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DiIT-Chef Jost: „Eine Digitalisierung der Prozesskette erfolgt erst, wenn es gute Gründe dafür gibt“

| Autor/ Redakteur: Sven Prawitz / Maximiliane Reichhardt

Enorme Datenmengen und ausfallsichere Systeme – mit den automatisierten Fahrfunktionen steigen die Ansprüche an die Bordnetze der Fahrzeuge. Welchen Einfluss das auf die Fertigung der Bordnetze hat erklärt Bernd Jost, Managing Director beim auf Produktionssteuerung spezialisierten Softwareunternehmen DiIT.

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Bernd Jost ist der Managing Director des Softwareunternehmens DiIT.
Bernd Jost ist der Managing Director des Softwareunternehmens DiIT.
(Bild: DiIT)

Herr Jost, Kabelbäume werden mit viel Handarbeit beim Zulieferer gefertigt. Wie sehen Sie die Bereitschaft bei den Lieferanten in ein Manufacturing Execution System, kurz MES, und eine digitale Prozesskette zu investieren?

Wir sehen zur Zeit zwei „Parallelwelten“. Auf der einen Seite die Herstellung von klassischen Bordnetzen für herkömmliche Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren. In dieser Welt hat sich seit vielen Jahren nur wenig geändert. Der gesamte Montageprozess erfolgt immer noch ausschließlich manuell. Investitionen in MES-Systeme erfolgten hier hauptsächlich im Bereich „cutting area“ oder „Schneiderei“. Nur in diesem Bereich wird automatisiert gefertigt und dort haben MES-Systeme einen erheblichen Nutzen. Effizienzsteigerungen sind hier um bis zu 30 Prozent möglich. Wir erwarten, dass dies weitgehend so bleibt. Auf der anderen Seite bereiten sich Bordnetzhersteller auf die Zukunft vor – für eine Herstellung von Bordnetzen für elektrisch angetriebene und autonom fahrende Fahrzeuge. In dieser Welt werden zum einen die Bordnetze anders aussehen, aber vor allem werden die OEMs darauf bestehen, dass die Herstellung anders erfolgt.

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Was sind die Gründe dafür?

Ein Grund dafür ist die Haftungsfrage im Fall von Unfällen. Das Bordnetz wird zum sicherheitsrelevanten Teil des Fahrzeuges. Qualitätssicherung, Dokumentation des Herstellungsprozesses und die vollständige Rückverfolgbarkeit jeder Bordnetzkomponente rücken in den Mittelpunkt. Ohne weitere Automatisierung und ohne den Einsatz von Software, die den Gesamtprozess steuert und dokumentiert, sind diese Forderungen nicht zu erfüllen. Noch wird hier sehr verhalten investiert, das wird sich aber ändern.

Wie stark greift die Implementierung einer digitalen Prozesskette in die Abfolge aus manuellen und automatisierten Fertigungsschritten ein?

Eine umfassende Digitalisierung der Prozesskette wird erst erfolgen, wenn es sehr gute Gründe dafür gibt und wenn die Voraussetzungen gegeben sind. Gute Gründe können zum Beispiel dann vorliegen, wenn Forderungen der OEMs nicht mehr ohne eine Digitalisierung der Produktion erfüllt werden können. Zu diesen Forderungen gehören Prozesssicherheit und Rückverfolgbarkeit. Richtig gute Voraussetzungen sind eigentlich nur mit einer hohen Automatisierung gegeben. Die wird aber nur schrittweise erfolgen. In der Übergangsphase wird man sich damit behelfen müssen, dass man mit geeigneter Software die automatisierten Prozesse direkt steuert. Die manuellen Bereiche werden schrittweise automatisiert und die verbleibenden manuellen Tätigkeiten über Software-Systeme stärker gesteuert und dokumentiert werden. Natürlich sind dafür entsprechende Prozessschritte, Scannen oder Messen, und Vorkehrungen, zum Beispiel Fi-Fo-Zwischenläger, einzubauen.

Wir müssen Systeme anbieten, die auch künftige Fertigungsstrukturen steuern können.

An welcher Stelle investiert DiIT gerade?

Mit der MES-Software „4Wire CAO“ haben wir heute ein System, das ideal für die Optimierung der automatisierten Fertigung in der Schneiderei und in der Vormontage geeignet ist. Das ist das, was der Kunde heute benötigt. Wir müssen aber Systeme anbieten, die auch künftige Fertigungsstrukturen steuern können. Deshalb erweitern wir „CAO“ und entwickeln ein durchgängiges MES-System, das alle Bereiche von der Schneiderei bis zur Endmontage steuert – sowohl für automatisierte als auch manuelle Prozesse – sowohl Serienfertigung als auch kundenspezifische Kabelsätze. Es wird so flexibel sein, dass der Kunde sehr agil auf OEM-Anforderungen reagieren kann. Dieses System – wir nennen es kurz EAS für Extended Assembly System – wird in einer ersten Version im nächsten Jahr zur Verfügung stehen.

Welche Komponenten Ihrer Produkte müssen besser werden?

Wir müssen die gesamte Wertschöpfungskette integriert steuern und dokumentieren können. Erweiterungen brauchen wir deshalb im Bereich der Montagebereiche. Letztlich wollen wir, dass unser System die Effizienz durchgängig erhöht und dass zusammen mit jedem physischen Kabelsatz eine vollständige Dokumentation entsteht. Diese Dokumentation gibt darüber Auskunft, welche Komponenten verbaut sind und wie er genau produziert wurde. Auf Neudeutsch: der digitale Zwilling.

Zur Person

Dipl.-Inf. Bernd Jost ist seit 1. Januar 2016 bei der DiIT AG, einem Softwarehaus im Bereich Manufacturing Executions Systems für die Kabelsatzproduktion, tätig. Er arbeitete zuerst in der Funktion des Chief Operating Officer und ist seit dem 1. Januar 2017 als Managing Director bei DiIT. Er wechselte vom Stuttgarter E-Commerce Systemhaus SPH AG, wo er Vorstandsvorsitzender war. Zuvor war er unter anderem bei der Daimler Tochter Debis und dem französischen IT-Dienstleister Atos in verschiedenen Führungspositionen tätig.

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Über den Autor

 Sven Prawitz

Sven Prawitz

Technikjournalist