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Messring Präziseste Crash-Test-Anlage

| Redakteur: Bernd Otterbach

Die Messring Systembau GmbH hat nach eigenen Angaben die bisher präziseste Crash-Test-Anlage der Welt im kanadischen Blainville in Betrieb genommen.

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Die gleichzeitig erste Crash-Test-Anlage Nordamerikas, die frontale, seitliche und Auffahrunfälle simulieren kann, gehört dem kanadischen Verkehrsministerium. Mit einem Investitionsvolumen von 15 Millionen kanadischen Dollar entstand eine Anlage mit beeindruckenden Eckdaten: der Crashblock wiegt 300 Tonnen, der 1.600 PS starke Antrieb erlaubt Fahrzeuge bis zu 40 Tonnen zu beschleunigen und Geschwindigkeiten bis zu 120 km/h zu erreichen.

Die Crash-test-Anlage stehe privaten oder halbstaatlichen Unternehmen für Testversuche zur Verfügung, teilte der Betreiber PMG mit. Gebaut hat sie die Messring Systembau GmbH aus dem oberbayerischen Krailling. Nach mehr als zweijähriger Planungs- und Bauzeit ging sie vor kurzem in Betrieb.

Die Versuchsanordnung ist anspruchsvoll: Zwei Personenwagen mit einem Gesamtgewicht von jeweils rund einer Tonne, vollgepackt mit Sensoren und modernster Messtechnik, stehen zum Aufprall bereit. Das eine Fahrzeug wird entlang der Teststrecke auf 60 km/h beschleunigt und soll dann nach einer Fahrstrecke von mehr als 100 m von dem zweiten Wagen, der 80 km/h schnell ist, in einem Winkel von exakt 90 Grad millimetergenau auf Höhe der B-Säule getroffen werden. In der Theorie klingt das nach einer lösbaren mathematischen Aufgabe. In der praktischen Umsetzung, die sich mit so realen Dingen wie Reibungskoeffizienten, Temperaturschwankungen, Druckverlust und Materialverschleiß auseinander setzen muss, ist das für Techniker und Ingenieure vielerorts eine gewaltige Herausforderung.

Konstant hohe Treffergenauigkeit

Im angesprochenen Crash-Test lag die Abweichung von der haarfeinen Markierung auf der B-Säule bei weniger als 5 mm in der Horizontalen und 0,5 mm in der Vertikalen. „Ein Treffer wie man ihn sich wünscht“, so Alain Bussières, Präsident der Betreibergesellschaft PMG, die die Testanlage im Auftrag von Transport Canada betreut, und freut sich: „Die Ergebnisse, die wir hier erzielen, übertreffen alle unsere Erwartungen. Die konstant hohe Treffergenauigkeit ist unerreicht.“

Seit April ist das Testzentrum mit wesentlich erweiterten Funktionen in Betrieb. Die Genauigkeit liegt in der Konstruktion der Anlage und der exakten Abstimmung aller verwendeten Komponenten, so Dierk Arp, Geschäftsführer der mit der Planung, Produktion und Installation beauftragten Messring GmbH.

In Blainville, wo bis zu 40 Tonnen schwere Fahrzeuge getestet werden, müssen die mechanischen Bauteile gewaltigen Lasten ohne Verschleiß standhalten. Die 220 m lange Halle wurde so geplant, dass die enormen horizontalen Kräfte, die bei Crash-Tests entstehen, über die Fundamente abgeleitet werden können. „Alle Einbauten sind fest mit dem Gebäude verbunden,“ so Arp. Die Anlage ist trotz der rohen Kräfte, die hier walten, beinahe unzerstörbar.

Mittels eines elektrischen Antriebs (rund 1.600 PS) zieht ein Seilwagen die jeweiligen Fahrzeuge auf einer im Boden eingelassenen MicroTrack-Schiene, die von Messring eigens für diesen Anlagentyp entwickelt wurde. Die Schiene ist gerade einmal sieben Zentimeter breit und lässt millimetergenaue Fahrten zu. Bei Aufpralltests werden die Fahrzeuge auf eine Geschwindigkeit von maximal 120 km/h beschleunigt, ehe sie auf den 300 Tonnen schweren Block aus Stahlbeton treffen, der als festes Hindernis dient. Bei simulierten Crashs mit zwei Fahrzeugen lassen sich pro Bahn jeweils Geschwindigkeiten von bis zu 100 km/h erzielen. Die Auslaufzone ist mit rund 40 m im Durchmesser so dimensioniert, dass ein Aufprall in jedem gewünschten Winkel gefahrlos realisiert werden kann.

Spezielle Software für die Anlagensteuerung

Für die Steuerung der Anlage ist eine spezielle Software nötig, die alle Parameter der Testanordnung berücksichtigt, Zugriff auf die Sicherheitssysteme bietet und zugleich dafür sorgt, dass die wertvollen Daten, die aus dem Crash-Test hervorgehen sollen, lückenlos und zuverlässig erfasst werden. Der Anlagen-Spezialist Messring entwickelte mit CrashSoft ein eigenes Programm, das während des gesamten Testverlaufs einen detaillierten Überblick über alle Parameter und Messgeräte liefert.

Alle relevanten Komponenten einer Crash-Test-Anlage werden über CrashSoft geregelt: Von der genauen Kontrolle der verschiedenen Messgeräte über die Ermittlung und Auswertung der Messdaten bis hin zu sicherheitstechnischen Aspekten wie der automatischen Hallentürverriegelung. Die während des Tests ermittelten Daten stehen dem Bediener der Anlage zur sofortigen Auswertung zur Verfügung. Über eine Online-Schnittstelle kann Messring von Krailling aus außerdem alle Anlagen rund um den Globus per Computer überwachen.

Das Testzentrum im kanadischen Blainville ist dank der Größe und Ausstattung ungewöhnlich vielseitig einsetzbar – eine wesentliche Voraussetzung für den rentablen Betrieb. „Blainville ist die einzige öffentlich zugängliche Crash-Test-Anlage in Nordamerika, in der frontale, rückwärtige und seitliche Crashs mit zwei Fahrzeugen realisiert werden,“ so Suzanne Tylko, Sprecherin von Transport Canada. „Wir lassen hier alles gegeneinander fahren, was rollt, vom Kleinwagen über große Trucks bis hin zu Eisenbahnwaggons.“

Crah-Tests am laufenden Band

Der Betrieb in Blainville läuft seit der Eröffnung auf Hochtouren. In Spitzenzeiten findet jeden Tag ein Crash-Test statt. Die Vorbereitung inklusive Simulation ist aufwändig dauert oftmals mehrere Stunden oder sogar Tage. Der eigentliche Test geht dann binnen weniger Sekunden über die Bühne. Während des Aufpralls zeichnen mehr als 200 Sensoren und Kameras hunderte von Messwerten und Bildern auf. Ein Teil der aufzeichnenden Kameras ist dabei unter dem Ort des Zusammenpralls in einer Grube im Boden platziert – geschützt durch eine dicke Plexiglasscheibe.

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