraining setzt. Die mechanischen Sitze wiegen weniger und haben integrierte Rollen, auf denen sie sich in die Garage schieben lassen. Mercedes bietet diverses Gestühl, bis zu luxuriösen, wohlig weich gepolsterten Einzelsitze, welche die Passagiere auf Knopfdruck in die Horizontale bringen. Sie lassen sich sogar per App positionieren. Vier Programme ordnen den Fond neu, je nachdem, ob maximale Beinfreiheit oder zusätzlicher Stauraum gefragt sind. Zwei elektrische Schiebetüren sind Standard, erstmals mit vollständig versenkbaren Fenstern. Die separat zu öffnende Heckscheibe bleibt erhalten.

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Doch Raum alleine genügt nicht mehr. Wer heute über 80.000 Euro für einen Van ausgibt, erwartet ein digitales Erlebnis auf Pkw-Niveau. Hier nähert sich der VLE der Oberklasse. Das hauseigene Betriebssystem MB.OS vernetzt Infotainment, Assistenzsysteme und Ladeplanung und ermöglicht Over-the-Air-Updates. Optional zieht sich die große MBUX-Paneele mit drei Einzelbildschirmen über die gesamte Cockpitbreite. Während der Fahrer lenkt, kann der Beifahrer sich ablenken und etwa ein Video streamen, das der KI-gesteuerte Sprachassistent heraussucht.

Bildschirm von der Decke

Im Fond klappt optional ein fast 80 Zentimeter breiter Bildschirm von der Decke, der den Innenraum in eine Kino- oder Business-Lounge wandelt. Der Bildschirm lässt sich teilen, sodass links ein Film laufen kann, während der Nebensitzer an einer Videokonferenz teilnimmt oder ein Videospiel zockt.

Im Markt trifft der VLE unter anderem auf den deutlich kürzeren und einfacheren Volkswagen ID Buzz. Im chinesischen Markt muss er sich gegenüber der neuen Klasse von Luxus- und Business-Vans wie dem Lexus LM oder dem chinesischen Denza D9 im oberen Bereich des Segments behaupten.

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Für alle, denen das Niveau des VLE noch nicht genügt – das „E“ steht für „E-Klasse“ –, denkt Mercedes bereits einen nächsten Schritt weiter. 2027 folgt der VLS. Er basiert auf derselben Plattform und soll auf dem Format des langen VLE Komfort auf S-Klasse-Niveau bieten. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

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