Automobilzulieferer „Insolvenzen sind wichtig für das Wirtschaftsleben“

Von Thomas Günnel

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Die deutschen Zulieferer sind vergleichsweise gut durch das Jahr 2022 gekommen; stellt das Beratungsunternehmen Falkensteg fest – sieht aber mehr Insolvenzen in 2023. Was können die Lieferanten tun?

Obwohl die deutschen Automobilzulieferer gut durch das Jahr 2022 gekommen sind, könnte es laut der Unternehmensberatung Falkensteg in diesem Jahr proportional mehr Insolvenzen geben.
Obwohl die deutschen Automobilzulieferer gut durch das Jahr 2022 gekommen sind, könnte es laut der Unternehmensberatung Falkensteg in diesem Jahr proportional mehr Insolvenzen geben.
(Bild: AUDI AG)

„Zumindest bei den Insolvenzen bewegt sich die Automotive-Branche deutlich gegen den deutschen Trend. Während die Großinsolvenzen in Deutschland mit 217 Fällen um fast 30 Prozent gegenüber 2021 anstiegen, blieben sie bei den Autozulieferern mit 31 Anträgen gegenüber 30 im Vorjahr fast konstant.“ Zu diesem Fazit kommt Jonas Eckhardt, Partner der Unternehmensberatung Falkensteg. Betrachtet wurden Lieferanten mit einem Umsatz von mehr als zehn Millionen Euro.

Die Unternehmenspleiten liegen laut Eckhardt und seinem Team in dieser Branche aber deutlich über den Antragszahlen vor der Corona-Pandemie. Damals zählten die Amtsgerichte zwischen 16 bis 20 Anträge pro Jahr – ein historisches Tief. „Wir erleben gerade eher einen leichten Aufwärtstrend. Aber noch ist keine Insolvenzwelle zu sehen“, sagt Jonas Eckhardt.

Geld kostet wieder deutlich mehr Geld.

Jonas Eckhardt, Falkensteg

Insgesamt zeigen sich die deutschen Unternehmen laut Eckhardt angesichts der vielen Krisen robuster als erwartet. Das Gießkannenprinzip der staatlichen Hilfsprogramme, die stetigen Eingriffe in das Insolvenzrecht und nicht zuletzt, die Hoffnung auf den Retter in der Not, „verzerren jedoch das reale Bild der Branche“.

Zu den größten Unternehmen die Insolvenz anmelden mussten gehören der Hersteller für akustische Bauteile Borgers, die Schneider-Gruppe, die Produkte für den Innenraum produziert, der Chemiefaserhersteller Cordenka, der Komponentenhersteller Rüster und der Blechbearbeiter Kohl Automotive. Borgers wird aktuell von Autoneum übernommen. Der Zulieferer sitzt in der Schweiz und fertigt Produkte für Akustik- und Wärmemanagement.

Mehr Umsatz für Finanzierungskosten benötigt

Die Hauptursachen für ihre wirtschaftlichen Schwierigkeiten benennen die Unternehmen wenig überraschen mit: Chipkrise, die Lieferkettenabrisse durch die chinesische Null-Covid-Politik, und die explodierenden Energie-, Beschaffungskosten. Außerhalb der Automobilindustrie spielen zudem gestiegene Verbraucherpreise eine Rolle.

In diesem Jahr dürften neue Krisenursachen für weiteren Druck sorgen. Die Kaufzurückhaltung der Kunden und das Auslaufen von Subventionen bei Elektroautos drücken auf die Stimmung. Der Zinseffekt wird laut Eckhardt bei Finanzierungen kräftig durchschlagen. „Geld kostet wieder deutlich mehr Geld. Ein relevanter Teil der Umsätze wird künftig wieder für Finanzierungskosten aufgewendet werden müssen. Geschäftsmodelle, die bisher kaum Rendite erwirtschafteten, werden das nicht schaffen.“

Bei vielen Unternehmen sind nach der Pandemie außerdem die Reserven aufgebraucht – die Liquidität wird durch erstmalige Zahlungen von Zinsen und Tilgung für die Corona-KfW-Kredite zusätzlich belastet. Eine Insolvenzwelle hält Jonas Eckhardt dennoch für unwahrscheinlich. „Es handelt sich mehr um eine Trendwende, die sich aufgrund der weiteren Herausforderungen im Automotive-Sektor noch verstärkt. Bei den Zulieferern wird es deshalb proportional mehr Insolvenzen geben“, schätzt er.

Vermutlich mehr Insolvenzen bei Zulieferern

Bisher konnten diese Unternehmen sogar auf eine zweite Chance hoffen. Von den 30 insolventen Zulieferern, die in 2021 einen Antrag stellen mussten, wurden bisher 18 Firmen verkauft. Im vergangenen Jahr ist der Käufermarkt für Krisenunternehmen aus dem Automobilbereich allerdings fast komplett eingebrochen.

Lediglich zwei Firmen aus den Insolvenzen 2022 fanden einen neuen Investor. Der Werkzeugbauer Heinz Schwarz wurde von der Kesseböhmer-Gruppe übernommen. Der Unternehmensverbund ist allerdings schon lange Jahre Mitgesellschafter des Mittelständlers. Zwei Monaten nach dem Insolvenzantrag fand der Lidar-Sensor-Hersteller Ibeo einen Käufer: seinen Wettbewerber Microvision. 15 Millionen Euro war der Deal wert.

Im M&A-Markt gibt es laut Jonas Eckhardt aktuell zwei Richtungen: „Bei Unternehmen, die attraktive Technologien vorweisen oder für die E-Mobilität liefern, boomt der Markt. Dagegen sehen wir bei Herstellern, die in der klassischen Antriebstechnik unterwegs sind, kaum Interessenten.“ Von den 31 insolventen Branchenunternehmen zählen fast 80 Prozent eher zur zweiten Kategorie.

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„Nicht jede Krise mit Geldern und staatlichen Hilfen zuschütten“

Die insgesamt geringen Antragszahlen sehen viele Experten laut Eckhardt durchaus kritisch. „Insolvenzen sind wichtig für das Wirtschaftsleben. Produkte und Mitarbeiter werden in unrentablen Firmen verschwendet, während viele profitable Unternehmen diese händeringend suchen, um mit diesen nachhaltig Gewinne zu erwirtschaften“, erklärt er. Und plädiert dafür, „mehr dem Sanierungsgedanken in der Insolvenz zu vertrauen und nicht jede Krise mit Geldern und staatlichen Hilfen zuzuschütten“.

Jonas Eckhardt ist Partner bei der Unternehmensberatung Falkensteg. Mit seinem Team hat er die Insolvenzen in Deutschland im Jahr 2022 analysiert.
Jonas Eckhardt ist Partner bei der Unternehmensberatung Falkensteg. Mit seinem Team hat er die Insolvenzen in Deutschland im Jahr 2022 analysiert.
(Bild: Wichert Photography)

Deutschland stehe laut Weltbank im Ranking der besten Sanierungs- beziehungsweise Insolvenzsysteme in der Welt auf Rang 4. Gründe dafür seien die Eigenverwaltung, höhere Insolvenzquoten und die Rettung von rund 50 Prozent der insolventen Großunternehmen. „Mit den Sanierungsmöglichkeiten lässt sich der gesunde Kern aus einem Unternehmen herauszuschälen und der lebensfähige Bereich erhalten“, sagt Eckhardt. Bei Zulieferern „müssen dafür die OEMs mitspielen“.

Erste Unternehmen denken hier um, stellen frühzeitiger einen Antrag und nutzen die auf Fortführung angelegte Eigenverwaltung. 16 Zulieferer wollen sich mittels Eigenverwaltung sanieren. Durchschnittlich betrug in den vergangenen fünf Jahren der Anteil der Eigenverwaltungen laut Eckhardt 37 Prozent.

Eigenverwaltung heißt: Das Unternehmen entwickelt selbstständig ein Sanierungskonzept mit Maßnahmen zur Fortführung. Diesem Sanierungskonzept müssen die Gläubiger zustimmen. Die bisherige Geschäftsführung bleibt dabei im Amt. Ein Sachwalter überwacht das Verfahren. Über die gesamte Industrie in Deutschland lag der Anteil der Eigenverwaltung gegenüber der Regelinsolvenz vor Corona laut Eckhardt bei 34 Prozent. „Im Jahr 2022 ist er auf 40 Prozent gestiegen.“

Zusammenschluss von Komponentenherstellern

Weitere Chancen bieten sich in diesem Bereich laut Eckhardt, wenn sich mehrere Komponentenhersteller zusammenschließen oder Finanzinvestoren die Unternehmen mit schwierigen Zukunftsaussichten aufkaufen. Die Absatzzahlen dürften in den kommenden zehn Jahren zwar geringer, aber sehr stabil bleiben. „Mit diesem Komponentengeschäft lassen sich bei entsprechenden Preisanpassungen sogar Gewinne erzielen. Danach wird es jedoch auf eine Liquidation hinauslaufen“, beschreibt Jonas Eckhardt.

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