Wirtschaft

VDA-Neujahrsempfang: Zehn-Punkte-Strategie

| Redakteur: Thomas Günnel

Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), begrüßte die Gäste am 25. Januar zum VDA-Neujahrsempfang in Berlin.
Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), begrüßte die Gäste am 25. Januar zum VDA-Neujahrsempfang in Berlin. (Bild: VDA/Schnittstelle Berlin)

Am Mittwoch (25. Januar) veranstaltete der Verband der Automobilindustrie (VDA) seinen Neujahrsempfang in Berlin. Rund 650 hochrangige Gäste nahmen daran teil, VDA-Präsident Matthias Wissmann gab einen Ausblick auf die Entwicklung der Automobilindustrie.

Der Verband der Automobilindustrie hat am 25. Januar seinen traditionellen Neujahrsempfang ausgerichtet. VDA-Präsident Matthias Wissmann gab auf der Veranstaltung einen Ausblick auf den künftigen Kurs der Automobilindustrie – unter aktuellen politischen Rahmenbedingungen. „Damit die deutsche Automobilindustrie auch künftig ihre internationale Wettbewerbsposition halten kann, braucht sie die Politik an ihrer Seite“, sagte Wissmann einleitend. „Es wird immer klarer, dass die Unternehmen auf eine umfassende Offensivstrategie setzen, die sich in zehn Punkten zusammenfassen lässt“:

  • Bis zum Jahr 2020 mehr als verdreifachen die Hersteller ihr Modellangebot an Elektroautos – von derzeit 30 auf knapp 100 Modelle. Schon 2019 wird der Elektroantrieb, als Plug-in-Hybrid oder rein batterie-elektrisch, in praktisch allen Baureihen vertreten sein.
  • Zweitens investiert die deutsche Automobilindustrie bis 2020 über 40 Milliarden Euro in alternative Antriebe. Dies ist eine große Kraftanstrengung, die Investitionen müssen aus dem laufenden Geschäft erwirtschaftet werden, also aus dem Verkauf von Autos mit Verbrennungsmotor. Wir können uns nicht – wie das mancher außerhalb der Branche meint – einfach aus einer Antriebsart „verabschieden“. Diese Industrie trägt Verantwortung für viele hunderttausend Beschäftigte. Es wird entscheidend darauf ankommen, wie sich die Märkte weltweit entwickeln.
  • Parallel zur Elektromobilität werden die klassischen Antriebe weiter entwickelt. Verbrauchssenkungen um 10 bis 15 Prozent sind drin. Wir sind davon überzeugt: Benziner und Diesel werden weiterhin gebraucht. Der Pkw-Weltmarkt wird bis zum Jahr 2020 auf 91 Millionen Neuwagen zunehmen. Das heißt: Der Absatz von Autos mit Verbrennungsmotor steigt, auch wenn der Anteil von Elektrofahrzeugen stärker wächst. Auch bei der E-Ladeinfrastruktur setzen die deutschen Hersteller ein Zeichen: BMW, Daimler und Volkswagen mit Audi und Porsche planen zusammen mit der Ford Motor Company ein Joint Venture für ein ultraschnelles Hochleistungsladenetz an Autobahnen in Europa. Im ersten Schritt sind 400 Standorte vorgesehen.
  • Wir schließen fünftens die letzten „Baustellen“ bei den Abgasemissionen: Ab dem Jahr 2017 werden mehr und mehr Pkw, die einen Benzinmotor mit Direkteinspritzung haben, mit Partikelfilter ausgerüstet. Damit lösen wir das Feinstaubproblem beim Benziner, das ja beim Diesel schon seit vielen Jahren nicht mehr besteht – dort ist der Partikelfilter serienmäßig montiert. Beim Diesel forcieren wir die Einführung der katalytischen Reduktion, SCR. Ende 2019 werden bereits 80 Prozent der Diesel-Pkw-Neuzulassungen mit der Technik arbeiten, zu Beginn der nächsten Dekade wird es nahezu jeder neu zugelassene Diesel-Pkw sein. Damit wird die Stickoxidfrage abschließend beantwortet.
  • Wir setzen siebtens auf erdölunabhängige „e-fuels“. Damit funktioniert eine CO2-neutrale Mobilität selbst beim Verbrenner, weil diese Kraftstoffe bei ihrer Produktion genau so viel CO2 binden, wie sie bei ihrer Verbrennung wieder abgeben. Noch sind die Kosten für einen solchen Kraftstoff hoch. Doch ein „zweiter Frühling“ für den Verbrenner ist durchaus denkbar.
  • Wir investieren, achtens, in die Digitalisierung – neben der Elektromobilität der zweite große Innovationstrend – in den nächsten drei bis vier Jahren 16 bis 18 Milliarden Euro.
  • Die deutsche Automobilindustrie ist, neuntens, bereits heute Patentweltmeister beim vernetzten und automatisierten Fahren: An allen seit 2010 weltweit erteilten Patenten auf diesem Feld hat sie einen Anteil von 58 Prozent. Diese Position wollen wir weiter ausbauen.
  • Und zehntens entwickeln wir innovative Konzepte für urbane Mobilität, um diese umweltschonender, sicherer, verlässlicher und effizienter zu gestalten. Dazu kooperiert die deutsche Automobilindustrie mit ausgewählten Städten. Zudem weiten die deutschen Hersteller ihre Car-Sharing-Angebote aus.

Handel mit den USA

Daneben sprach Wissmann über die aktuelle politische Lage – vor allem Donald Trump und seine Aussagen zu möglichen Importzöllen für deutsche Automobilhersteller standen dabei im Mittelpunkt: „Seit wenigen Tagen ist Donald Trump als 45. Präsident der Vereinigten Staaten im Amt – und nicht nur die deutsche Automobilindustrie muss sich auf eine neue Lage einstellen. Wir nehmen seine Äußerungen ernst. Keine Frage: Sollte es zu Einschränkungen des Nafta-Raumes kommen, so würden sie zunächst der US-Wirtschaft einen deutlichen Dämpfer geben. Aber auch der internationale Handel wäre betroffen.

Für die deutschen Automobilhersteller sind die Vereinigten Staaten nicht nur der zweitgrößte Exportmarkt, sondern auch ein wichtiger Produktionsstandort, von dem aus der Weltmarkt beliefert wird. In den vergangenen sieben Jahren haben wir unsere Light-Vehicles-Produktion dort auf 850.000 Einheiten vervierfacht. Mehr als die Hälfte der Fahrzeuge, die die deutschen Hersteller in den USA fertigen, werden exportiert. Die deutschen Zulieferer haben die Zahl ihrer Standorte in den USA deutlich erhöht. Das ist ein klares Zusage an den Standort USA.

Die deutsche Automobilindustrie beschäftigt dort im direkten Bereich 110.000 Mitarbeiter, davon 77.000 bei Zulieferern. Mit dem indirekten Bereich – zum Beispiel Handel und Werkstätten – sind es mehrere hunderttausend Mitarbeiter. Mit dem Aufbau von Zöllen oder Importsteuern würden sich die USA langfristig ins eigene Fleisch schneiden. Wer nur auf die automobile Handelsbilanz schaut, sieht nicht das gesamte Bild. Aussagekräftiger ist der Blick auf die Marktanteile. So haben die deutschen Hersteller in den USA einen Marktanteil von 7,6 Prozent (Vorjahr 8,0 Prozent). Umgekehrt ist der gemeinsame Marktanteil der Tochterunternehmen von Ford und GM in Deutschland zweistellig. Und ihre Chefs von Ford und Opel sind geschätzte Kollegen im VDA-Vorstand.

Was kommt nach dem Brexit?

Die Handelsbeziehungen zu Großbritannien thematisierte Wissmann ebenfalls: „Natürlich macht uns auch Großbritannien Sorgen. Der von Premierministerin May angekündigte „hard brexit“ birgt erhebliche Risiken – für UK ebenso wie für die gesamte EU. Mehr als die Hälfte der britischen Pkw-Exporte geht in die Europäische Union. Und die deutsche Automobilindustrie exportiert in kein anderes Land mehr Pkw als in das Vereinigte Königreich – 2016 waren es rund 800.000 Neuwagen, also knapp ein Fünftel unseres gesamten Pkw-Exports. Außerdem haben wir Produktionswerke in Großbritannien. Aus Sicht der deutschen Automobilindustrie muss alles getan werden, um den bislang ungehinderten Waren- und Dienstleistungsverkehr zwischen Großbritannien und den anderen EU-Ländern auch künftig zu ermöglichen. Aber: So wichtig das Vereinigte Königreich für uns als Markt ist, der Zusammenhalt der EU-27 und der damit verbundene Binnenmarkt sind für unsere Industrie von noch größerer Bedeutung“, erklärte Wissmann.

Insgesamt bewertete der VDA-Vorsitzende das Automobiljahr 2016 gut: Sowohl der US-Markt (17,5 Millionen Light Vehicles) als auch China (23,7 Millionen Pkw) erreichten neue Rekordniveaus, Westeuropa legte um sechs Prozent auf 14 Millionen Neuwagen zu – und werde im laufenden Jahr weiter wachsen – auf fast 85 Millionen Einheiten. Der Pkw-Inlandsmarkt erzielte im vergangenen Jahr mit rund 3,4 Millionen Neuzulassungen das höchste Niveau seit Beginn des Jahrzehnts, die Inlandsbeschäftigung stieg mit 815.000 Mitarbeitern sogar auf ein 25-Jahre-Hoch. Der Marktanteil deutscher Hersteller im Inland beträgt aktuell 70 Prozent, in Westeuropa 50 Prozent und in China 20 Prozent.

Als dringend notwendig bezeichnete Wissmann die Balance zwischen Klimaschutz und Industriepolitik. „Deutschland ist Industrienation, viele beneiden uns darum. Wenn wir diese Position halten wollen, darf Klimapolitik nicht das einzige Politikziel bleiben. Und schon gar nicht sollte es im nationalen Alleingang angefasst werden; der Lösungsansatz kann nur international erfolgen. Wir benötigen einen vernünftigen Ausgleich zwischen Klima- und Industriepolitik, eine Politik mit Augenmaß, auch mit Blick auf die Beschäftigung. Ein Verbot des Verbrenners zählt nicht dazu, ebenso wenig eine „Quotenregelung“ für Elektroautos, wie sie die Bundesumweltministerin fordert.“

Internationale Gäste

Neben Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt, der als Ehrengast zu den Gästen sprach, nahmen zahlreiche Staatssekretäre und Bundestagsabgeordnete an der Veranstaltung teil. Außerdem Botschafter und Gesandte aus Frankreich, Großbritannien, Österreich, Spanien, Portugal, der Tschechischen Republik, der Slowakischen Republik, Polen, Ungarn, Ukraine, China, Brasilien, Argentinien und Kolumbien.

Der VDA-Vorstand war vertreten mit Dr. Daniel Böhmer (Meiller), Dr. Elmar Degenhart (Continental), Gunnar Herrmann (Ford), Arndt G. Kirchhoff (Kirchhoff), Gertrud Moll-Möhrstedt (Akkumulatorenfabrik Moll), Dr. Karl-Thomas Neumann (Opel), Andreas Renschler (VW), Gero Schulze Isfort (Krone), Dr. Stefan Sommer (ZF), Prof. Rupert Stadler (Audi) und Dr. Stefan Wolf (Elring Klinger).

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