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Motorsport Engineering

Handgeschaltet durch die grüne Hölle

| Autor/ Redakteur: Wolfgang Sievernich / Wolfgang Sievernich

Das Getrag-Tic-Racing-Team verwendet in einem Ford Mustang auf dem Nürburgring ein modifiziertes Seriengetriebe. Die Erfahrungen aus dem Motorsport sollen künftig auch in die Weiterentwicklung fließen.

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Das Getrag-Tic-Racing-Team verwendet in einem Ford Mustang bei der VLN und dem 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring ein modifiziertes Seriengetriebe. Die Erfahrungen sollen auch in die Serienentwicklung fliessen.
Das Getrag-Tic-Racing-Team verwendet in einem Ford Mustang bei der VLN und dem 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring ein modifiziertes Seriengetriebe. Die Erfahrungen sollen auch in die Serienentwicklung fliessen.
(Bild: Andreas Mey/Getrag)

Der Ford Mustang ist hierzulande ein eher seltener Anblick auf den Straßen und besonders auf der Rennstrecke – obwohl der in den USA seit 1964 beliebte Sportwagen über 9,3 Millionen Mal gebaut wurde. Er verkörpert den Geist des amerikanischen Muscle-Car wie kaum ein anderer: Mit ihm könnte man sowohl die ewig lange Route 66 als auch jede Rennstrecke der Welt bezwingen. Daran dachten wohl auch die Entwickler von Tic-Racing, als sie den neuesten Mustang für den Einsatz auf der längsten Rennstrecke der Welt vorbereiteten: der Nürburgring Nordschleife.

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Der Formel-1-Pilot Sir Jackie Stewart – immerhin drei Mal Weltmeister in den Jahren 1969, 1971 und 1973 – war von der Berg-und-Tal-Strecke derart beeindruckt, dass er ihr den Namen „grüne Hölle“ verpasste; seitdem ein häufig gebrauchter Begriff für die schwierige Rennstrecke inmitten der Gebirgsregion Eifel. Die Automobilindustrie testet hier seit vielen Jahren eingehend Fahrzeuge und Komponenten und auch der deutsche Getriebehersteller Getrag ist regelmäßig zu Gast.

Serienmäßiges Sechsgang-Handschaltgetriebe

Hinter dem Motorsportprojekt von Tic-Racing stehen Getrag-Ingenieure, die mit viel Enthusiasmus einen serienmäßigen Ford Mustang über den letzten Winter für den Motorsport vorbereiteten. Karsten Quadder – selbst Ingenieur bei Getrag am Standort Köln und im Team für die Fahrzeugspezifikation zuständig – setzte im 5,0-Liter-Mustang statt auf ein schon fast obligatorisches Renngetriebe auf ein serienmäßiges Sechsgang-Handschaltgetriebe.

Zum Einsatz kommt das sogenannte 6MTI500, ein Getriebe, das auch in SUVs, Pick-ups und leichten Nutzfahrzeugen verwendet wird. „Das Getriebe-Portfolio von Getrag beinhaltet auch Doppelkupplungsgetriebe, die grundsätzlich von der Bauform, der Leistungs- und der Drehmomentkapazität geeignet wären, im Mustang verbaut zu werden“, erklärt Quadder. „Jedoch wird der Serien-Mustang S550 ausschließlich mit einem klassischem Automatikgetriebe oder einem Handschaltgetriebe angeboten, und das Rennfahrzeug sollte möglichst seriennah aufgebaut werden. Der Einsatz eines DSG bedingt dazu eine Änderung der Motorregelung, da das Getriebe den Motor während der Schaltvorgänge regelt“, so Quadder weiter.

Andere Anforderungen

Nun ist ein Seriengetriebe im Motorsport eher unüblich. Die technischen Spezifikationen unterscheiden sich maßgeblich von denen eines Renngetriebes: In der Großserie spielen neben dem Kostendruck Geräusche, eine verbrauchsoptimierte Übersetzung, die Lebensdauer und Wartungsfreundlichkeit eine Rolle – im Motorsport nicht. Durch den ausgeräumten Innenraum eines Rennwagens dröhnen der Motor, Vibrationen und Umgebungsgeräusche ungefiltert an das Ohr des Fahrers durch.

Gesamtübersetzung per Simulation entwickelt

Im Praxistest von Tic-Racing werden die Serienkomponenten an die maximale Leistungsgrenze gebracht. „Im Rahmen eines Workshops mit dem 6MTI500-Team wurden Testergebnisse und Erfahrungen aus dem Feld analysiert und deren Relevanz für den Renneinsatz abgeschätzt“, sagt Quadder. Um die Übersetzung praxisnah auszulegen, legten die Ingenieure basierend auf den Ziel-, Leistungs- und Gewichtsdaten eine Simulation fest, mit der die optimale Gesamtübersetzung samt Radsatz charakterisiert wurde.

Obwohl der Mustang in den USA im Rennsport eingesetzt wird, mussten Getrag und Tic-Racing ohne Hilfe aus Michigan auskommen. „Die in den USA eingesetzten Mustang basieren auf dem Modell GT350R und sind nicht mit unserem Getriebe ausgestattet.“ Anders als die Getriebe für die europäischen Serienfahrzeuge kommt das verwendete 6MTI500 aus dem Getrag-Prototypencenter in Köln. Analog zu den Serienprodukten werden auch die modifizierten Getriebe des Rennfahrzeugs den Ingenieuren zugänglich gemacht, um gegebenenfalls Verbesserungen umsetzen zu können. „Bis jetzt waren aber noch keine Modifikationen der Getriebespezifikation erforderlich“, meint Quadder. „Mit Blick auf das Gesamtfahrzeug sind wir jedoch noch lange nicht am Ziel.“ Nachteilig am Exoten sind sicherlich die fehlenden Erfahrungswerte der Automobilzulieferer; hier sind die Ingenieure selbst gefragt.

Wissenstransfer erwartet

Doch ist sich Quadder sicher, dass die Erfahrungen mit dem eigenen Produkt sowohl für das Team als auch für Getrag Vorteile in der Weiterentwicklung bieten können. Momentan ist das Projekt auf dem Nürburgring bis Ende 2017 terminiert. Und wie steht der Automobilzulieferer Getrag selbst zu dem Projekt? „Grundsätzlich wird unser Engagement äußerst wohlwollend zur Kenntnis genommen“ – einer Fortsetzung steht also nichts im Wege.

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