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Der WLTP verändert alles
Zudem droht der Autoindustrie noch die Einführung des neuen Fahrzyklus WLTP (Worldwide Harmonized Light Duty Test Procedure). Dieser soll gegenüber dem aktuell gültigen NEFZ (Neuer Europäischer Fahrzyklus) einen realistischeren CO2-Ausstoß bzw. Kraftstoffverbrauch wiedergeben und außerdem weltweit eingeführt werden. „Der WLTP kann mehr Beschleunigungs- und Autobahnfahrten sowie weitere Verbrauchsquellen (z. B. Klimaanlage und Infotainment) realistischer abbilden, wodurch der CO2-Ausstoß um mindestens 10 Prozent steigen würde“, erklärt Thomas Göttle. „Im Moment sind sämtliche Kalkulationen auf den NEFZ ausgelegt. Eine plötzliche Umstellung würde es vielen OEMs praktisch unmöglich machen, die Ziele zu erreichen, weshalb wir uns eine Einführung vor 2020 nur schwer vorstellen können.“ Auch hier ist Europaabgeordneter Dr. Koch skeptisch und rechnet mit der Einführung noch vor 2020.
Die Debatte zeigt: Industrie und Politik sind sich längst noch nicht einig über die Umsetzung der CO2-Vorgaben. Wer sein Schicksal selbst in die Hand nehmen und nicht nur auf talentierte Auto-Lobbyisten vertrauen möchte, dem bieten sich jedoch auch Optionen, den Flottenschnitt real zu senken. Beim Thema Leichtbau beispielsweise investiert CO2-Sorgenkind BMW in Karbon, samt eigener Fertigung. Audi hat bereits große Erfolge mit dem Einsatz von Aluminium erzielt, während Mercedes verstärkt auf hochfeste Stähle setzt. Ein beachtlicher Hebel existiert vor allem beim Fahrwerk. Hier kann durch den Einsatz von leichteren Materialien laut Thomas Göttle noch sehr viel erreicht werden. Überhaupt könne jeder einzelnen Komponente noch das ein oder andere Gramm Gewicht respektive CO2 entlockt werden.
Das Produktportfolio spielt eine entscheidende Rolle
Neben der Technik spielt auch das Produktportfolio eine entscheidende Rolle: „BMW wird bis 2017 noch weitere Varianten von 1er und Mini mit Frontantrieb und neuen 3-Zylinder-Motoren auf Basis der UKL-Architektur (Anm. d. Red.: als UKL bezeichnet BMW die Plattform unterhalb des 3ers) auf den Markt bringen – Mercedes kommt mit verschiedenen Derivaten der neuen A-Klasse, B-Klasse und Smart. Damit wird ein hohes Volumen an Fahrzeugen mit geringen Emissionen geschaffen und die Flottenbilanz deutlich verbessert“, so Göttle.
Dass auch die ganz Großen ganz sparsam sein können, will Daimler mit der neuen 3-Liter-S-Klasse unter Beweis stellen, die auf der IAA Premiere feiert. Der S 500 Plug-in-Hybrid emittiert unglaublich klingende 69 Gramm CO2 pro Kilometer (3 Liter/100 km) im NEFZ. Welcher Realverbrauch auf einer längeren Tour mit Autobahnbenutzung möglich ist, bleibt abzuwarten. Schließlich bewältigt die vollgeladene Batterie mithilfe des 80-kW-E-Motors einen Großteil des Fahrzyklus, bevor der 3,0-Liter-V6-Turbomotor bemüht wird. Solange die 69 Gramm in den Flottenverbrauch einfließen, ist der EU-Vorgabe jedenfalls Genüge getan. Und letztendlich zeigen Fahrzeuge wie eine 3-Liter-S-Klasse oder der BMW i3: Die OEMs ziehen alle Register, damit Deutschland Autoland bleibt. Mit ein wenig Unterstützung durch die Politik sollte dieser Plan gelingen.
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