Performance-Segment Was die Transformation aus der Tuningbranche macht

Autor / Redakteur: sp-x / Nick Luhmann

Mit dem nahenden Ende des Verbrenners, dem drohenden Tempolimit und dem Sinneswandel der Autofahrer ändert sich auch das Geschäft für Abt, Alpina oder Brabus.

Brabus G900 / Rocket Edition
Brabus G900 / Rocket Edition
(Bild: Brabus)

Andreas Bovensiepen hat gut lachen. Denn Leistung läuft und noch nie hat der Alpina-Chef so viele Autos verkauft wie in diesem Jahr. Statt wie üblich um die 1.600 Fahrzeuge werden sie 2021 zum ersten Mal über 2.000 veredelte BMW-Modelle auf die Straße bringen, freut sich Bovensiepen.

Dieser Erfolg fußt vor allem auf dem neuen XB7 – einer Powerversion des BMW X7, die mit 621 PS und einer auf 290 km/h angehobenen Höchstgeschwindigkeit punktet und exemplarisch für das Konzept des Veredlers steht. Denn ging es früher vor allem darum, die gegenüber den Serienversionen schnelleren M-Modelle zu bauen, die eher auf der Autobahn als auf der Rennstrecke zu Hause sind, befriedigt Alpina zunehmend jene Kundenwünsche, die bei BMW mittlerweile ins Leere laufen – denn zu einer M-Version des X7 konnten sich die Münchner bislang nicht durchringen.

Wir bieten ein Erlebnis, das mehr Dimensionen hat als nur das sportliche Fahren.

Christian Abt

Diesel-Motoren als Alleinstellungsmerkmal

Und seitdem es Autos wie den M550d oder X5 50d nicht mehr gibt, hat Alpina mit seinem potenten, von vier Turbos beatmeten Diesel ein Alleinstellungsmerkmal, das Bovensiepen reichlich Umsatz bringt: „Immer wieder bitten uns die Kunden, dem Diesel ja die Treue zu halten.“ Schon möglich, dass das allgemeine Image des Selbstzünders in den letzten Jahren gelitten hat. Aber für die Viel- und Schnellfahrer bei Alpina ist er nach wie vor die erste Wahl.

Doch der Alpina-Chef weiß, dass es womöglich nicht ewig so weitergehen wird. Denn natürlich ist er auf die Basis-Motoren von BMW angewiesen, und auf den guten Willen der EU, mit der er als Kleinserienhersteller genau wie McLaren oder Aston Martin seine eigenen CO2-Ziele ausgehandelt hat. „Wir werden uns deshalb wohl oder übel auch mal Plug-in-Hybride und später sogar Elektroautos anschauen müssen, wenn wir eine Zukunft haben wollen“, räumt er ein.

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Passen E-Autos zu Alpina?

Dumm nur, dass diese Technik nicht so ganz zu den Markenwerten der Allgäuer passen. „Denn Alpinas werden vor allem von Vielfahrern gekauft, die auf der Autobahn mit hohem Tempo unterwegs sind.“ Und sowohl das viele Fahren als auch das hohe Tempo sind bei Elektroautos nahezu ausgeschlossen – jedenfalls, wenn man beides zur gleichen Zeit haben will.

Doch womöglich nimmt ihm die Politik zumindest dieses Problem bald ab: „Wenn wir tatsächlich ein Tempolimit bekommen sollten, entschärft sich zumindest das Reichweitenproblem und der Elektroantrieb wird auch für uns etwas interessanter.“

Abt kann Elektro

Ein paar Kilometer weiter im Südwesten wälzt Christian Abt die gleichen Probleme. Zwar gibt es unter den Tunern keinen, der so viel Erfahrung hat mit E-Mobilität wie die Mannschaft aus Kempten. Schließlich gehört Abt zu den Gründungsmitgliedern der Formel E, ist auch in der Offroad-Serie Extreme E am Start und baut für VW die Elektroversionen von Caddy und Transporter. Doch im Tuning-Geschäft haben sie von E-Motoren und Akkus bislang die Finger gelassen.

Abt weiß, dass die Zeit für heiß gemachte Benziner und Diesel endlich ist und registriert ein nachlassendes Interesse an Fahrwerksumbauten, Breitreifen und anderem Zierrat. Deshalb rücken die Allgäuer zunehmend Gesamtfahrzeuge in den Fokus, die nicht allein von ihrer Leistung Leben. „Wir machen das Auto zum Gesamtkunstwerk und bieten ein Erlebnis, das mehr Dimensionen hat als nur das sportliche Fahren.“ Der RSR auf Basis des Audi RS6 war so ein Beispiel und ermutigt von dessen Erfolg haben sie jetzt auf dieser Basis noch einmal die „Johann-Abt-Signature-Edition“ nachgelegt.

Dabei haben sie die Leistung nicht nur auf 800 PS gesteigert, mit einem maximalen Drehmoment von 1.000 Nm den Sprintwert auf 2,9 Sekunden verkürzt und das Spitzentempo auf 330 km/h angehoben. Zum Tuning gehören auch ein Exterieur-Paket mit reichlich Sichtkarbon für Schweller und Spoiler sowie eine vornehme Lederausstattung im Innenraum. Außerdem prangt auf der Mittelkonsole eingegossen in Kunstharz ein Stück von jenem Amboss, mit dem die Abt-Geschichte vor 125 Jahren als Schmiede begonnen hat.

Obwohl allein der Umbau 109.000 Euro kostet und das Gesamtfahrzeug am Ende mit 260.000 Euro kalkuliert wird, geht die Rechnung offenbar auf: Denn kaum war der edle Rennkombi vorgestellt, waren die 64 Exemplare der Kleinserie auch schon verkauft und in Kempten denken sie längst über das nächste Gesamtkunstwerk nach.

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