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Business Intelligence

BI-Software: Forschen auf der Rennstrecke

| Autor/ Redakteur: Sven Prawitz / Thomas Günnel

Das Unternehmen Bissantz & Company entwickelt Business-Intelligence-Software. Um sie zu verbessern, kommt auch Eyetracking-Technik zum Einsatz – auf der Rennstrecke mit Hans-Joachim Stuck.

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Business Intelligence Software soll umfassend über wirtschaftliche Zusammenhänge informieren. Um die Darstellung der Zahlen in den Berichten zu verbessern, forschen Unternehmen auch auf der Rennstrecke.
Business Intelligence Software soll umfassend über wirtschaftliche Zusammenhänge informieren. Um die Darstellung der Zahlen in den Berichten zu verbessern, forschen Unternehmen auch auf der Rennstrecke.
(Bild: Bissantz & Company)

Die Produkte des Softwareunternehmens Bissantz & Company haben auf den ersten Blick wenig mit Motorsport zu tun: Das Kerngeschäft machen die Nürnberger mit Business-Intelligence-(BI)-Software. Eine verständliche Darstellung der Geschäfts- und Unternehmenszahlen ist das wichtigste Merkmal einer BI-Software. Geschäftsführer Dr. Nicolas Bissantz geht bei der Weiterentwicklung seiner Produkte besondere Wege: Er investiert viel Geld und Zeit in die Grundlagenforschung und arbeitet dort unter anderem mit Neurobiologen zusammen.

„Es gibt viele offene Fragen zum Verständnis des Sehens“, erklärt Bissantz den Forschungsbedarf. Um die Entwicklung seiner „Bissantz’ Numbers“ voranzutreiben, ist er mit Hans-Joachim Stuck auf die Nordschleife gegangen. „Nur unter Extrembedingungen verstehen wir das Sehen neu“, beschreibt Bissantz die Anforderung an das Projekt. Dass er dabei auf den Rennsport kam, hat zweierlei Gründe. Zunächst ist Nicolas Bissantz selbst gerne auf Rennstrecken unterwegs. Zudem eignet sich der Sport besonders für die Eyetracking-Methode, bei der das Bewegungsmuster der Augen erfasst wird. Schließlich bewegen Rennfahrer ihren Kopf verhältnismäßig wenig.

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Sehstrategien mittels Eyetracking erkennen

Unter Laborbedingungen verrät das Eyetracking nicht viel darüber, wie der Betrachter die gesehene Information versteht. Dr. Bissantz erläutert den Unterschied: „Aus dem Vergleich von Rundenzeiten und Blickverläufen zwischen Rennfahrern können wir unter anderem ableiten, welche Sehstrategien schnell machen.“ So sind Hans-Joachim Stuck und Nicolas Bissantz ausgestattet mit Eyetracking-Brillen über die Nordschleife des Nürburgrings gefahren. Anschließend wurden die Rundenzeiten und der Blickverlauf der beiden Fahrer miteinander verglichen. Eine Erkenntnis der Auswertung zeigt, dass das Auge von Kontrasten angezogen wird. Deshalb lernen Profi-Rennfahrer Kontraste, die unwichtig sind, auszublenden. Die Augen tasten kontrastreiche Bereiche ab, und das Gehirn interpretiert die dazwischenliegenden Bereiche. Das kann schon mal dazu führen, dass eine Kurve kritischer eingeschätzt wird, als sie tatsächlich ist.

Das berühmteste Beispiel ist wohl die „Mutkurve“ Eau Rouge/Raidillon der Rennstrecke Spa-Francorchamps. Rennfahrer behelfen sich in solch kritischen Kurven, indem sie ihren Blick beispielsweise auf einen Punkt der Kurve fokussieren, den sie noch gar nicht sehen. Sie schauen quasi durch den Hügel durch und blenden alle ablenkenden Elemente des Blickfeldes aus.

Zahlen statt Grafiken

Diese Erkenntnisse setzt Bissantz & Company bei seinen Produkten um: Grafische Elemente, wie Balken, sind besonders kontrastreich. Richtig relevant wird die Darstellung aber erst mit einer Kennzahl, die den Balken quantitativ beschreibt. Das Auge springt bei dieser Darstellungsart zwischen Grafik und Zahl hin und her. Erschwerend kommt hinzu, dass Bildelemente in einer anderen Gehirnhälfte als Zahlen verarbeitet werden. „Dieses Hin und Her stellt eine enorme Belastung dar“, weiß Bissantz aus seiner Zusammenarbeit mit dem Neurobiologen Professor Dr. Dr. Gerhard Roth.

Deshalb verzichtet Bissantz bei der Darstellung von Kennzahlen neuerdings auf grafische Elemente. Im Gegenzug werden die Zahlen besonders kontrastreich dargestellt. Große Werte werden größer dargestellt: Dies lenkt den Blick des Betrachters von der wichtigsten Zahl beginnend zu den weniger wichtigen Informationen. Diese Methode könnte auch in den zunehmend mit Informationen überfrachteten Cockpits von Serienfahrzeugen eine schnellere Orientierung ermöglichen. „Das Design im Auto ist nicht an unsere Sehstrategien angepasst,“ beschreibt Dr. Bissantz den Status quo. Eine sinnvolle Steuerung der Wahrnehmung würde Komfort und Sicherheit erhöhen – schließlich werden noch einige Jahre Menschen am Steuer sitzen.

Vier Fragen an Nicolas Bissantz

Dr. Nicolas Bissantz, CEO Bissantz & Company.
Dr. Nicolas Bissantz, CEO Bissantz & Company.
(Bild: Bissantz & Company)

Herr Bissantz, warum investieren Sie so viel in die Grundlagenforschung?

Wir sind ein mittelständischer Softwarehersteller mit sehr viel Konkurrenz im Bereich Business Intelligence. Weil es wenige Erkenntnisse auf dem Gebiet Sehen-Verstehen-Handeln gibt, müssen wir selbst aktiv werden.

Was haben ein Manager und ein Rennfahrer in diesem Fall gemeinsam?

Ob Manager oder das Design von Berichten vom Rennfahren etwas lernen können, galt es erst herauszufinden. Ich war mir lediglich sicher, dass wir Neues entdecken würden. Schließlich benutzen wir dieselben Augen für die Konstruktion eines Bildes einer Rennstrecke und eines Diagramms.

Inwiefern helfen Ihnen die Ergebnisse von der Rennstrecke?

Die typografisch skalierten Zahlen, also die Vergrößerung von Ziffern proportional zu ihrem Wert, sind ein Produkt unserer Eyetracking-Forschung auf der Rennstrecke.

Die Methodik müsste doch auch auf Informationsträger im Auto übertragbar sein.

Das ist richtig. Die Erkenntnisse sind auf das Interaktionsdesign im Auto übertragbar. Wir haben das Eyetracking bereits mit Navigationssystemen eingesetzt und stehen hier mit einem Hersteller in Kontakt.

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Über den Autor

 Sven Prawitz

Sven Prawitz

Technikjournalist