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Nutzfahrzeug IAA 2016 Digitalisierung: Chancen und Risiken für Lkw-Hersteller

| Redakteur: Christian Otto

Die Vernetzung und die zunehmende Automatisierung sind Versprechen, die auch die Lkw-Branche begeistern. Vor allem will man für die Kunden eine bessere Auslastung und damit eine Kostenoptimierung erreichen. Doch dafür brauchen etablierte Hersteller neue Geschäftsmodelle und Kompetenzen und müssen sich gleichzeitig neuer Wettbewerber erwehren.

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Das automatisierte Fahren soll gerade für die Transportbranche hohe Kosteneinsparungen bringen.
Das automatisierte Fahren soll gerade für die Transportbranche hohe Kosteneinsparungen bringen.
(Bild: Daimler)

Die Nutzfahrzeug IAA 2016 (22.9.- 29.9./Hannover) wirft schon ihre Schatten voraus. Vor allem das Thema Digitalisierung steht dabei im Fokus. Auch die internationale Managementberatung Oliver Wyman hat sich im Vorfeld zu der wichtigsten Branchenmesse Gedanken zu der neuen Situation der dort aktiven Unternehmen gemacht. So sehen die Berater die etablierten Lkw-Hersteller im Zuge der Digitalisierung in einem noch stärkeren Wettbewerbsdruck. Grund dafür seien unter anderem Anbieter wie Google, aber auch agile Start-ups wie Otto oder Peloton.

Alle diese Spieler arbeiten an Lösungen rund um den vernetzten, autonomen Lkw und greifen somit die Hersteller auf deren ureigenem Terrain an. Sie wollen laut Oliver Wyman größere Marktanteile hinzugewinnen. Damit stehen klassische Lkw-Hersteller wie Mercedes-Benz, MAN, Scania, Volvo oder DAF vor einer enormen Herausforderung.

Oliver Wyman sieht in diesem Zeitverlauf die Roadmap für die Verbreitung des automatisierten Fahrens bei Nutzfahrzeugen.
Oliver Wyman sieht in diesem Zeitverlauf die Roadmap für die Verbreitung des automatisierten Fahrens bei Nutzfahrzeugen.
(Bild: Oliver Wyman)

Aller Hersteller sind aktiv

Das Beratungsunternehmen geht davon aus, dass vernetzte, autonom fahrende Lkw die Transportlandschaft der Zukunft prägen werden. Romed Kelp, Experte bei Oliver Wyman für die Nutzfahrzeug-Industrie, konkretisiert: „Alle Hersteller arbeiten bereits an neuen Lösungen, um dem Handlungsdruck durch Digitalisierung und neue Wettbewerber zu begegnen. Alle haben Prototypen auf der Straße und investieren hohe dreistellige Millionenbeträge in digitale Technologien.“

Und die Investitionen haben auch erste greifbare Ergebnisse: Bei ersten markenübergreifenden Platooning-Demonstrationsfahrten bewegen sich Fahrzeuge der großen europäischen Hersteller bereits in elektronischen Konvois. Im US-Bundesstaat Nevada sind zudem erste vollautonome Testfahrzeuge auf Straßen unterwegs.

TCO im Fokus

Die Entwicklung hin zu vollvernetzten, autonomen Fahrzeugen bringt laut der Oliver Wyman-Analyse insbesondere für die Lkw-Hersteller zwei elementare Herausforderungen: Schätzungen der Unternehmensberatung zufolge sind Lkw in Deutschland im Schnitt nur zu 50 bis 60 Prozent ausgelastet. Das soll sich durch die fortschreitende Vernetzung der Fahrzeuge ändern. Elektronische Frachtbörsen ermöglichen eine bessere Ausnutzung der Kapazität. Durch die Vernetzung mit beispielsweise Verladeterminals können Wartezeiten reduziert werden. Die Folge: Trotz steigenden Frachtvolumens steigt die Anzahl der erforderlichen Fahrzeuge nur unterproportional. Verstärkt wird der Effekt, wenn jenseits des Jahres 2030 zumindest auf Langstrecken kein Fahrer mehr am Steuer eines Lkw sitzen wird. Lenkzeitbegrenzungen werden obsolet, Lkw könnten rund um die Uhr im Einsatz sein.

Die zweite Herausforderung betrifft aus Sicht der Branchenkenner die Abwesenheit des Fahrers: Wenn dieser fehlt, seien auch keine menschlichen Anforderungen an den Truck mehr nötig. Für die Hersteller bedeute das: Der Lkw ist weniger emotional besetzt, Features wie Kabinenausstattung und Fahrverhalten sind für die Differenzierung im Wettbewerb nicht mehr relevant. Der Lkw wird demnach eine reine „Hardware-Commodity“, deren Wert nur noch über Total Cost of Owership (TCO) und Verfügbarkeit gemessen wird.

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