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Top 100 Suppliers Michelin: „Coronakrise alleine kein Grund für Zukäufe“

| Autor: Sven Prawitz

Inzwischen beteiligt sich Michelin auch an Unternehmen, die nicht im Reifensegment tätig sind. Für Nordeuropa-Chef Anish Taneja ist die Coronakrise kein Grund, nun verstärkt Firmen zuzukaufen.

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Anish Taneja ist seit 1. Januar 2018 President Michelin Europe North.
Anish Taneja ist seit 1. Januar 2018 President Michelin Europe North.
(Bild: Michelin)

Michelin ist im Ranking der 100 größten Zulieferer (nach Umsatz) anhaltend weit vorn. Auffallend ist in diesem Umfeld die vergleichsweise hohe Marge.

Herr Taneja, drücken neue Geschäftsfelder wie 3-D-Druck oder Wasserstofftechnik die Marge des Unternehmens?

Michelin hat eine starke Marktposition, das liegt nicht zuletzt an der Diversifizierung unseres Unternehmens. Als Premium-Reifenhersteller ist die Marge für uns ein wesentliches Kriterium, auch bei neuen Geschäftsfeldern. Egal ob 3-D-Druck, das Joint Venture Symbio im Bereich Wasserstoff-Antrieb oder digitale Geschäftsmodelle wie Blackcircles – die Erträge spielen immer eine wichtige Rolle.

Einen verstärkten Preisdruck nehmen wir nicht wahr.

Welche Rolle sollen neue Produkte abseits von Reifen bei Michelin spielen?

Beim 3-D-Druck und der Brennstoffzelle sehen wir erhebliches Potenzial. Mit Symbio möchten wir beispielsweise schon bis 2030 einen Marktanteil von 25 Prozent im Bereich Brennstoffzelle erreichen. Auch ausgehend von unserer Expertise im 3-D-Druck erwarten wir uns einiges – wir haben dafür eigens einen Wachstumsbereich „High Tech Materials“. Durch Kooperationen mit Tripadvisor und anderen digitalen Angeboten werden wir auch beim Guide Michelin stark wachsen.

Welche Kriterien muss ein Unternehmen oder eine Technologie erfüllen, damit Michelin investiert?

Natürlich gib es wirtschaftliche Kriterien, die wir – wie andere Firmen auch – anlegen. Große Effekte erwarte ich mir von unserer Akquise in der Offroad-Sparte: Camso. Das Unternehmen entwickelt und fertigt Offroad-Reifen und -Gummiketten. Andererseits tragen die Kollegen mit einer Start-up-Mentalität schon jetzt positiv zu unserer Firmenkultur bei. Dieser Faktor ist uns wichtig.

Global Top 100 Suppliers

Das aktuelle Ranking erscheint am 2. Juli 2020 zusammen mit Ausgabe 7 der »Automobil Industrie«.

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In welchen Märkten oder Segmenten wollen Sie wachsen?

Wir haben den klaren Anspruch, in allen Märkten und Segmenten zu wachsen, wobei das Premiumsegment sicherlich das mit den größten Wachstumschancen ist. Konkret produktbezogen heißt das, die Produktion von 18-Zoll-Reifen und größer sowie die von A-Label-Reifen auszubauen. Wenn wir nach Deutschland schauen, sind insbesondere nochmals kleine Flotten ein Wachstumsmarkt für Michelin. Regional liegt der Schwerpunkt in Europa und den USA.

Welche technischen Änderungen sind bei Reifen zu erwarten?

Reifen der Zukunft werden nachhaltiger produziert sein, sind Teil der Fahrzeugvernetzung und werden im Fall von Michelin sogar ohne Luft auskommen. Ich persönlich bin immer wieder fasziniert, wie viel Potenzial und Weiterentwicklung noch in unserem Kernprodukt steckt.

Welche digitalen Funktionen bekommen Reifen künftig?

Digitale Geschäftsmodelle und Produkte sind auch in der Reifenindustrie ein großer Wachstumsmarkt. Ein Beispiel ist der vermehrte Einsatz von RFID-Tags und Sensoriktechnologie bei unseren Reifen. Bis 2023 wird Michelin alle Pkw-Reifen mit einem RFID-Tag versehen. Im Lkw-Bereich ist das sogar schon heute bei 90 Prozent unserer Reifen der Fall. Die Technik dient nach heutigem Stand zur Identifikation des Reifens und ist gerade für die OEMs ein großer Vorteil, um Fertigungsprozesse zu verschlanken und zu optimieren.

Durch die Coronakrise steigt der Preisdruck auf Lieferanten. Trifft Sie die Forderung der OEMs nach Kostensenkungen mit voller Wucht?

Gerade jetzt ist es für die OEMs sowie für uns Zulieferer wichtig, die Lieferketten aufrechtzuerhalten. Einen verstärkten Preisdruck durch die Coronakrise nehmen wir aktuell nicht wahr, zumal wir mit den Herstellern langfristige Geschäftsbeziehungen haben.

Wird Michelin in den nächsten Monaten von den Folgen der Coronakrise geschwächte Unternehmen zukaufen?

Für Zukäufe sollte nicht allein die Coronakrise Treiber sein. Wir überlegen uns bei Michelin sehr genau, welche Unternehmen unser Portfolio ergänzen können und zu uns passen. Beispielsweise besitzen wir seit wenigen Wochen eine 20-Prozent-Beteiligung an dem Start-up Enviro, das aus Altreifen wertvolle Rohstoffe gewinnt. Das ist natürlich eine ideale Ergänzung für unsere Strategie der nachhaltigen Mobilität.

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Zur Person

Anish Taneja, 42, ist seit 1. Januar 2018 President Michelin Europe North. Er studierte Internationale Betriebswirtschaft in Stuttgart und London sowie Internationales Management an der Copenhagen Business School.

Taneja arbeitete zunächst in verschiedenen Positionen bei der Deutschen Lufthansa AG. Nach unterschiedlichen Aufgaben bei den Autovermietungen Enterprise, Europcar und Sixt wechselte er 2013 als Direktor Vertrieb Nutzfahrzeug­reifen DACH zu Michelin.

(ID:46582906)

Über den Autor

 Sven Prawitz

Sven Prawitz

Technikjournalist