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Qualitätssicherung Qualität und Agilität kombinieren

| Autor/ Redakteur: Tim Sturm und Sebastian Märkl* / Thomas Günnel

Unternehmen wollen agil sein und qualitativ hochwertige Produkte herstellen. Dazu müssen sie klassische Qualitätsmethoden mit agilen Arbeitsweisen in der Entwicklung kombinieren. Die Managementberatung 3DSE beschreibt, wie das gelingen kann.

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Innovativ, flexibel und hochwertig entwickeln: Für die Qualitätssicherung heißt das, klassische mit agilen Methoden zu kombinieren.
Innovativ, flexibel und hochwertig entwickeln: Für die Qualitätssicherung heißt das, klassische mit agilen Methoden zu kombinieren.
(Bild: BMW)

Schnell, innovativ, flexibel – und dabei qualitativ hochwertig: Moderne Forschungs- und Entwicklungsansätze sollen bekannte Werte mit neuen Arbeitsmethoden kombinieren. Dabei unterscheiden sich klassische Qualitätsansätze teils deutlich von denen in einer agilen Entwicklungsumgebung.

Die klassische Qualitätsarbeit entstand beim Entwickeln und Produzieren komplexer, stark arbeitsteiliger Systeme, wie Automobile, Flugzeuge oder Satelliten. Ihre Stärke: Sie schafft kundenorientierte Produkte, minimiert Risiken und erreicht ein definiertes Ergebnis. Systematische Analysen führen dabei zu kontinuierlichen Verbesserungen. Nachteilig kann sich dabei der Anspruch auf Vollständigkeit, Prozesstreue, Nachweisbarkeit und Risikovermeidung auswirken – wenn eine bürokratische Kultur entsteht, die sich nur schwer oder gar nicht ändern lässt.

Agil versus klassisch

Im Gegensatz dazu stehen agile Ansätze. Sie sind vor allem interessant, wenn Ziele, Rahmenbedingungen oder beides unklar sind. Die Stärke der agilen Methoden: Sie können sich an ein veränderliches Umfeld anpassen und erlauben es so, flexibel und schnell zu sein und zu lernen. Möglich wird das zum Beispiel durch die regelmäßige, kurz getaktete Priorisierung.

Das wiederholende, schrittweise Vorgehen schafft Raum für neue Ideen und ermöglicht es, Fehler frühzeitig zu erkennen. Doch Devisen wie „Besser fertig als perfekt“ bergen auch Risiken – insbesondere für klassische Industrieunternehmen, die sich über Premiumprodukte differenzieren.

Sieben Ansätze zum Kombinieren

Die Managementberatung für F&E, 3DSE, berät Unternehmen in den Bereichen Automotive, Aerospace, Defence, Transportation, Industrial, Electronics, Health Tech und Energy – und sieht sieben Ansatzpunkte, wie sich beide Ansätze kombinieren lassen.

System- und Modulqualität fokussieren und klare Verantwortung schaffen

Beispiel: Ein Motorradhersteller strukturiert sein Produkt in generische Module, die jeweils einen Baukasten mit abgesicherten Modulvarianten beinhalten. Ein Modulverantwortlicher muss über Rechte verfügen, die Gestaltung zu führen sowie die Ergebnis- und Qualitätsverantwortung für jedes Modul vertreten. Qualitäts- und Integrationsstandards stellen die Hochwertigkeit sicher.

Kritische, kundenrelevante Anforderungen priorisieren

Beispiel: Ein Hausgerätehersteller mit IoT-Lösungen priorisiert die Entwicklung von Top-Features und der wichtigsten Designparameter statt umfangreicher Pflichtenhefte, um sich am Kundenbedarf zu orientieren. Optimierungsiterationen der Designparameter werden anschließend genutzt, um kurzfristig und mit geringem Aufwand die Produktreife zu erreichen.

Test- mit Chancen- und Risikomanagement früh kombinieren

Beispiel: „Erst testen, dann designen“ lautet die Devise eines Herstellers für Systeme zur additiven Fertigung. Regelmäßig verfügbare Teststände und virtuelle Simulationsmöglichkeiten ermöglichen es, Ideen zu erproben und dabei Fehler machen zu können. Die Erkenntnisse werden auf Chancen- und Risikopotenziale hin bewertet und fließen als Verbesserungsmaßnahmen in die frühen Phasen der Produktentwicklung ein.

Produktreifestufen, -grade und -kriterien in den Entwicklungsablauf integrieren

Beispiel: Unternehmen aus der Automobilbranche und der Medizintechnik haben ihre Entwicklungsmeilensteine erweitert: von allgemeinen Projektzielgrößen um Produktreifegrade. Die Reifegrade wurden entlang der Produktarchitektur auf Eigenschafts- und Funktionsreifekriterien heruntergebrochen. Diese werden für Neuentwicklungen in einer Reifestufenlogik synchronisiert, zwischen internem Lieferanten und Kunde vereinbart und sind heute ein wesentliches Planungs- und Steuerungsinstrument, um schrittweise und früh eine hohe Produktreife zu erreichen.

Absichern mittels Simulation, Rapid Prototyping und Test-Automatisierung

Beispiel: Die Automobil-, Luft- und Raumfahrtbranche nutzt verstärkt virtuelle Prototypen und sichert Produkte virtuell ab, um schneller entwickeln zu können und Hardwarekosten einzusparen. Für dennoch benötigte Hardware unterstützt Rapid Prototyping die schnelle Absicherung. Die Testautomatisierung wird auch für mechatronische Umfänge wichtiger. Um die Komplexität insbesondere bei variantenreichen Produkten und Einsatzszenarien zu beherrschen, sind die Automatisierung und künftig eingebundene lernende Algorithmen nahezu unumgänglich.

Inhaltliche Führung und dienendes Führen stärken

Beispiel: Ein Technologiekonzern mit breitem Produktspektrum treibt die agile Transformation in seinen Divisionen voran. Gleichzeitig wird höchste Qualität im Top-Management und unter den Mitarbeitern als wesentlicher Unternehmenswert und Erfolgsfaktor angesehen. Inhaltliche Führung und ein unterstützender Führungsstil betonen die Ausrichtung auf hochwertige technische Lösungen und Freiraum für Innovation und Weiterentwicklung.

Systemverständnis und kontinuierliches Lernen fördern

Beispiel: Ein Automobilunternehmen fördert das Systemverständnis im Entwicklungsteam und beseitigt damit früh Unstimmigkeiten. Dazu rotieren die Mitarbeiter regelmäßig und systematisch über die Fachdisziplinen hinweg.

Zudem werden Kompetenzprofile aufgebaut, die tiefes Fach- mit breitem Systemwissen verbinden. Unterstützend bilden Methodenexperten ausgewählte Mitarbeiter unterschiedlicher Bereiche als Zuverlässigkeitsexperten aus, um die Qualitätsarbeit in der Kernwertschöpfung zu fördern.

Tim Sturm und Sebastian Märkl, 3DSE Management Consultants

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