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Wirtschaft Chinas Automarkt: Eine Blaupause für Europa nach Corona?

Autor / Redakteur: Claus-Peter Köth / Jens Scheiner

Die Produktion der großen chinesischen Automobilhersteller läuft wieder weitgehend normal. OEMs und Politik haben zahlreiche Maßnahmen aufgesetzt, um den Autoverkauf zu stimulieren. Die eine oder andere Idee könnte auch in Europa funktionieren.

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In China läuft die Produktion wieder an.
In China läuft die Produktion wieder an.
(Bild: Daimler)

Noch ist die Krise auf dem chinesischen Automarkt nicht ausgestanden, aber sie schwächt sich ab. 127.000 verkaufte Einheiten in der ersten Märzwoche sind ein gutes Zeichen, auch wenn das Minus gegenüber dem Vorjahreszeitraum noch bei 54 Prozent liegt. Der Branchenverband CAAM sendet ebenfalls verhalten positive Signale und geht für den Gesamtmonat von 1,03 Millionen verkauften Fahrzeugen aus. In normalen Zeiten wäre das eine Katastrophe, aber aktuell ist es ein echter Lichtblick, wenn sich das Minus zum Monatsende auf 41 Prozent gegenüber 2019 verringern würde. Schließlich lag es im Februar noch bei über 70 Prozent.

Die Händler tragen zur Verbesserung der Situation erheblich bei. Bis zum 10. März waren bereits 50 Prozent der Handelsbetriebe wieder geöffnet, zum Monatsende wird sogar ein Wert von 70 Prozent angestrebt. Von den so genannten 4S-Dealern (Sale, Sparepart, Service, Survey) gibt es landesweit rund 8.500. Von diesen haben bereits mehr als 90 Prozent die Arbeit wieder aufgenommen. Eine Zahl, die auch aus dem Umfeld der Hersteller vermeldet wird. Bei rund 90 Prozent der 23 großen OEMs (unter anderem Geely, Chang'An, Chery, JAC) liefen am 11. März die Fertigungsstraßen.

Allerdings übten die Kunden weiter Zurückhaltung. Die Verkaufszahlen blieben sehr schwach und die Verkaufsräume leer. Um aus diesem Dilemma herauszukommen, bieten vor allem die chinesischen OEMs, aber auch die Joint Ventures von Honda und Toyota zahlreiche Prämien beim Neuwagenkauf und attraktive Umtauschangebote für Gebrauchtwagen an. Vielfach liegen die Preisnachlässe bei um die 1.400 Euro. Insgesamt hat Chery ein Unterstützungspaket von umgerechnet rund 65 Millionen Euro geschnürt. Das bei Geely freigegebene Budget liegt sogar bei knapp 260 Millionen Euro.

Eintauschprämie nach deutschem Muster

Darüber hinaus haben Politik und Verbände eine Taskforce gebildet und Mitte März eine Liste mit verkaufsfördernden Ideen präsentiert. Einer der Vorschläge mit einem besonders vielversprechenden Hebel ist der Abbau von Beschränkungen bei Neuzulassungen.

<blockquote class="inf-blockquote">Wird die üblicherweise sehr strenge Vergabepraxis von Autozulassungen in den chinesischen Metropolen für einige Monate aufgeweicht, sollte das Verkaufsvolumen um etwa eine Million Fahrzeuge steigen. Und dafür wären nicht einmal zusätzliche finanzielle Anreize nötig.</blockquote>

<p class="inf-blockquote-author"> Jan Burgard, geschäftsführender Partner bei Berylls Strategy Advisors</p>

Auf der Vorschlagsliste findet sich weiterhin eine Verringerung oder Aussetzung der beim Autokauf anfallenden Steuern oder sogar das Anrechnen des Autokaufs auf die Einkommensteuer. Auch das Weiterlaufen der Prämien für Elektrofahrzeuge, die in diesem Jahr eigentlich weitgehend abgeschafft werden sollten, wird angeregt. Eintauschprämien für ältere Autos finden sich ebenfalls unter den Maßnahmen – eine Idee, die stark an die Abwrackprämie in Deutschland aus dem Jahr 2009 erinnert.

Und die Anregungen der Taskforce finden Gehör. Das zuständige MIIT (Ministerium für Industrie und Informationstechnik) hat bereits angekündigt, dass die Förderungen für NEVs nicht signifikant zurückgefahren werden. Zeitgleich haben lokale Regierungen von acht Städten und Regionen eigene Fördermaßnahmen beschlossen und teilweise schon eingeleitet.

Hainan führt bereits ausgelaufene Prämienprogramme beim Autokauf wieder ein und unterstützt zusätzlich beim Aufbau von E-Auto-Ladestationen. Weiterhin soll der Antragsprozess für die Einrichtung dieser Ladestation vereinfacht werden. Die Maßnahmen sind langfristig angelegt und sollen bis 2025 gelten.

Changsha, die Hauptstadt der chinesischen Provinz Hunan, in der verschiedene Hersteller Werke haben, belohnt die Kunden mit einer Prämie, wenn sie ein Auto „Made in Changsha“ kaufen und zulassen. Die Provinz Guangdong fördert die Verschrottung von Altautos und will ihre Metropolen Guangzhou und Shenzhen dazu auffordern, die strengen Zulassungsbeschränkungen für Neufahrzeuge herunterzufahren. Außerdem werden Käufer von E-Fahrzeugen mit umgerechnet rund 1.300 Euro unterstützt, und auch konventionell angetriebene Modelle werden gefördert – allerdings nicht in gleicher Höhe.

Stärkere Digitalisierung des Autokaufs

Parallel dazu treiben die chinesischen OEMs und Handelsbetriebe die Digitalisierung des Autokaufs voran. Ihr Ziel ist es, eine weitere Hemmschwelle für die Kunden aus dem Weg zu räumen und den physischen Kontakt möglichst zu minimieren. Das Online-Marketing wird stark intensiviert und die Online-Fahrzeugkonfiguration gepusht. Angebote für Versicherungen und Finanzierungsangebote via Internet werden stärker in den Fokus gerückt, ebenso die Online-Aftersales-Terminbuchung. Bei vielen Unternehmen werden mittlerweile die Autos für Testfahrten direkt zum Kunden gebracht und anschließende Online-Autokaufmöglichkeiten geschaffen. Geely geht noch einen Schritt weiter und hat einen bemerkenswert kreativen Ansatz präsentiert. Der OEM liefert die Schlüssel zum neuen Auto per Drohne zum Kunden. Ein physischer Kontakt zum Händler wird damit beim Neuwagenkauf endgültig obsolet.

Berylls empfiehlt den europäischen Entscheidungsträgern schon heute einen Blick nach China, um die Frage zu klären, welche der dort getroffenen Maßnahmen nach Covid-19 helfen könnten, die hiesige Autoindustrie und den Handel möglichst schnell in den Normalmodus zurückkehren zu lassen. Gleichzeitig sollte ein Blick auf verkaufsfördernde Maßnahmen der Vergangenheit gerichtet werden. Welche von ihnen vermag den Absatz künftig anzukurbeln? Die Angebote müssen mit der Digitalisierung kompatibel sein, denn die Krise offenbart schonungslos die Nachteile einer fehlenden digitalen Vernetzung. Potenzielle Kunden, die heute gezwungen sind, nahezu alle Erledigungen im Netz vorzunehmen, werden nach Corona sicher nicht wieder komplett auf den Analog-Betrieb zurückschalten.

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 Claus-Peter Köth

Claus-Peter Köth

Chefredakteur