Selbstversuch

Mit einem Carsharing-Elektro-Smart durch Berlin

| Redakteur: Edgar Schmidt

Der Smart ist als Stadtwagen gut für den E-Antrieb geeignet.
Der Smart ist als Stadtwagen gut für den E-Antrieb geeignet. (Foto: Schmidt)

Insbesondere in Städten soll die Elektromobilität ihre Vorteile ausspielen. Doch auch hier kann die geringe Reichweite schnell zum Problem werden – nämlich dann, wenn gleich mehrere unglückliche Umstände zusammentreffen.

Elektroauto und Carsharing passen eigentlich ideal zusammen. Wenn man nämlich ein Elektroauto nutzen kann, ohne es vorher für viel Geld anschaffen zu müssen, senkt das die Hemmschwelle, diese alternative Antriebsform einmal auszuprobieren. Und wer mit dem Auto nur kurze Strecken bewältigen will, dürfte auch kein Problem mit der Reichweite bekommen – eigentlich. Laut einer Statistik von Car-2-Go, dem Carsharing-Anbieter im Daimler-Konzern, fahren die Autonutzer meist nur Strecken zwischen 5 und 20 Kilometern – also Entfernungen, die heutige E-Mobile problemlos bewältigen. Deshalb bieten die Autohersteller bei ihren Carsharing-Konzepten zunehmend auch Elektromobile an. Bei Car-2-Go haben zum Beispiel weltweit bereits fast 16 Prozent der Fahrzeuge einen batterieelektrischen Antrieb.

Auch die Bahn bietet mit ihrem Carsharing-Ableger Flinkster in Deutschland inzwischen mehr als 100 Elektroautos an ihren Stationen an, zum Beispiel an den Bahnhöfen in Berlin, Hamburg, Frankfurt und Stuttgart. Grund genug, selbst einmal auszuprobieren, ob sich das E-Auto-Carsharing wirklich als Mobilitätsalternative eignet. Da ich bei Flinkster bereits angemeldet bin, war ein Smart Electric Drive der Bahntochter für mich die ideale Ergänzung zum Zug auf einer Dienstreise nach Bernau bei Berlin. Ziel war das dortige Berufsbildungszentrum.

Zuerst musste ich aber prüfen, ob die Reichweite des Elektro-Smart für meine Ansprüche genügt. Laut den technischen Daten des Wagens hat er bei idealen Bedingungen eine Reichweite von 145 Kilometern mit einer Batteriefüllung. Die Strecke vom Hauptbahnhof zum Bildungszentrum beträgt laut Routenplaner lediglich 37 Kilometer und die Temperaturen sollten sich am Reisetag um den Gefrierpunkt herum bewegen. Da hätte ich mir trotz der temperaturabhängigen Batteriekapazität sogar noch den Umweg von etwa sechs Kilometern zu dem in Wandlitz gebuchten Hotel erlauben können. Doch dann kam alles ganz anders.

Zu viele Baustellen

Das Buchen des Autos klappt über die Flinkster-Onlineseite absolut problemlos. Mit der Bestätigung bekommt man eine Beschreibung, wo man das Auto am Bahnhof finden kann. Deshalb stand ich auch bereits fünf Minuten nach Ankunft des Zuges am Auto. Wie erwartet, steckte das Ladekabel des Smart in der Steckdose. Allerdings hatte der Nutzer vor mir vergessen, den Ladevorgang zu aktivieren. Das war der erste Schreck auf der Reise. Doch ich hatte noch Glück. Die Ladeanzeige stand bei 60 Prozent, also bei idealen Bedingungen noch 87 Kilometer Reichweite. Im Hinweis der Bahn zu dem E-Auto stand jedoch, man solle für jeden Kilometer Fahrstrecke im Realbetrieb etwa ein Prozent Batterieladung einkalkulieren – also nur noch 60 Kilometer Reichweite. Doch auch das sollte wohl reichen. Ich entschied mich trotzdem anders und programmierte das Navi gleich auf das Bildungszentrum als Ziel. Ins Hotel würde ich dann halt erst nach einer Zwischenladung während des Termins fahren.

Ideal für den Stadtverkehr

Der Smart ED entpuppte sich als ideales Fahrzeug für den Berliner Stadtverkehr. Der 55 kW starke Elektromotor reicht vollkommen aus, um im Verkehr mitzuschwimmen und auch auf der Stadtautobahn wird das Gefährt nicht zum Verkehrshindernis. Allerdings erwies sich der Hinweis der Bahn als absolut richtig; nach den ersten 10 Kilometern lag der Füllstand der Batterie bei knapp 50 Prozent. Dann der zweite Schreck: Die Autobahnabfahrt Weißensee, an der ich eigentlich von der A10 auf die A11 hätte wechseln müssen, war wegen Bauarbeiten gesperrt, die Umleitung gut 15 Kilometer lang. Mit einem Benziner oder Dieselantrieb ist das kein Problem, doch in einem Elektroauto, dessen Batterieladung sich langsam der roten Zone nähert, ist ein solcher Umweg kein Vergnügen. Also Heizung aus, um alle Energie für den Vortrieb zu reservieren – und 80 km/h Höchstgeschwindigkeit müssen auch mal reichen.

Dann der nächste Schreck. Die Ortsdurchfahrt Bernau war ebenfalls wegen Bauarbeiten gesperrt – noch einmal fünf Kilometer Umweg. Trotz Außentemperaturen von knapp unter Null bildeten sich bei mir nun die ersten Schweißperlen, denn die Ladeanzeige hatte nun schon fast den unteren Anschlag erreicht. Mein einziger Trost: In Bernau hätte man das Auto wenigstens vernünftig abstellen können. Kurz vor dem Bildungszentrum ließ dann auch noch die Leistung des E-Antriebs nach – schließlich fuhr ich nun bereits seit einigen Kilometern auf Reserve. Dann endlich war das rettende Ziel in Sicht und ich konnte die Batterien in einer der Schulungswerkstätten wieder aufladen lassen. Allerdings musste ich mich nun zum Hotel shutteln lassen, denn am nächsten Tag wollte ich mich mit vollen Batterien wieder auf den Weg zum Bahnhof machen. Das Hotel bot leider keine geeignete Steckdose und öffentliche Ladesäulen gibt es in Wandlitz ebenfalls noch nicht.

Der Rückweg verlief dann so, wie ich es mir schon für den Hinweg gewünscht hätte. Mit vollen Batterien war die Strecke überhaupt kein Problem. Da konnte ich sogar die Heizung voll nutzen und brauchte keine Einschränkungen bei der Beschleunigung oder der Höchstgeschwindigkeit in Kauf zu nehmen. So macht E-Auto fahren Spaß.

Carsharing ist also ein guter Weg, um die E-Mobilität mit ihren Vor- und Nachteilen kennenzulernen, ohne gleich in ein neues Auto investieren zu müssen. Allerdings geht das nicht ohne Vorbereitung. Denn man sollte mit der Technik insofern vertraut sein, dass man seinem Nachmieter eine volle Batterie ermöglicht – alternativ sollten die Carsharing-Anbieter von Außen kontrollieren können, ob ein geparktes Auto auch wirklich geladen wird. Außerdem empfiehlt es sich, bei der Reichweite ein ausreichendes Polster für Umwege einzuplanen, denn aus 37 Kilometern Entfernung sind bei mir zum Beispiel knapp 60 geworden. Dann klappt auch die Fahrt mit einem Elektroauto.

Kommentare werden geladen....

Kommentar zum Beitrag schreiben

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 38280010 / Antrieb)