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Autonomes Fahren

Platooning-Start-up Tracks: Dating für Brummis

| Autor: Svenja Gelowicz

Platooning, finden Nutzfahrzeughersteller wie Daimler, lohne sich nicht. Andere Truckbauer testen weiter, doch das Tempo ist zäh. Das Berliner Start-up Tracks will der Technik mit schlauer Software auf die Sprünge helfen. Dabei kommt auch das Prinzip einer bekannten Dating-App zum Einsatz.

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Hersteller wie MAN testen Platooning seit geraumer Zeit – die Ergebnisse sind unterschiedlich.
Hersteller wie MAN testen Platooning seit geraumer Zeit – die Ergebnisse sind unterschiedlich.
(Bilder: Traton)

Das Jahr fing gerade erst an, als Daimler das Ende einer als vielversprechend gehandelten Technik verkündete: Platooning, also das Fahren im Lkw-Verbund, lohne sich nicht. Zu wenig Sprit habe man in den Praxistests gespart. Gut fünf Monate nach der Ansage der Stuttgarter präsentierte MAN gemeinsam mit Projektpartnern die Ergebnisse eines Forschungsprojekts namens EDDI („Elektronische Deichsel – Digitale Innovation“). Ein Konvoi aus zwei Lkws wurde über 35.000 Kilometer Distanz geschickt und hat unter anderem zwischen München und Nürnberg Daten gesammelt. Statt um geschätzte rund zehn Prozent sank der Konsum lediglich um drei bis vier Prozent. Dieser Wert ließe sich über eine Verringerung des Abstands der Lkws zueinander jedoch möglicherweise noch drücken, so die Projektpartner.

Platooning im Zwiespalt

Die beiden Beispiele stehen für den Zwiespalt, in dem sich das Platooning befindet. Auf der einen Seite gilt das virtuelle Koppeln als Zukunftstechnik, mit der man CO2 und Kraftstoff sparen kann – und dessen Potenzial noch nach oben offen ist. Auf der anderen Seite rechnet man nun schon lange verschiedene Parameter hin und her, und das Einsparpotenzial reicht Herstellern wie Daimler schlussendlich doch nicht. Über 30 Jahre forschten Truckhersteller schon an der Technik, sagt Jakob Muus, Platooning müsste längst auf dem Markt sein. „Ohne Platooning funktionieren batterieelektrische Lkws nicht.“ Denn da gehe es nicht nur darum, Diesel zu sparen, sondern ob man 700 oder 800 Kilometer Strecke schaffe – und daher um „Riesensummen“.

Jakob Muus hat das Start-up Tracks gegründet.
Jakob Muus hat das Start-up Tracks gegründet.
(Bild: Tracks)

Deshalb hat der gebürtige Däne Anfang 2018 das Start-up Tracks in Berlin gegründet. Er will Platooning nun schnellstmöglich auf die Straße bringen. Muus, mit einem Abschluss in Innovationsmanagement, hat zuvor einige Jahre in der Konzernforschung von VW gearbeitet. Den Ansatz einer Forschungsabteilung verfolge er auch mit seinem siebenköpfigen Team. Denn das Start-up werte erst mal große Mengen Daten aus und arbeite dabei eng mit Herstellern wie Volvo, MAN oder VW Financial Services zusammen.

Tracks will den Verbrauch bestimmen

Straßenbelag, Windstärke, Fahrstil, Fahrzeuggewicht: Das sind nur ein paar der vielen Faktoren, die sich auf den Spritverbrauch auswirken. Und nur wenn man all diese Einflussgrößen einbezieht, kann man laut Muus das Einsparpotenzial genau bestimmen. Der Knackpunkt sei, herauszufinden, was man verbraucht hätte, wenn man nicht im Platoon gefahren wäre. Daher arbeitet sein Team gerade an einer Software, die den Spritverbrauch vorausschauend analysieren soll. Tracks füttert eine künstliche Intelligenz mit den Daten von OEMs aus „Millionen von Fahrten“. Jakob Muus: „Ein solches Tool könnte für alle Nutzfahrzeughersteller interessant sein.“ In seiner Vision fahren zwei bis drei Lkws in einem Platoon, das sich auf der Autobahn zusammenfindet. Vom sogenannten „Planned Platooning“ innerhalb einer Flotte hält er wenig: Denn da stünden dann Lkws zu unterschiedlichen Zeiten an der Laderampe, die Fahrer müssten warten. Außerdem gebe es zu viele Risiken wie Staus.

Tinder für Trucks

Tracks will nicht nur das Einsparpotenzial genau bestimmen, sondern eine „Matchmaking“-App für Lkws in den Markt bringen – quasi Tinder für Trucks. Das soll so funktionieren: Die Lkw-Fahrer signalisieren per App, dass sie bereit sind, sich elektronisch mit anderen Lkws zu koppeln. Eine schlaue Software ermittelt dann passende „Partner“, und die Fahrer können dem Platooning-Vorschlag der App zustimmen oder ablehnen. Genaue Fahranweisungen navigieren die Trucks in eine Kolonne. Per Knopfdruck wechselt der Lkw dann in einen halbautonomen Fahrmodus. Die Pedaldaten des vorderen Lkw-Fahrers sind für den hinteren Fahrer ersichtlich. „Vertrauen spielt eine große Rolle“, sagt Muus, schließlich gebe der führende Truck alle Fahrbefehle wie „Bremsen“ oder „Beschleunigen“. Drängelt sich ein Pkw in eine Lücke, dann löse sich die elektronische Deichsel auf und der hintere Lkw verringere die Geschwindigkeit.

Platooning: Gespartes Geld wird automatisiert geteilt

Dann kommt der nächste Service ins Spiel, der Platooning möglich machen soll: Ein Bezahlsystem. Die Software liest jeweils den tatsächlichen Verbrauch der gekoppelten Trucks, und schickt dann bei der Trennung den Differenzbetrag zum prognostizierten Verbrauch ohne Platooning „von hinten nach vorne“. Das gesparte Geld wird also automatisiert unter der Kolonne aufgeteilt.

Aktuell entwickelt Tracks seine Technik und braucht dafür vor allem Daten der Nutzfahrzeughersteller. Den Algorithmus zu verbessern sei langwierig – ab November soll die Software für vorausschauende Spritanalyse auf dem Markt sein. Im nächsten Sommer sollen dann erste reale Tests starten. „Wir erproben unsere Software wahrscheinlich in Schweden“, sagt Muus. Mit Innogy Ventures hat das Start-up bereits Investoren gefunden.

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Über den Autor

Svenja Gelowicz

Svenja Gelowicz

Autojournalistin