Interview ZF-Chef Sommer: „Wir stellen uns dem Wettbewerb“
Dr. Stefan Sommer, Vorsitzender des Vorstands der ZF Friedrichshafen AG, über das Ausbalancieren von Produktionskapazitäten, Einsparungen im Materialeinkauf, Herausforderungen der Mega-Baukästen und die Umsatzprognose für 2013.
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Die Einschläge in der Automobilindustrie kommen näher. Wie hoch ist die aktuelle Kapazitätsauslastung bei ZF und wie entwickeln sich die Auftragseingänge?
Die Auftragseingänge sind sehr heterogen. Im Pkw-Premiumsegment zum Beispiel ist das Wachstum weiter nahezu ungebremst, während wir im Nutzfahrzeuggeschäft eigentlich in allen Märkten Rückgänge verzeichnen – Nordamerika ausgenommen. So liegt unsere größte Herausforderung derzeit darin, die Rückgänge aus den schwachen Segmenten mit den Divisionen auszubalancieren, in denen wir nach wie vor zweistellig wachsen.
Wie gehen Sie da vor?
Wir bemühen uns, freie Kapazitäten mit stark nachgefragten Produkten zu belegen. Zum Beispiel nutzen wir Fertigungsanlagen von Nutzfahrzeug-Produkten für Pkw-Komponenten. Die Wertschöpfungsstruktur ist ja im Wesentlichen gleich. Lediglich die Dimension der Bauteile unterscheidet sich. Das stellt zwar im Detail nicht immer das Optimum dar, ist aber immer noch besser als auf der einen Seite vollumfänglich zu investieren und auf der anderen Seite plötzlich Leerlauf in den Kapazitäten zu haben.
Wie flexibel sind Ihre Unterlieferanten an dieser Stelle?
Wir unterstützen unsere Lieferanten, wo wir können, erwarten dafür aber auch eine gewisse Flexibilität – und dass sie ihre Beiträge zu den von unseren Kunden geforderten jährlichen Preisnachlässen liefern. Wir gehen dabei jedoch nicht übermäßig aggressiv vor. Im Durchschnitt erwarten wir ein Prozent weniger als man auf der anderen Seite von uns verlangt.
Dennoch wollen Sie bis Ende 2014 im Einkauf 500 Millionen Euro einsparen – mit welchen Maßnahmen?
Um die starke Kundennachfrage bedienen zu können, müssen wir enorme Investitionen in neue Werke und Produktionsanlagen stemmen. Durch diese Vorleistungen nimmt der Druck auf unser Ergebnis deutlich zu, sodass wir uns gezwungen sehen, diesen Druck maßvoll an unsere Lieferanten weiterzugeben. Die genannten Einsparungen ergeben sich hauptsächlich aus den höheren Skaleneffekten durch die Bündelung von Einkaufsvolumina und einer damit höheren Auslastung unserer Lieferanten. Einen weiteren Hebel sehen wir in der Standardisierung unseres Lieferanten- und Cash-Managements: Statt mehrerer dezentraler Einkaufspartner erhalten die Lieferanten jeweils einen zentralen Verhandlungspartner und standardisierte Einkaufsbedingungen. Dazu gehören auch einheitliche Zahlungsziele, die bislang erheblich variierten.
Auch die Anzahl der Zulieferer wollen Sie reduzieren. Zuletzt war von nur noch 2.000 statt bislang 3.500 Lieferanten die Rede.
Auf eine fixe Zahl möchte ich mich nicht festlegen. Fakt ist, dass wir in der Vergangenheit sehr viele lokale Lieferanten hatten, bedingt durch unsere lokale Fertigungsstruktur. Es wird für den ZF-Konzern aber immer wichtiger, dass auch unsere Zulieferer weltweit lieferfähig sind – Produktionsmaterial in gleicher Güte also nicht nur in Europa, sondern auch in Asien oder Nord- und Südamerika liefern können. Zulieferer, die nicht vollständig diese Erwartungen erfüllen, werden wir mittelfristig zur Disposition stellen. Wir können es uns schlichtweg nicht leisten, für drei Regionen drei unterschiedliche Lieferantennetzwerke aufzubauen. Darüber hinaus müssen wir uns mit den Lieferanten noch intensiver auseinandersetzen, etwa um zu wissen, ob sie mit ihren Portfolios überproportional in rückläufigen oder in wachsenden Märkten unterwegs sind. Nur dann können wir verdeckte Risiken in den Lieferantenketten weitgehend ausschließen.
Die Umsatzprognose von rund 17 Milliarden Euro für 2012 haben Sie jüngst bestätigt. Wie ist Ihr Ausblick auf 2013?
Prozentual gehen wir 2013 nach wie vor von einem zweistelligen Wachstum aus. Das ist im Wesentlichen durch neu anlaufende Projekte untermauert. Zum Beispiel werden wir im nächsten Jahr unser Getriebewerk in South Carolina (USA) ans Netz nehmen. Absolut wird unser Umsatz jedoch gleichbleiben, weil uns die Bilanzierungsregeln nach IFRS nicht länger erlauben, die ZF Lenksysteme GmbH – unser 50:50-Joint-Venture mit Bosch – zu konsolidieren. Das heißt, wir verlieren rund zwei Milliarden Euro Umsatz; exakt die Summe, um die wir in den verbleibenden Geschäftsfeldern wachsen wollen.
Von außen sieht es also so aus, als würde ZF im nächsten Jahr eine Wachstumspause einlegen?
Ja, tatsächlich aber erhöhen wir unseren Umsatz um rund zwei Milliarden Euro. Unser Anteil an der ZF Lenksysteme GmbH wird künftig als Beteiligungsergebnis ausgewiesen.
Wie bereiten Sie sich auf die prognostizierten Produktionsrückgänge in Europa vor?
Wir werden flexible Arbeitszeitmodelle nutzen und die Mitarbeiter zum Beispiel Zeitkonten abschmelzen lassen. Dieses gewissermaßen atmende Modell hat sich als wirksamer Puffer für Phasen stärkerer und weniger starker Auslastung der Produktion erwiesen.
Erwarten Sie 2013 eine neuerliche Konsolidierungswelle?
Der aktuell schwierige Markt im Pkw-Volumensegment kann Zulieferer, die vor allem hier tätig sind, im kommenden Jahr vor noch größere Herausforderungen stellen. Möglich, dass damit nicht alle Zulieferer fertig werden. Aber mit einer regelrechten Konsolidierungswelle wie in den Jahren 2009/2010 rechnen wir nicht.
Um im Umsatz noch einmal einen richtigen Sprung zu machen, müssten die OEMs Geschäfte abgeben. Rechnen Sie damit?
Existierende Kapazitäten in angestammten Märkten werden die OEMs nicht so schnell abgeben. Aber in neuen Märkten sehe ich durchaus den Trend, dass sich unsere Kunden auf starke Partner vor Ort wie ZF abstützen. Diese Volumenbündelung ist günstiger, als eine Lokalisierung mit kleinen Volumina aufzubauen.
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