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Antrieb „Der Wasserstoffverbrennungsmotor ist der Brennstoffzelle deutlich überlegen“

| Autor: Svenja Gelowicz

Keyou, ein Start-up aus dem Landkreis München, bringt den Wasserstoffverbrenner in Fahrzeuge. Warum dieser der Brennstoffzelle überlegen sein soll und was sich Keyou von Unternehmen wie Tesla oder Nikola abschaut.

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Keyou will Verbrennungsmotoren mit Wasserstoff betreiben.
Keyou will Verbrennungsmotoren mit Wasserstoff betreiben.
(Bild: Keyou)

Viele denken beim Thema Wasserstoff direkt an die Brennstoffzelle. Das ist ein Problem für ein Start-up namens Keyou, noch mit Sitz in Unterschleißheim, bald aber direkt in München. Denn der Umzug ins Herz der bayerischen Landeshauptstadt ist auch deshalb nötig, weil Keyou nicht auf die Brennstoffzelle, sondern auf den Verbrenner setzt. „Bei Wasserstofffahrzeugen haben fast alle die Brennstoffzelle im Kopf. Wir kombinieren den guten alten Verbrennungsmotor mit Wasserstoff“, sagt Unternehmenssprecher Jürgen Nadler.

Im Nutzfahrzeugsektor kommen die Vorteile wie Reichweite, kurze Betankungszeiten und Kosteneffizienz besonders zum Tragen.

Laut Nadler steigen die Anfragen von Motor- und Fahrzeugherstellern, aber auch von Verkehrsbetrieben. 40 Beschäftigte arbeiten bei Keyou. Das Unternehmen will deutlich an Personal aufstocken und um bei Fachkräften bessere Karten zu haben, verlegt es eben auch seinen Hauptsitz. Thomas Korn hat das Unternehmen gemeinsam mit den beiden Portugiesen Alvaro Sousa und Ivo Pimentel gegründet. Alle drei sind Ingenieure und haben zuvor jahrelang bei BMW am Thema Wasserstoffantrieb gearbeitet. Warum glaubt er nicht wie viele Andere an die Brennstoffzelle?

Thomas Korn ist einer der Gründer von Keyou.
Thomas Korn ist einer der Gründer von Keyou.
(Bild: Keyou)

„Der Wasserstoffverbrennungsmotor ist einem Brennstoffzellen-Elektroantrieb hinsichtlich Robustheit, Lebensdauer, Herstellkosten, einer höheren spezifischen Leistungsdichte und einem geringeren Aufwand in der Kühlung deutlich überlegen“, sagt der Unternehmensgründer.

Nutzfahrzeuge im Fokus

Keyou baut keine eigenen Motoren, sondern rüstet die von Kunden um. Bislang sind das nur Prototypen. Das Know-how liegt dabei vor allem in einem speziellen Magerbrennverfahren und in dem Wissen um Motorstrategien. „Man kann nicht einfach ein normales Motorenkonzept auf Wasserstoff umstülpen“, sagt Nadler.

Das Start-up arbeitet dabei eng mit dem Motorenhersteller Deutz zusammen. Deren 7,8-Liter-Motor passe in einen Zwölf-Meter-Stadtbus und zugleich in einen 18-Tonnen-Lkw: Zwei Fahrzeuge, bei denen Keyou sich große Chancen für den Markteinstieg ausmalt. „Im Nutzfahrzeugsektor kommen die Vorteile wie Reichweite, kurze Betankungszeiten und Kosteneffizienz besonders zum Tragen“, sagt Nadler; alle Motorenhersteller würden sich deshalb mit dem Thema Wasserstoffverbrennungsmotor beschäftigen.

Die Ingenieure von Keyou verändern dabei den Basismotor so wenig wie möglich. Stattdessen kommen spezifische Wasserstoffkomponenten ins Spiel, wie Zündsysteme, Turbolader, Druckventile, Kühlsysteme oder Injektoren. Die bezieht Keyou von klassischen Autozulieferern. „Wir schreiben dafür die Spezifikationen“, sagt Nadler, „das ist unsere große Stärke, wir verstehen das Gesamtsystem.“

„Der effizienteste Wasserstoffmotor der Welt“

Das technologische Erfolgsrezept für den emissionsfreien Verbrenner seien im Wesentlichen eine effiziente Einblasung, Magerbrennverfahren, Abgasrückführung, Turboaufladung und ein spezieller Wasserstoffkatalysator. Als Kraftstoff dient dann Wasserstoff, Motoren mit Saugrohreinblasung könnten einen Wirkungsgrad von etwa 45 Prozent erreichen.

Die Entwicklungsarbeit für einen Hersteller und Motor dauere aktuell je nach Reifegrad zwischen zwölf und 36 Monaten, am weitesten sei Keyou mit dem erwähnten Motor von Deutz. „Der läuft gerade auf dem Prüfstand und ist unseres Wissens der effizienteste Wasserstoffmotor der Welt“, sagt Nadler selbstbewusst. Die Serienreife sei noch mindestens zwei Jahre entfernt. Dass der Prototypen-Motor auch auf der Straße funktioniert, muss Keyou noch beweisen.

Hilfe bei der Entwicklung

Das Start-up aus Bayern verdient aktuell bereits Geld damit, Motor- und Fahrzeughersteller bei der Entwicklung zu unterstützen, also in der Funktion eines Engineering-Dienstleisters. Profitabel wolle man in wenigen Jahren arbeiten, Finanzspritzen gibt es von Investoren. Erst im Juli ist die Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen als Shareholder bei einer Finanzierungsrunde eingestiegen. Um welchen Betrag es dabei geht, verraten die Unternehmen nicht.

Keyou hat beim Thema Wasserstoff besonders den städtischen Verkehr im Blick. Bei einem Projekt arbeitet das Start-up mit einem großen Bushersteller zusammen. Der Plan: die umgerüsteten Deutz-Motoren in dessen Stadtbusse einbauen, Städte und Gemeinden sollen die dann testen. Die Nachfrage hierfür sei groß.

Keyou überlegt deshalb, erste Absichtserklärungen von Verkehrsbetrieben einzuholen und noch enger mit Fahrzeugherstellern zusammenzuarbeiten. „Das machen auch Unternehmen wie Tesla oder Nikola, die Tausende solcher Dokumente einsammeln“, erklärt Nadler. Fahrzeughersteller und Endkunden überhaupt zueinanderzubringen, könnte ebenfalls ein Geschäftsfeld werden. Und auch Beratungsdienstleistungen zu Themen rund um Wasserstoff sind perspektivisch geplant.

Start-up Keyou: Vom Baby zum Kind

Der Wasserstoffantrieb hat in den vergangenen Monaten an Fahrt aufgenommen. Chinas Zentralplaner setzen auf Wasserstoff für emissionsfreien Verkehr, und auch die deutsche Bundesregierung hat im Frühjahr ihre Wasserstoffstrategie verabschiedet. „Sie beflügelt das ohnehin schon positive Momentum, das wir seit geraumer Zeit spüren“, sagt Keyou-Chef Korn.

Gab es schon Avancen aus der Industrie? Das Kaufinteresse an Keyou ist da, bestätigt Nadler. „Das Baby wird jetzt zum Kind, und wir wollen das Kind auf jeden Fall ins Jugendalter überführen. Und wenn der Jugendliche dann 18 ist, schauen wir weiter“, sagt Nadler. Noch sei es auf jeden Fall viel zu früh, um über einen Verkauf nachzudenken.

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Über den Autor

 Svenja Gelowicz

Svenja Gelowicz

Autojournalistin