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Mann+Hummel

„Wir sind breit aufgestellt“

| Autor/ Redakteur: Das Interview führten Jürgen Goroncy und Wilhelm Mißler. / Jürgen Goroncy

Wie steuert Mann + Hummel durch die raue See? Dr. Dieter Seipler, Vorsitzender der Geschäftsführung, nimmt Stellung zu steigenden Materialkosten, den Chancen alternativer Antriebe sowie den Herausforderungen in Asien und auf dem Arbeitsmarkt.

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»Automobil Industrie«: Bisher machen vor allem in Schieflage geratene Automobilhersteller Schlagzeilen. Stecken aber nicht sehr viel mehr Zulieferer in Schwierigkeiten, als wahrgenommen wird?

Dr. Dieter Seipler: Die Umsätze der Zulieferer waren im Jahr 2008 – über die Gesamtheit – noch ganz ordentlich. So auch bei uns. Wir sind international sehr stark im Automobilgeschäft und dem Maschinenbau tätig. Die aktuelle Krise hat spürbare Auswirkungen auf die Automobilbranche und demzufolge auch auf uns. Unser Ergebnis liegt deshalb für 2008 deutlich unter Plan.

Gleichwohl profitieren wir heute von der soliden Geschäftspolitik der vergangenen Jahre. Unser Unternehmen ist gesund, hat eine geringe Fremdfinanzierung und ist daher von den höheren Auflagen im Kreditsektor nicht betroffen. Aber wie alle Unternehmen mit hohem Materialkostenanteil konnten auch wir die Preissteigerungen nicht in vollem Umfang an unsere Kunden weitergeben. Wenn dann die Margen nicht hoch genug und andere Geschäftsfelder nicht vorhanden sind, rutschen solche Unternehmen schnell in rote Zahlen. Mann+Hummel kommt zugute, dass wir neben dem Pkw- und Nutzfahrzeugbau auch im Ersatzteilgeschäft und bei Industriefiltern gut und breit aufgestellt sind. Auch eine weltweit ausgewogene Produktionsstruktur stärkt die Krisenfestigkeit.

»AI«: Hat Mann+Hummel die unlängst ausgerufenen 16 Prozent Rendite auf das eingesetzte Kapital erreicht?

Seipler: Diese Marke hatten wir 2007 erreicht. Wir setzen uns auch weiterhin hohe Ziele, um unsere Eigenfinanzierung langfristig abzusichern. Aber 2008 werden wir unter das Niveau vom Vorjahr fallen.

»AI«: Wie will Ihr Unternehmen die steigenden Rohstoffpreise kompensieren?

Seipler: Zwar sind die Rohölpreise kurzfristig gesunken und derzeit auf niedrigem Niveau. Von einer Entspannung bei den Energiepreisen und bei Kunststoffgranulat kann jedoch keine Rede sein. Preissteigerungen bis zu einem mittleren zweistelligen Prozentwert waren nicht aufzuhalten. Wir stellen uns daher folgende Aufgaben: unsere Wettbewerbsfähigkeit stetig und konsequent zu erhöhen, unsere Prozesse in allen Bereichen kontinuierlich zu optimieren und weitere Potenziale für Kosteneinsparungen auszuloten. In der Entwicklung achten wir auf Material sparende Konstruktionen. Außerdem recyceln wir intensiv die Werkstoffe und führen Überproduktionen wieder in den Kreislauf zurück.

»AI«: Wie hoch ist denn der Anteil des Granulats an den Produkt- oder Gesamtkosten?

Seipler: Bei Kunststoffkomponenten macht das Granulat die Hälfte oder noch mehr an den Produktkosten aus. Bei den Modulen hat das Rohmaterial nur einen sehr geringen Anteil. Vor allem bei kleinen Stückzahlen – etwa für Nischenfahrzeuge.

»AI«: Wie würden sich ein steigender Ottomotor-Anteil und stark rückläufige Absatzzahlen beim Diesel auf Ihr Geschäft auswirken?

Seipler: Moderne Ottomotoren mit Aufladung und Hochdruck-Einspritzung benötigen ähnliche Filter wie aktuelle Dieselmotoren. Von daher wird der Know-how-Transfer nicht allzu schwierig sein. Zudem sieht Mann+Hummel zwischen Turbolader und Ansaugtrakt noch einige interessante Produkte. Die Frage ist, ob von der Diesel-Flaute unbedingt der Ottomotor profitiert oder nicht eine ganz andere Technik.

»AI«: An was denken Sie da?

Seipler: Einen gewissen Anteil werden künftig ohne Zweifel Elektroantriebe für kleine Stadtautos übernehmen. Besonders in Nordamerika könnten Elektrofahrzeuge früher als gedacht zum Einsatz kommen, um die hohen Kraftstoffverbräuche der bisherigen Flotte zu drücken. In diesem Segment wird Mann+Hummel natürlich mitmischen.

Mit welchen Produkten?

Schauen Sie sich die Batterien an. Diese werden gekühlt, belüftet und weisen Membranen und diverse Kunststoffteile auf.

»AI«: Reichen diese Umfänge aus, um langfristig zu erwartende Rückgänge bei Ansaugkomponenten und Flüssigfiltern zu kompensieren?

Seipler: Wir sehen hier genügend Potenzial. Außerdem sind künftige Elektroantriebe für größere Reichweiten mit einem zusätzlichen Verbrennungsmotor ausgerüstet, der im Bedarfsfall die Energiespeicher auflädt und als Range Extender fungiert. Zudem hat Mann+Hummel auch Erfahrungen mit Komponenten für Brennstoffzellen gesammelt. Wir rechnen jedoch nicht damit, dass sich Antriebskonzepte mit Brennstoffzellentechnik vor 2020 durchsetzen werden.

»AI«: Werden Sie für die neuen Geschäftsfelder auch Akquisitionen tätigen?

Seipler: Abhängig von den künftigen Szenarien haben wir schon gewisse Pläne. Konkrete Partner oder Akquisitionen sind aber noch nicht in Sicht. Wir wollen uns in der Vorentwicklung zuerst ein gewisses Basis-Know-how aneignen, bevor wir dann gezielt Know-how von außen ins Haus holen.

»AI«: Welche Rolle spielen Low Cost Cars für Mann+Hummel?

Seipler: Wir sind auch in diesem Segment aktiv, etwa beim Dacia Logan. Allerdings erwarten wir dort keine überproportionalen Deckungsbeiträge. Viel wichtiger sind uns Sekundäreffekte wie die optimale Materialauswahl und günstige Konstruktions- und Produktionsprinzipien.

»AI«: Welche Bedeutung hat der Ferne Osten, speziell China?

Seipler: Asien sehen wir als strategisch bedeutsamen Wachstumsmarkt. Am Jahresende haben wir in Indonesien, Malaysia, den Philippinen, Taiwan und Vietnam fünf neue Repräsentanzen eröffnet. Schon seit 2002 und 2003 sind wir in China mit zwei Joint Ventures aktiv. Das erste haben wir inzwischen komplett übernommen. Da die anfänglich guten Verkaufspreise inzwischen unter Weltmarktniveau liegen, darf man aber keine exorbitanten Erlöse erwarten.

»AI«: Wie stark leiden Sie dort unter Produktpiraterie?

Seipler: Bei Erstausrüstungsprodukten ist das kein Problem. Bei Ersatzteilen müssen wir leider immer wieder gegen teilweise sehr dreiste Fälschungen vorgehen.

»AI«: Wie begegnet Mann+Hummel dem künftigen Fachkräftemangel?

Seipler: Nicht jeder Ingenieur will in einem Großunternehmen arbeiten. Mancher sieht bei Mittelständlern bessere Entwicklungs- und Karrierechancen. Wir versuchen jetzt verstärkt, den Studenten Mann+Hummel als attraktiven Arbeitgeber nahe zu bringen. In anderen Regionen wie Nord- und Südamerika ist der Arbeitsmarkt aktuell deutlich entspannter. In aufstrebenden Märkten wie China ist die Loyalität mit dem Arbeitgeber noch deutlich weniger entwickelt, weshalb wir dort gezielt unsere Bindungskraft erhöhen.

Zur Person

Dr. Dieter Georg Seipler, 62, hat in Darmstadt Physik studiert und promovierte am Institut für Festkörperphysik. 1977 begann seine berufliche Laufbahn bei der Robert Bosch GmbH in Reutlingen. Nach einigen Stationen in der Bosch-Gruppe wurde er 1998 zum Vorsitzenden des Vorstands der Kolbenschmidt Pierburg AG berufen. Seit dem 1. November 2001 ist Dieter Seipler Vorsitzender der Geschäftsführung der Mann+Hummel GmbH.

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