Absatzkrise VW China erlebt schlechtestes Halbjahr seit 16 Jahren

Von Henrik Bork 5 min Lesedauer

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Die Auslieferungen von VW in China brechen um 26 Prozent ein. Während der Verbrennermarkt insgesamt schrumpft, fehlen dem Konzern wettbewerbsfähige E-Autos – chinesische Analysten sehen die Ursachen in Wolfsburg.

Volkswagen versucht, mit speziell für China entwickelten Modellen auf dem dortigen Markt wieder erfolgreicher zu werden.(Bild:  Volkswagen AG)
Volkswagen versucht, mit speziell für China entwickelten Modellen auf dem dortigen Markt wieder erfolgreicher zu werden.
(Bild: Volkswagen AG)

Das Chinageschäft von VW befindet sich in einer Art freien Fall. Die Verkäufe der VW Group gingen in der Volksrepublik im ersten Halbjahr um 26 Prozent zurück, teilte das Unternehmen mit. Beobachter vor Ort sprechen von einem „Überlebenskampf“.

Die Volkswagen Group China – also Volkswagen und all seine Gemeinschaftsunternehmen – lieferte in den ersten sechs Monaten des Jahres 971.000 Fahrzeuge aus, heißt es in einer Presseerklärung von VW an Berichterstatter in Peking.

Es war das schlechteste Ergebnis seit 16 Jahren: Im ersten Halbjahr 2010 wurden chinesischen Berichten zufolge mit 950.300 Fahrzeugen noch weniger ausgeliefert. „Dem deutschen Autoriesen Volkswagen droht ein Überlebenskampf, den er sich nicht leisten kann zu verlieren“, kommentierte der chinesische Staatssender CCTV.

VW verweist auf schwachen Gesamtmarkt

VW sprach in seinem Pressetext von einem „anhaltend starken Gegenwind am Markt“. Tatsächlich haben die Neuverkäufe von Pkw im größten Automarkt der Erde in jüngster Zeit deutlich abgenommen.

„Mehrere Entwicklungen in der Branche haben die Kaufstimmung der Verbraucher gedämpft und die Nachfrage im Gesamtmarkt gedrückt, darunter Anpassungen der Subventions- und Steuerpolitik sowie der anhaltende Preiswettbewerb“, heißt es in der Mitteilung weiter.

Allerdings wurde aus Äußerungen von VW-Sprechern klar, dass der Konzern mit diesem Absatz sogar noch schlechter dastand als der chinesische Markt insgesamt. „Die Lage in China bleibt herausfordernd. Dort konnten wir uns einem erheblichen Rückgang des Gesamtmarktes um etwa 20 Prozent nicht entziehen“, zitierte die South China Morning Post Marco Schubert, Mitglied des erweiterten Konzernvorstands von Volkswagen für den Vertrieb.

Zu wenige elektrische Modelle im Angebot

Der Hauptgrund für das schlechte Ergebnis in China war, dass VW dort noch immer kaum E-Autos und Hybride verkauft, während chinesische Konkurrenten wie BYD, Geely und andere dieses wachsende Segment mit großem Abstand dominieren.

Während der Automarkt insgesamt schwächelte, war mit E-Autos in China weiterhin Geld zu verdienen – nur hatte VW da bislang viel zu wenig im Angebot. „Die Auslieferungen von Elektroautos, rein batterieelektrische Fahrzeuge und Plug-in-Hybride zusammengenommen, stiegen im ersten Halbjahr um 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 4,7 Millionen Einheiten. Das entsprach 54 Prozent aller Auslieferungen im Land“, teilte der Branchenverband CPCA mit.

Bezeichnenderweise nannte VW noch nicht einmal Verkaufszahlen für E-Autos und Hybride in China im genannten Zeitraum. Vermutlich waren sie zu schlecht, um sie in der Presse zu zeigen. Stattdessen behauptet VW, auf den Wandel zur Elektromobilität in China bereits „gut vorbereitet“ zu sein. „Mehr als 20 NEV-Modelle (New Energy Vehicles) kommen in diesem Jahr auf den Markt“, so die Presseabteilung in China. NEV ist in China der Sammelbegriff für Autos mit alternativen Antrieben, also vorwiegend batterieelektrische Autos und Plug-in-Hybride.

Die Behauptung, der „NEV-Absatz des Konzerns insgesamt“ sei im zweiten Quartal dieses Jahres „deutlich gegenüber dem Vorquartal“ gestiegen, war daher nicht verifizierbar. Vermutlich wuchs der Verkauf von NEV der VW-Gruppe in China von einer kleinen Basis aus.

VW ID 4 verkauft sich in China kaum

Wer nach mehr Informationen suchte, wurde im E-Autoportal Dianchang fündig, das dem VW-Fiasko eine längere Analyse widmete. „Volkswagens Elektroautos mögen in Europa noch recht ordentlich abschneiden. In China jedoch treten ihre Schwächen sofort zutage. Nach seinem Europastart verkaufte sich der ID 4 in den ersten zwei Monaten 12.100-mal. Damit war er eines der meistverkauften Elektroautos Europas. Auf dem ungleich größeren chinesischen Markt blieben die kumulierten Verkäufe in den ersten zwei Monaten dagegen unter 3.000 Einheiten“, schrieb das auf E-Autos spezialisierte Online-Medium.

Auch das Verbrennergeschäft schwächelt

Ein einziger Lichtblick für VW in China war der Verbrennermarkt. Man habe in der ersten Jahreshälfte seine „führende Position im chinesischen Verbrennersegment gefestigt“ und dort einen Marktanteil von mehr als 22 Prozent erreicht, teilte VW mit.

Doch auch hier war das ungeschönte Gesamtbild komplizierter. „Noch beunruhigender ist, dass auch Volkswagens Verbrennergeschäft schwächelt. 2025 lieferte Volkswagen in China etwa 2,7 Millionen Fahrzeuge aus, ein Rückgang um acht Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Marktanteil fiel auf knapp elf Prozent. Der Abstand zu BYD wuchs, und Geely zog erstmals an Volkswagen vorbei", berichtete Dianchang.

„2026 verschlechterte sich die Lage weiter. Während Chinas Verbrennermarkt insgesamt weiter schrumpfte, lieferte Volkswagen im ersten Quartal nur 548.700 Fahrzeuge aus, ein Minus von 14,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr“, so das Autoportal.

Während also das traditionelle Geschäft mit Benzinern in China – wenngleich noch immer groß – weiter schrumpft, sind die Profite aus dem großen „Product Push“ mit neuen NEV, den VW für das laufende Jahr verspricht, bisher nicht in Sicht.

China bleibt wichtigster Einzelmarkt

Das ist für VW aus verschiedenen Gründen schlecht: Etwa 30 Prozent seiner weltweiten Auslieferungen entfielen 2025 auf China, das trotz aller Schwierigkeiten der wichtigste Einzelmarkt des Konzerns bleibt, wie aus dem eigenen Geschäftsbericht hervorgeht.

Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem viel über mögliche Massenentlassungen und Werksschließungen bei VW in Deutschland gesprochen wird, kollabiert das notwendige Chinageschäft. „Weil die Gewinne im Verbrennergeschäft schrumpfen und die Elektroautos das bislang nicht ausgleichen, beginnt Volkswagens Gewinnbasis in China wegzubrechen“, fasst Dianchang die unschöne Diagnose zusammen.

Chinesische Beobachter loben Bemühungen

Bei der Suche nach den Gründen für diesen freien Fall sind die chinesischen Beobachter übrigens sehr fair. Sie stellen heraus, dass Volkswagen in den vergangenen Jahren viel unternommen habe, um das gefährliche Versagen im Wettbewerb um E-Autos und Hybride wieder wettzumachen.

Volkswagen habe sich in China keinen Stillstand erlaubt, lobt etwa Dianchang. Der Konzern habe sich an Xpeng beteiligt und Volkswagen Anhui gegründet. Mit Xpeng habe man auch vereinbart, zwei E-Autos der Marke Volkswagen eigens für China zu entwickeln.

„Der Konzern hat seinen chinesischen Einheiten größere Entscheidungsbefugnisse eingeräumt und zugleich enge Partnerschaften mit Horizon Robotics, Momenta und Huawei geschlossen“, schreibt Dianchang weiter.

Trotz allem sei die Technik von VW in der neuen Ära des elektrischen und intelligenten Fahrens in China bislang „nicht wettbewerbsfähig“, lautet das harte, aber durch den Absturz bei den Auslieferungen gedeckte Urteil.

Ursachen liegen an Konzernstruktur

Interessanterweise sehen chinesische Autoexperten die Probleme von VW, die zu diesem Rückstand gegenüber der Konkurrenz geführt haben, in mancherlei Hinsicht klarer als viele deutsche Kommentatoren. Vielleicht liegt das am Abstand oder auch daran, dass man in China die Gefahren von Regierungsbeteiligungen an Unternehmen sehr gut kennt.

Die Eigentumsstrukturen bei VW in Wolfsburg hätten dem Unternehmen zur Hochzeit der Ottomotoren Stabilität verschafft, verhinderten jedoch die für die Ära der E-Mobilität nötige Agilität bei schmerzhaften Entscheidungen in der Krise.

In Deutschlands Medien wird die Situation derzeit oft als „China-Schock“ bezeichnet – also die Schuld an der Misere der eigenen Autoindustrie auf die Chinesen geschoben. Im etwa 9.000 Kilometer entfernten China sieht man die Probleme von VW eher in Wolfsburg liegen.

„Mit seinem Stimmrechtsanteil von 20 Prozent hat das Land Niedersachsen faktisch ein Vetorecht. Zudem können zehn Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat von Volkswagen wichtige Entscheidungen blockieren, die Werke und Beschäftigung betreffen“, erinnert Dianchang die chinesischen Leser.

Konfrontiert mit einer viel langsamer als erwartet fortschreitenden Elektrifizierung in seinem Heimatmarkt, habe das Management von VW immer wieder versucht, Kosten zu sparen und politisch unangenehme Maßnahmen durchzusetzen. Ohne Erfolg, wie Dianchang beobachtet. Immer wieder hätten CEOs bei VW versucht, Überkapazitäten in Europa abzubauen. „Jeder Vorschlag, der Werke oder Arbeitsplätze berührte, löste jedoch langwierige und politisch aufgeladene Verhandlungen aus“, heißt es in der Analyse aus China.

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