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Wirtschaft Conti-Chefaufseher: „Autoindustrie wird politisch zerstört“

| Autor: Claus-Peter Köth

Wolfgang Reitzle, Aufsichtsratschef von Continental, wirft der Politik die „Zerstörung der Automobilindustrie“ vor. Hersteller und Kunden würden in die „noch nicht wirklich marktreife E-Mobilität“ getrieben.

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Wolfgang Reitzle, Chefaufseher von Continental, hat der Politik eine Mitschuld am weitreichenden Stellenabbau des Konzerns vorgeworfen. Insgesamt will Conti weltweit 30.000 Stellen „verändern“, davon 13.000 in Deutschland.
Wolfgang Reitzle, Chefaufseher von Continental, hat der Politik eine Mitschuld am weitreichenden Stellenabbau des Konzerns vorgeworfen. Insgesamt will Conti weltweit 30.000 Stellen „verändern“, davon 13.000 in Deutschland.
(Bild: Continental/Marcus Prell)

Der Chefaufseher des Automobilzulieferers Continental hat der Politik eine Mitschuld am weitreichenden Stellenabbau des Konzerns vorgeworfen. „Man zerstört politisch die Autoindustrie, die ja noch 99 Prozent ihrer Wertschöpfung durch Autos mit Verbrennungsmotor generiert“, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Reitzle heute dem Nachrichtenportal „The Pioneer“. Hersteller und Kunden würden in die „noch nicht wirklich marktreife E-Mobilität“ getrieben. „Ergebnis: Wir müssen Fabriken schließen und Arbeitsplätze abbauen“, sagte Reitzle.

Ein Missmanagement des Conti-Vorstands weist der ehemalige Linde-Chef und BMW-Vorstand energisch zurück: „Wir hatten zehn Jahre Boom. Mitte 2018 ging es schon leicht bergab, 2019 kam dann die starke Rezession der Weltautoindustrie und ab März dieses Jahres Corona dazu. Wir kommen von 95 Millionen Einheiten und werden dieses Jahr bei 70 Millionen landen. Das sind knapp 30 Prozent weniger, das kann kein Industrieunternehmen ohne Kostenanpassung verkraften.“

Des Weiteren erzwinge die Abgasgesetzgebung geradezu einen Break. „Und dann kommen die Politiker und diffamieren noch obendrauf den Verbrenner unnötig früh, sodass uns einfach die Anpassungszeit fehlt.“

Weil: Eigene Versäumnisse der Autoindustrie

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil wies die Kritik zurück. Die Automobilindustrie, auch die Zulieferer, müssten sich vorhalten lassen, zu spät auf den Strukturwandel reagiert zu haben, sagte der SPD-Politiker am Donnerstag in Hannover, wo Continental seinen Sitz hat. Die Probleme der Branche seien unbestritten, besonders kleine und mittlere Zulieferer seien in ihrer Existenz bedroht, stellte Stephan Weil fest. Dennoch sage er aus Überzeugung: „Wir müssen raus aus dem Verbrennungsmotor. Wir müssen rein in die Elektromobilität.“

Continental ist der zweitgrößte Automobilzulieferer der Welt. Am Mittwoch hatte der Aufsichtsrat unter dem Druck der Branchenkrise und der Corona-Auswirkungen einem verschärften Sparkurs zugestimmt. Insgesamt will Conti weltweit 30.000 Stellen „verändern“, davon 13.000 in Deutschland. Neben dem Wegfall von Stellen zählen auch Umschulungen von Mitarbeitern und Verlagerungen von Jobs dazu. Arbeitnehmervertreter kritisierten die Pläne scharf.

Die Werksschließung in Aachen haben wir nicht gut kommuniziert. Das haben wir so überraschend verkündet, dass daraus resultierend viele Emotionen kamen. Diesen Schuh ziehen wir uns an“, stimmte Reitzle zu. Aber dass das Reifenwerk geschlossen werden müsse, das seien die Fakten, da komme man leider nicht dran vorbei.

Die Frage, ob es eine Zukunftsvision für Continental gebe, beantwortete Reitzle mit Ja: „Wir müssen diese bitteren Entscheidungen treffen, denn wir haben ein großes Offensivprogramm in der Pipeline – etwa rund um das automatisierte Fahren. Um dieses finanzieren zu können, können wir uns nicht den Ballast von Kosten leisten, die unnötig mitgeschleppt werden. Wir müssen diese Kapazitätsanpassungen vornehmen, um danach ein Offensivspiel betreiben zu können.“

mit Material von dpa

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