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Buch-Rezension Eine kurze Geschichte des Automobils

| Autor / Redakteur: Wolfgang Pester / Thomas Günnel

125 Jahre Automobil hat eine Flut von Chroniken provoziert. Nun hat sich Thomas Lang der Sternstunde der Menschheit mit ihrer weitreichenden Erfindung angenommen. In aufregender Weise lässt er „Eine kurze Geschichte des Automobils“ auf 540 Seiten und mit 720 Abbildungen in einem komplexen Kontext erlebnisnah anhand von Geschichte, Politik, Wirtschaft und Kultur vor unseren Augen nochmals ablaufen.

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Enge Verwandtschaft zur Kutsche noch erkennbar und gern als Landaulet genommen: Daimler Motor-Droschke (1895 bis 1899).
Enge Verwandtschaft zur Kutsche noch erkennbar und gern als Landaulet genommen: Daimler Motor-Droschke (1895 bis 1899).
(Foto: Daimler)

Bücher zur Autohistorie gibt es mannigfach. Doch „Eine kurze Geschichte des Automobils" wirft alle Erfahrungswerte mit konventionellen Autobüchern über den Haufen. Der Autor Thomas Lang versteht es, spannend, unterhaltsam und faktenreich über das Auto in einem komplexen Kontext von Geschichte, Politik, Wirtschaft und Kultur zu berichten. Sprache und Stil bringen diese Fakten nachvollziehbar und aufregend, aber kurzweilig Autofans und Interessierten näher.

Einstieg weit vor Benz

„Eine kurze Geschichte des Automobils“ setzt konsequenterweise bereits vor dem 26. Januar 1886 ein, als der Mannheimer Ingenieur Carl Benz sein „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“ zur Patentanmeldung eingereicht hat. Und verweist dabei schon auf das frühe 13. Jahrhundert auf die Prognosen des Franziskaner Roger Bacon: „Eines Tages wird man Karren zu bauen vermögen, die sich bewegen und in Bewegung bleiben, ohne geschoben oder von einem Tier gezogen zu werden." Folglich widmet sich die Geschichte auch jenen Epochen und ihren jeweiligen Protagonisten, die Ideen entwickelten und technische Voraussetzungen schufen, ohne die es die Erfindung von Benz nie gegeben hätte.

14 kurze Geschichten

Das Buch gliedert sich in 14 Kapitel, die jeweils wiederum in sich abgeschlossene Themen zu einzelnen „kurzen Geschichten“ zusammenfassen. Auch die wichtigsten Autonationen wie die amerikanischen, deutschen, englischen, französischen, italienischen und japanischen werden ausgiebig beleuchtet. Stets liegt der Schwerpunkt der Geschichten in den Geschichten auf den weniger bekannten Aspekten, wie etwa in „einer kurzen Geschichte des Rennsports“, wobei nicht so sehr die Formel 1 als wenig bekannten Disziplinen wie der Bergrennsport oder die amerikanischen NASCAR-Tourenwagen beleuchtet werden.

In sich geschlossene Kapitel

Wenn Monaco „als ein auf erfolgreichem Brigantentum basierendes Fürstentum“ literarisch reüssieren darf und Henry Ford nicht nur als Pionier der Massenmobilisierung, sondern auch als sinisterer Rechtspopulist einen Auftritt erhält, dessen von ihm publizierte antisemitische Hetzschriften Eingang in das Vorwort der amerikanischen Ausgabe von Adolfs Hitlers „Mein Kampf“ fanden, dann ist es schließlich nicht verwunderlich, dass es schwerfällt, beim Lesen das neue Autobuch aus der Hand zu legen. Ein weiterer Vorteil der Lektüre: Die Kapitel sind in sich geschlossen und können so auch einzeln, unabhängig voneinander gelesen werden.

Viel Neues auf 540 Seiten

Als Fachredakteur für den Bereich „Automobil und Technik“ hat der Autor viele Bücher zu dem Themenkomplex „Auto“ studiert. In der Regel waren sie sachlich, aber meist schwer genießbar und trocken formuliert. „Eine kurze Geschichte des Automobils“ ist zwar ein wuchtiger Wälzer, doch schenkt er langes Lesevergnügen, das es auch häppchenweise zu genießen ist. Obwohl über das Auto bereits alles gesagt und geschrieben schien, auf den 540 Seiten ist vieles zu finden, was tatsächlich noch nicht über das Automobil bekannt ist. Das Lesen des Buchs bereitet Vergnügen und Wissensgewinn, das Verschenken sicherlich Freude beim Empfänger.

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