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Leichtbau-Gipfel 2017 „Wir unterliegen einem fatalen Innovationsversagen“

| Autor: Svenja Gelowicz

Innovationen sind immer radikal und fordern einen Kulturwandel in den Unternehmen. Warum das so ist, erklärte Dr. Ulrich W. Schiefer von Attrack auf dem Leichtbaugipfel.

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Dr. Ulrich W. Schiefer, Gründer der Entwicklungs- und Beratungsgesellschaft Attrack GmbH, referierte auf dem Leichtbaugipfel zu Innovationen.
Dr. Ulrich W. Schiefer, Gründer der Entwicklungs- und Beratungsgesellschaft Attrack GmbH, referierte auf dem Leichtbaugipfel zu Innovationen.
(Bild: Stefan Bausewein)

Innovationen kommen in die Welt und setzen sich gegenüber dem Wissensstand durch, indem sie ihn zerstören. Dr. Ulrich W. Schiefer, Gründer der Entwicklungs- und Beratungsgesellschaft Attrack GmbH, stellt mit dieser Aussage gleich zu Beginn seines Vortrags fest, dass es keine nichtradikalen Innovationen gibt. Und innoviert werden könne grundsätzlich in jedem Geschäftsbereich. „Bei erfolgreichen Unternehmen passen Kultur und Unternehmenszweck zusammen“, erklärt Schiefer, und die eine, ideale Innovationskultur gebe es nicht.

Warum überhaupt Innovation, wenn das, was man aktuell macht, gut gelingt? Langfristig erfolgreiche Unternehmen hätten laut Schiefer ein Immunsystem entwickelt, welches die eigene Marke schützt. „Es ist in solchen Konzernen nicht erlaubt, fundamentale Markenwerte in Frage zu stellen. Will jemand an diesen Kernwerten drehen, greifen die Fresszellen an“, veranschaulichte Schiefer. Diese Zwistigkeit sei ein wesentliches Problem. Denn: „Es ist gefährlich, die Immunschwelle pauschal herabzusetzen. Aber gar keine Öffnung verhindert jegliche Innovation.“

Er plädiert für eine Art selektive Firewall. Das heißt: Innovationen zulassen und dabei den Markenkern bewahren, also ohne all das, was die Organisation gelernt hat, in Frage zu stellen. „Die Immunschwelle als selektive Firewall ist der Kulturwandel für gelingende Innovation – wer das schafft, ist innovativ“, konstatiert Schiefer.

„Wir brauchen dringend zentrale Innovationsstrategien“

Und die Zeit für Innovationen sei reif: „Nie war der Änderungsdruck größer als jetzt“, sagt Schiefer. Entlang der ganzen Prozesskette gebe es Treiber: Ob IoT, Big Data oder eben autonomes Fahren – „Das sind ganz neue Paradigmen“. Dementsprechend änderten sich die Absatzformen und das Nutzerverhalten; und diese gelte es zu orchestrieren. Denn einzelne Genies – er nennt Carl Benz als Beispiel – könnten es künftig nicht mehr richten.

Stattdessen müssten bestehende Kontexte in Frage gestellt; eine strukturierte Bedarfserkennung und –Deckung implementiert werden. Schiefer sieht hier in Europa noch große Defizite. „Ich glaube, wir unterliegen einem fatalen Innovationsversagen. In Japan oder Amerika gibt es eine zentrale Innovationssteuerung. Das fehlt uns hier“, so Schiefer. „Warum hat Europa keinen Batteriehersteller oder eine Suchmaschine?“ Hier brauche man eine höhere Sicht auf die Dinge in Form von staatlichen Innovationsstrategien.

Mitarbeitern die Angst nehmen

Änderungen machen dem Mensch Angst; obwohl dieser eigentlich neugierig ist, erklärt Schiefer: „Wenn Sie innovieren wollen, müssen Sie Mittel gegen die Angst der Menschen finden.“ Sonst laufe man auf Dauer gegen diese starke Selbsterhaltungsbarriere auf Individualebene. Mittel gegen die Angst gebe es: „Wir brauchen eine Fehlertoleranz anstelle eines Schadentisches“, fordert Schiefer. „Wenn ein Mitarbeiter einen Sprung aus großer Höhe wagt, dann muss ihn auch einer auffangen.“ Vertrauenskultur, Teamorientierung und Kodizes sind für Schiefer wesentliche Innovationstreiber. Vor allem letztere werden für ihn noch vernachlässigt, gerade in puncto Interaktion von Mensch und Maschine.

Ein wesentliches Instrument, um Innovationen voranzubringen, ist für Schiefer Virtual Reality – auch als Demokratisierungswerkzeug. Ulrich Schiefer: „Der Kunde wird dadurch mündiger. Er kann Produkte wahrnehmen, die es heute noch gar nicht gibt. Und kommt dann vielleicht mit viel dezidierteren Wünschen zu Ihnen zurück.“

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Über den Autor

 Svenja Gelowicz

Svenja Gelowicz

Autojournalistin